Die Ehe – eine christliche Berufung mit Leib und Seele

Liebe, Sex und Hingabe: Warum die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. brennend aktuell ist. Von Norbert und Renate Martin

„Der Kuss“, Skulptur von Auguste Rodin. Foto: dpa
„Der Kuss“, Skulptur von Auguste Rodin. Foto: dpa

Meditationskurse sind heute ein Renner. Menschen wollen durch sie zu sich selbst finden. Es geht ihnen um Sinnerhellung ihres Daseins. Ob durch Yoga, Buddhismus, indische Gurus oder über andere Wege, überall suchen sie Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Was soll mein Leben? Was ist sein Ziel? Wir Christen stellen diese Frage auch und suchen die Antwort bei Jesus Christus, oder auch in der Kirche – vor allem ihren Heiligen und prägenden Gestalten. Seit einigen Wochen steht hier neu an vorderster Front der selige Papst Johannes Paul II., ein Mensch, zu dem schon zu seinen Lebzeiten viele Antwort suchend aufgeblickt haben und der gerade für die Frage nach dem Menschen ein idealer Gesprächspartner war und ist.

Den Menschen als Weg der Kirche radikal ernst zu nehmen war das Anliegen Karol Wojtylas – schon bevor er als Papst Johannes Paul II. 1978 die Bühne der Weltgeschichte betrat. Aus der Feder des Bischofs und Professors stammen so wunderbare Bücher wie „Von der Königswürde des Menschen“ und „Liebe und Verantwortung“, die uns Einblicke in sein Denken zu diesem Thema gewähren. Als Papst legte er in den Mittwochskatechesen zwischen 1979 und 1984 einen biblischen Leitfaden über den Menschen, seinen Leib, seinen Geist, seine Seele, die Liebe und das Leben vor und zwar besonders im Blick auf die Ausprägung des Menschen als Mann und Frau, wie man ihn sich geeigneter für die Meditation über Sinn und Ziel unseres Lebens kaum wünschen kann. Die zeitliche Begrenzung jeder dieser Katechesen auf etwa 20 Minuten bewirkt einen ganz eigenen Rhythmus der Gedankenführung, der es erlaubt, in kleinen Abschnitten, in „bekömmlicher Dosierung“ – meditierend eben –, allmählich das Ganze aufzunehmen. Zudem beginnt jede Katechese mit einem kurzen Résumé der vorhergehenden, so dass auch eine Leseunterbrechung aufgefangen wird.

Wie kam es zu diesen Katechesen?

Als junger Priester und Professor unterhielt Wojtyla einen regen Kontakt zu Jugendlichen und Studenten. Er begleitete ihr Heranwachsen, erfuhr, wenn sie sich verliebten und über die Zukunft dieser Liebe nachdachten, verheiratete viele von ihnen, taufte später ihre Kinder – kurz er begleitete sie durch Höhen und Tiefen ihrer Freundschaften, Ehen, Familien, beriet sie, war ihnen Führer auf geistlichem Gebiet und tröstete sie in nicht ausbleibenden Schwierigkeiten – und das bis zum Ende seines Lebens. Bei manchen war er so etwas wie ihr Hauskaplan, der mitging auch auf Kanufahrten im Sommer. Auf einer von ihnen erreichte ihn zum Beispiel zum Leidwesen seiner Begleiter die Berufung zum Bischof von Krakau.

Er spürte zutiefst, dass die meisten Menschen ganz konkrete Wegweisungen brauchen, die aus der Herzmitte des christlichen Gottes-, Menschen- und Weltverständnisses kommen, die sich aus Jesu Worten und aus der Bibel insgesamt ergeben. Diese Erkenntnis aus der gelebten Realität verband sich bei Johannes Paul II. ganz von selbst mit seinem philosophischen Ansatz, der ebenfalls den ganzen Menschen im Blick hatte, so dass eine organische Zusammenschau zustande kam, gespeist aus praktischem Erleben und Nachdenken, beides verbunden durch die theologische Anthropologie eines tiefgründigen, um nicht zu sagen mystisch begabten Priesters. Die Vision der christlichen Ehe als Heilsweg, der seit der Erschaffung des Menschen im göttlichen Heilsplan vorgesehen war, besaß für Johannes Paul II. ohne Zweifel eine geheimnisvolle Anziehungskraft, weil dieser Weg dem Dynamismus seines philosophischen Ansatzes und der daraus sich ergebenden Anthropologie entsprach.

Schon 1962 kam erstmals als Synthese seines Denkens über die Liebe Karol Wojtylas Werk „Liebe und Verantwortung“ heraus, das auf Deutsch 1979, also bald nach seiner Wahl zum Papst, im Zuge der ersten Veröffentlichungen seiner Werke als Professor und Bischof erschien. Es ließ damals junge Leute aufhorchen, denn sie spürten instinktiv, dass die Liebe zwischen Mann und Frau weit tiefere Dimensionen aufweist, als die gängige Praxis suggeriert und als aus der normalen Katechese – sofern sie sich überhaupt dieses Themas annahm – herauszuhören war.

