Die Familie im Gegenwind

Liberalisierung der Ehe macht die Familien zum Spielball der Politik – Kolloquium am Kölner Lindenthal-Institut. Von Katrin Krips-Schmidt

Robert P. George, den die „New York Times“ als „einflussreichsten konservativen christlichen Denker der USA“ bezeichnet hat. Foto: IN
Robert P. George, den die „New York Times“ als „einflussreichsten konservativen christlichen Denker der USA“ bezeichnet ... Foto: IN

Wenn es stimmt, dass der Kampf um Ehe und Familie in den postmodernen Gesellschaften bereits verloren ist, dann wäre es sinnlos, noch Kolloquien mit der Zielsetzung zu veranstalten, Klärungen zu dieser Frage herbeizuführen, und positiv formulierte Handlungsanweisungen zur Überwindung einer momentan misslichen Situation zu geben.

Doch in der vergangenen Woche ging es auf einer Tagung des Lindenthal-Instituts in Köln um die Auseinandersetzung mit dem Thema „Ehe und Familie im Gegenwind“. Mittlerweile handelt es sich dabei um ein Problem, das globale Ausmaße angenommen hat. Dem Veranstalter war es gelungen, mit Robert P. George den – laut „New York Times“ – „einflussreichsten konservativen christlichen Denker der USA“ (New York Times vom 20. Dezember 2009), über den großen Teich zu holen. Der smarte katholische Professor lehrt Rechtswissenschaften an der Princeton University und tritt dezidiert gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe ein sowie für eine naturrechtliche Sicht der Ehe von Mann und Frau. Gemeinsam mit zwei jungen Wissenschaftlern hat George im Jahre 2012 eine Verteidigungsschrift darüber verfasst: „What is Marriage?“ (Was ist Ehe?), um damit zum Kernbestand der Ehe vorzudringen und deutlich zu machen, was sie vor allem gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften abgrenzt.

Die Liste gesellschaftlicher Missstände ist unterdessen lang, und das weltweit: Eine Zunahme der Scheidungen, eine Abnahme der Eheschließungen, rückläufige Geburtenraten, ein Anstieg eheähnlicher Lebensgemeinschaften. Geradezu frappant verläuft die rasante Entwicklung, die sich in den letzten Jahren und Monaten vollzieht. Wöchentlich, ja fast täglich werden wir Zeuge neuer staatlicher Verordnungen, die festschreiben sollen, wie Mann und Frau und Kinder künftighin miteinander zu leben haben. In der letzten Woche hat das britische Unterhaus die Einführung der „Ehe“ für homosexuelle Paare beschlossen, der französische Ministerpräsident Hollande hat für das Jahr 2013 ein Gesetz für adoptionsbereite gleichgeschlechtliche Paare angekündigt.

Professor George zufolge haben wir es nicht nur mit einer Neudefinierung der Ehe zu tun, sondern mit ihrer Abschaffung. Die „Ehe“ – traditionell als ein in körperlicher und geistiger Hinsicht durch polare Komplementarität aufeinander hin konstituierender Zusammenschluss von Mann und Frau definiert, die beide als Personen untereinander verbunden sind – wird ihres Sinnes beraubt, wenn man ihr nur noch eine emotionale, eine sexualromantische Bindung unterlegt. Würde man Ehe zudem nur auf diese gefühlsmäßige Komponente reduzieren, die – wie wir wissen – nicht immer von Dauer ist, hätte eine solche Form einer Gemeinschaft nicht den nötigen Bestand, den sie gerade auch im Hinblick auf die Verantwortung für die gemeinsame Kindererziehung benötigt. Einer derartigen Neudefinition zufolge könnte „Ehe“ zudem auf „polyamouröse“ Ensembles ausgeweitet werden – auf Gruppen von drei, vier Personen – die Ausschließlichkeit der geschlechtlichen Partnerschaft in der Ehe entfiele. Ein weiteres Problem ergebe sich des weiteren mit dem Tatbestand des Ehebruchs, in Großbritannien noch immer ein Scheidungsgrund. Dieser fiele bei einer Neubestimmung der traditionellen Vorstellung von Ehe tatsächlich weg, was letztlich zu einer totalen Auflösung ehelicher Exklusivheitsansprüche führte.

Der Einfluss von Recht und Gesetz auf die Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder lässt sich mit der Formel wiedergeben „Law shapes culture and culture shapes conduct“ (Das Recht gestaltet die Kultur und die Kultur gestaltet das Verhalten.) Die Folgen sind schon heute nicht mehr zu übersehen. Wer heute die Ehe als exklusiven Bund zwischen Mann und Frau ansieht, werde, so George, als „bigot“, als Eiferer, als Frömmler angesehen.

Der zweite Referent der Tagung, der Philosophie-Professor Sergio Belardinelli, lehrt Kultursoziologie an der Universität Bologna. Er verteidigte die Familie als „primäre soziale Form“ und somit ihre Schlüsselfunktion für die Gesellschaft und gab zu bedenken: „Es besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen dem heute vorherrschenden Individualismus und der verbreiteten Tendenz zur sogenannten Deregulierung der Familien, deren offizieller Sponsor die EU anscheinend geworden ist.“

In der abschließenden, von Professor Manfred Spieker geleiteten, Fragerunde wurden kritische Punkte weiter vertieft. Der Begriff „Gender“, von den Referenten bis hierhin noch nicht einmal erwähnt, sollte nun ins Spiel gebracht werden. Natürlich habe das alles mit der Genderideologie zu tun, so Belardinelli. Es gehe inzwischen um einen Kulturkampf, der verloren scheint, wenn wir an die Medien denken. Aber die Familie stehe gerade auch bei der Jugend hoch im Kurs. Weshalb wir den im anglophonen Bereich üblichen Begriff „Parenting“ für die Erziehung von Kindern nicht mehr verwenden, sondern ihn stattdessen in „Mothering“ und „Fathering“ aufgliedern sollten, machte George an einem simplen, aber anschaulichen Beispiel klar. Kinder lernten von ihren Vätern und Müttern ein jeweils unterschiedliches Verhalten: von den einen, Risiken zu übernehmen, von den anderen, sich vorsichtig zu benehmen. In Untersuchungen zeige sich: Väter werfen ihre Babys und Kleinkinder höher und weniger behutsam in die Luft als es Mütter tun, da sie es gewohnt sind, risikoreicheres Verhalten auf sich zu nehmen und an ihren Nachwuchs weiterzugeben, während Mütter eher darauf bedacht sind, „Umsichtigkeit“ in ihrer Erziehung walten zu lassen. Georges Worte klingen für deutsche Ohren unbequem und äußerst couragiert: Unsere Vorfahren waren schließlich bereit, für ihre Überzeugungen zu sterben.