Die Flagge des Papstes als Streitfall

Seit ihrer Einführung stand die gelbweiße Fahne des Vatikans immer wieder im Fokus der Politik. Von Ulrich Nersinger

Die Flagge des Vatikan. Foto: IN
Die Flagge des Vatikan. Foto: IN

Die Flaggen Palästinas und des Heiligen Stuhls dürfen künftig vor den UN-Sitzen in New York, Genf und Wien gehisst werden. Dafür sprachen sich die Delegierten der UN-Vollversammlung mehrheitlich aus. 119 UN-Mitgliedstaaten stimmten dafür, acht dagegen, darunter Israel und die USA. Deutschland, Österreich und andere Länder enthielten sich der Stimme. Der Vatikan und Palästina sind keine Mitglieder der Vereinten Nationen, sondern haben dort den Status von Beobachterstaaten ohne Stimmrecht.

Die Geschichte der gelbweißen Fahne des Papstes und des Kirchenstaates ist noch jung, aber besaß von Anfang an eine gewisse Brisanz. In Italien – und damit auch in den Päpstlichen Staaten – kamen gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Kokarden auf, Abzeichen aus Papier oder Stoff, die vor allem an militärischen Kopfbedeckungen getragen wurden. Die Farben nahm man meist aus dem Wappen oder der Wappenfahne des Landes. Rom und die Päpste hatten oft goldene Darstellungen auf rotem Grund in ihren Wappenfahnen. Daher wurde im Kirchenstaat eine Kokarde in den Farben Gelb und Rot (Amarant) üblich. Zu Beginn des Jahres 1808 drangen die Truppen Napoleons auf ihrem zweiten Italienfeldzug in das weltliche Herrschaftsgebiet des Papstes ein und besetzten die Ewige Stadt. General Miollis, der Befehlshaber der französischen Soldaten, ordnete die Eingliederung der päpstlichen Truppen in die kaiserliche Armee an: Er befahl seinen Männern, die französische Kokarde von ihren Hüten zu entfernen und sie durch die gelbrote der päpstlichen Soldaten zu ersetzen. Da Pius VII. (1800–1823) nicht mehr über seine regulären Truppen verfügte, konnte er seinen Protest nur noch durch seine Palastwachen zeigen; er gab ihnen den Befehl, die gelbrote Kokarde mit einer gelbweißen zu tauschen. Pius VII. wählte die Farben Gelb und Weiß (in der Heraldik: Gold und Silber), da durch sie von altersher die Schlüssel des heiligen Petrus dargestellt wurden.

Die Päpstliche Nobelgarde steckte die neue Kokarde an. Mit diesen Farben zeigten sie sich nicht nur in ihrem Quartier und im Apostolischen Palast, sondern auch in der Stadt. Durch dieses Verhalten aufgebracht, besetzten die Franzosen das Quartier der Nobelgarde, das sich in der Nähe des Quirinals im Palazzo della Consulta befand. Sie verhafteten die adeligen Gardisten, um sie in der Engelsburg festzusetzen. Nur wenige Zeit später wurde dann auch die Schweizergarde entwaffnet, der Papst gefangengenommen und nach Frankreich verschleppt.

Nach dem Sturz Napoleons stellte der Wiener Kongress (1814–1815) die alte Ordnung wieder her, und die Päpstlichen Staaten erschienen erneut auf der Landkarte Europas. Der Papst ordnete nun für alle seine Truppen die gelbweiße Kokarde an. Zehn Jahre später wurde durch Leo XII. (1823–1829) den Schiffen des Kirchenstaates eine neue Flagge vorgeschrieben: unterteilt in zwei Felder, gelb und weiß, in der Mitte die von der Tiara überhöhten gekreuzten Schlüssel Petri. Als erstes Armeekorps der Päpstlichen Staaten übernahm im Jahre 1831 die „Guardia Civica“ (Bürgermiliz) Gelb und Weiß in ihrer Fahne.

Nach dem Ende des alten Kirchenstaates im Jahre 1870 kam es häufig zum Streit um die gelbweiße Fahne des Papstes. Wurde sie in katholischen Ländern zum Empfang eines päpstlichen Legaten aufgezogen, protestierte regelmäßig der Botschafter Italiens gegen das Hissen der Flagge. In Frankreich versuchten antiklerikale Kräfte, das Zeigen der päpstlichen Fahne zu verbieten; in einigen Departements gab es Verordnungen, die dies mit Strafandrohungen durchsetzen wollten.

Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zeigte sich eine Entspannung im „Flaggenstreit“. Als sich im September 1919 Kardinal Filippo Giustini zur Siebenhundertjahrfeier der Kustodie des Heiligen Landes nach Palästina begab, lud ihn die italienische Regierung aus Prestigegründen dazu ein, sich für die Überfahrt des Kriegsdampfers „Quarto“ zu bedienen. Der Kreuzer verließ Tarent mit der offiziellen Aufforderung, dass bei seinem Auslaufen die Flagge des an Bord anwesenden „Prinzen königlichen Geblütes“ – so der protokollarische Rang eines Kardinals – zu hissen sei. Als die „Quarto“ in See stach, erwiesen alle im Hafen anwesenden Schiffe der gelbweißen Flagge des Papstes die vorgesehenen Ehren.

Am 11. Februar 1929 kam es zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Königreich Italien zur Aussöhnung. Es wurden die Lateranverträge geschlossen, die zur Gründung des souveränen Staates der Vatikanstadt führten. Die Flagge des Papstes und des Vatikanstaates besteht seitdem aus zwei vertikal getrennten Feldern, einem gelben nächst der Fahnenstange sowie einem weißen, das die Tiara mit den gekreuzten Schlüsseln des Apostelfürsten trägt.