Als Kardinal Wojtyla 1978 zum Konklave nach Rom reiste, trug er den Entwurf für ein neues Buch bei sich, das die Thematik der Liebe und der Leiblichkeit des Menschen von der biblischen Seite aus angehen sollte. Die Ausführungen des mehr philosophisch argumentierenden Buches „Liebe und Verantwortung“ passen mit den Entwurfskizzen des neuen Buches perfekt zusammen. Aber das Konklave und die Wahl Woitylas zum Papst ließen daraus etwas völlig Neues und Unvorhergesehenes entstehen.

Am 5. September 1979, also ein knappes Jahr nach seiner Wahl, überraschte er die Kurie und bald auch alle, die seine Äußerungen wach verfolgten, mit der Ankündigung eines Katechesenzyklus, einem bis dahin nicht praktizierten Vorgehen bei den Ansprachen der Mittwochs-Audienzen. Er stellte diesen Zyklus bei der ersten dieser Katechesen in den Zusammenhang der für den Herbst 1980 geplanten Römischen Weltbischofssynode mit dem Titel: „Die Aufgaben der christlichen Familie in der heutigen Welt“: „Der Zyklus der Betrachtungen, den wir heute beginnen und den wir bei den kommenden Mittwochsaudienzen fortsetzen wollen, hat unter anderem auch das Ziel, den Vorbereitungsarbeiten für die Synode sozusagen von ferne zu folgen. Wir werden nicht direkt das Thema behandeln, sondern unsere Aufmerksamkeit auf die tiefen Wurzeln lenken, aus denen dieses Thema hervorgeht.“

Nicht er hatte das Synodenthema gewählt. Es wurde noch unter Paul VI. festgelegt, aber es war Johannes Paul II. wie auf den Leib geschrieben, eine „Steilvorlage“ der Vorsehung gleichsam, da es eine Problematik aufgriff, die für ihn aus Gründen, die weiter unten dargelegt werden, zu den drängendsten Fragen unserer Zeit gehörte. Damals ahnte keiner, dass die letzte dieser Katechesen erst am 28. November 1984 gehalten würde, also der ganze Zyklus über vier Jahre dauern werde.

In den Katechesen verarbeitete der Papst den Buchentwurf zu einer Folge von 133 Ansprachen. Sie wurde nur von einigen aktuellen Ereignissen für einige Wochen oder Monate unterbrochen – zum Beispiel durch das lange Krankenlager nach dem Attentat 1981 und durch das Jahr der Erlösung 1983. Nach diesen Unterbrechungen griff er den Faden wieder auf und führte ihn konsequent zu dem Ende, das er von Anfang an vorgesehen hatte: der Anwendung seiner biblischen „Forschungen“ auf die aktuelle Zeit und ihre Nöte in Hinsicht auf die menschliche Liebe, auf Ehe und Familie – und dies vor allem in der katholischen Kirche.

Denn in ihr hatte sich in den 1960-er und 1970-er Jahren eine fast komplette Sprachlosigkeit hinsichtlich der Themen Liebe und Sexualität breit gemacht. Nach rigiden Vorstellungen und legalistischen Verhaltensregeln zu Leiblichkeit und Sexualität, die im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (noch) die pastorale Regel waren, riss aufgrund der modernen Verhütung und vor allem im Gefolge der Enzyklika „Humanae vitae“ vom 25. Juli 1968 in der Kirche ein tiefer Graben auf. Viele Theologen und Priester glaubten (ohne nähere Kenntnis der medizinischen Zusammenhänge), durch die modernen Verhütungsmethoden den Eheleuten zu einem erfüllteren Liebesleben zu verhelfen. So wurde die Verhütung der Fruchtbarkeit zum Angelpunkt der innerkirchlichen Diskussion über die eheliche Liebe. In „vorauseilendem Gehorsam“ – der sicheren Erwartung also, dass das Lehramt diese neuen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung nachträglich absegnen werde – brach die hormonelle Verhütung wie eine Flutwelle über die Kirche herein und wurde von Beichtvätern und Bischöfen zumindest billigend in Kauf genommen. Die Einsetzung einer päpstlichen Studienkommission nährte die Hoffnung. Steigbügelhalter dieser Hoffnung war auf dem Gebiet der Moraltheologie die Theorie einer autonomen Moral.

Dann kam die Ernüchterung, die man nur als eine krisenhafte Zäsur in der Kirchengeschichte bezeichnen kann: Einige aus dem Zusammenhang der wegweisenden – manche sagen prophetischen – Enzyklika gerissene Sätze, die darstellen, dass Verhütung unvereinbar ist mit dem Plan Gottes mit Mann und Frau und nur eine Empfängnisregelung (das heißt die Nutzung von Zeiten, in denen keine Empfängnis stattfinden kann) diesem entspricht, wirkten wie ein Donnerschlag und führten zu einer Protestwelle, die die 68-er Bewegung mitten in die Kirche brachte.

Dabei lehrte „Humanae vitae“ nichts anderes, als das Konzil in „Gaudium et spes“ formuliert hatte. Papst Paul VI. vertiefte diese Lehre, indem er den grundlegenden Unterschied von „Regelung“ und „Verhütung“ herausarbeitete, sie durch eine umfassende Darlegung der Kriterien für eine Verantwortete Elternschaft erweiterte und präzisierte und sie in allgemeine Grundlinien einer christlichen Anthropologie einfügte.

Er bat damals die Theologen, die Argumentation des Lehramts weiter zu klären und pastoral aufzuarbeiten. Leider geschah das kaum, so dass die diesbezügliche kirchliche Lehre in der gemeindlichen und pastoralen Verkündigung kaum mehr auftauchte. Die Folge war, dass sich vor allem Jugendliche und junge Ehepaare wie selbstverständlich die säkularen Verhaltensweisen ihrer Umwelt aneigneten und nicht weiter hinterfragten.

Dualistisches oder integriertes Menschenbild?

Mit dem üblich gewordenen freizügigen Verhalten in Hinsicht auf alles, was den menschlichen Leib – besonders auch im Bereich der Sexualität – betrifft, verbreitete sich eine Lebenshaltung, die man etwa so umschreiben kann: Mein Leib ist mein Eigentum; ich kann ihn behandeln, wie es mir zweckmäßig erscheint; was mich stört, kann ich eliminieren, was mir fehlt, kann ich zu ergänzen versuchen. Im Gefolge dieser Verdinglichung und rein funktionalen Betrachtungsweise des menschlichen Leibes, seiner Behandlung, als wäre er eine mir zur Verfügung gestellte Sache („Mittel für beliebige Zwecke“), konnte sich unbefangen alles breit machen, was heute selbstverständlich geworden ist – alle Arten Verhütung, Manipulation der Fruchtbarkeit bis zu den Extremen Abtreibung und künstliche Fruchtbarkeit; „Sex“ wird zur Quelle für „fun“, die Keimzellen des Menschen zu einer Ware.

Die Auffassung der Kirche vom Menschen in seiner Leiblichkeit widerspricht dieser biologistischen, utilitaristischen, ja weithin materialistischen Sicht radikal. Während für den modernen Menschen das Ich seinem Leib als einem Objekt, mit dem er macht, was er kann und will, gegenübersteht, er also aus dem Dualismus heraus handelt: hier ich – da der Leib, ist das Spezifikum des Menschseins für die Kirche die in der Schöpfung einmalige und vom Schöpfer so gewollte Verbindung von Seele, Geist und Leib in der einen menschlichen Person. Sie vertritt also ein integriertes, ganzheitliches Menschenbild. Die Person hat nicht einen Leib, sie ist Leib. Daher hat der Leib – wie Geist und Seele und mit ihnen innig verwoben – personale Qualität. Inkarnation und Auferstehung verleihen dem menschlichen Leib zudem eine theologische Qualität. Der physische Leib macht die geistige Dimension der Person offenkundig, der Geist artikuliert sich im Leib; diese Sicht schließt jeden Dualismus radikal aus. Die skizzierte dualistische Auffassung vom Menschen bedroht somit das christliche Menschenbild und verweigert sich dem Plan Gottes mit dem Menschen als einem Leib-Geist-Wesen in der Ausprägung von Mann und Frau.

Personale Liebe im Sinne der Kirche umfasst zugleich alle Werte der Person: Seele, Leib und Geist, sie ist Selbstverfügung in Treue und auf Dauer – oder ist eben nicht wirklich Liebe. Die Sehnsucht aller jungen Menschen geht, solange sie unbefangen dieser Thematik gegenüberstehen, in diese Richtung.

Diese Hinweise mögen genügen, um die zumeist unreflektierte Auffassung des Menschen von sich selbst zu skizzieren und den eigentlichen Hintergrund aufzuzeigen, der Paul VI. geradezu dazu zwang, „Humanae vitae“ abzufassen. Es ging ihm letztlich nicht um Ge- und Verbote hinsichtlich modernen Verhütungsmethoden – es ging ihm um die Rettung des christlichen Menschenbildes, dessen heute mögliche Pervertierung am Beispiel der die Liebe manipulierenden Verhütungsmaßnahmen besonders deutlich wird. Sein Ringen führte ihn zu der klaren Erkenntnis: die chemische Verhütung durch die „Pille“ ist nicht mit dem christlichen Menschenbild vereinbar. Sie verfälscht, ja zerstört die in der Liebe zum Ausdruck kommende Einheit der Person, in der eine göttliche Berufung „mit Leib und Seele“ verborgen ist.

Die gleiche Sorge um das integrierte Menschsein ließ Papst Johannes Paul II. zu dem Instrument des Katechesenzyklus greifen, um das christliche Menschenbild von der Bibel her zu verdeutlichen und Menschen zu ermutigen, ihm entsprechend zu leben. Ihm war absolut klar, dass es nicht um eine Bagatelle ging, sondern dass hier einander ausschließende Weltanschauungen (so auch in „Familiaris consortio„ Nr. 32) nach dem Menschen greifen und aufeinander prallen, deren eine die Wahrheit über das Menschsein leugnet. Davor muss die Kirche entschieden warnen. Wir erleben das gerade jetzt wieder in der aktuellen politischen Debatte über PID, bei der oftmals nicht der Mensch als Person, sondern als optimierbares Objekt und manipulierbares Mittel für fremde Zwecke angesehen wird.

Papst Benedikt XVI. führt in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ diese Linie Papst Paul VI. und Johannes Paul II. konsequent fort. Für alle drei Päpste spielt es keine Rolle, ob der Rettungsversuch fast aussichtslos erscheint, weil der Zeitgeist blind zu machen droht für die Unmenschlichkeit des dualistischen Menschenbildes. Irgendwann „wird die Wahrheit siegen“, wie Johannes Paul II. es ausdrückte. Dabei setzte er im Ringen um den Menschen nicht nur auf aktives Handeln, wie er es noch 1980 ausdrückte: „Ich werde nicht aufhören, diese unaufschiebbare Sendung, Gottes Plan (mit der Familie) zu verkünden, zu erfüllen, und benütze dazu meine Reisen, meine Begegnungen, Audienzen und Botschaften an Personen, Institutionen, Verbände und Fachleute, die sich um die Zukunft der Familie sorgen, sie zum Gegenstand ihres Studiums und Handelns machen.“ Sondern er erkannte nach dem Attentat, dass dieses Ringen mit der Teilnahme am Kreuz Christi zu tun hat: „Während der Tage meines langen Leidens habe ich viel an die geheimnisvolle Bedeutung, das mir gewissermaßen vom Himmel gegebene verhüllte Zeichen der Prüfung gedacht, die mein Leben in Gefahr brachte, als handle es sich gewissermaßen um einen Tribut der Wiedergutmachung für das geheime und offene Nein zum menschlichen Leben, das in den fortgeschrittensten Nationen um sich greift.“ – Hier wird noch einmal deutlich, welche zentrale Bedeutung das Thema Ehe und Familie im Denken und Handeln für Johannes Paul II. zeitlebens besaß.

Die Mittwochskatechesen zur Theologie des Leibes

Die Mittwochskatechesen Johannes Pauls II. wollen biblisch ausgerichteten Menschen die christliche Auffassung nahe bringen. Damit versucht er, selbst die Lösung der entfaltenden und interpretierenden Erklärung der Enzyklika zu betreiben, um die Papst Paul die Theologen gebeten hatte.

Wenn man das nachsynodale Schreiben „Familiaris consortio“ der Bischofssynode 1980 über die Familie als lehramtliche Summe der kirchlichen Eheauffassung bezeichnen kann, so die Mittwochskatechesen als biblisch-meditative Summe der Schönheit und Realisierbarkeit des Planes Gottes mit Mann und Frau. Sie sind eine Interpretation der vielen biblischen Aussagen, was der Mensch in seiner zweigeschlechtlich grundgelegten Suche nach personaler Ergänzung und Erfüllung durch die Liebe gerne tun und lassen wird, wenn er staunend inne geworden ist, wie wunderbar der Mensch von Gott geschaffen und von Christus erlöst ist.

Nach diesem Hinweis auf die Beweggründe des Papstes, diese Katechesenreihe zu halten, kommen wir zu einem kurzen Überblick über die Katechesen selbst.

Der erste Teil mit dem Titel „Die Worte Christi“ wurde zwischen Herbst 1979 und Juli 1982 gehalten, der zweite Teil mit dem Titel „Das Sakrament“ dann bis November 1984.

Man könnte zunächst den Eindruck haben, es sei nur die Rede vom Menschen, insofern er als Mann und Frau auf die Ehe hingeordnet ist. Dem entsprechend stehen im Mittelpunkt der exegetischen Betrachtungen des Papstes: Jesu Gespräch mit den Pharisäern über Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe mit Hinweis auf den (Schöpfungs-)„Anfang“; der Teil der Bergpredigt, der von der Begehrlichkeit und dem „im Herzen begangenen Ehebruch“ handelt; die bräutliche Bedeutung des Leibes, wie Paulus sie sieht.

Johannes Paul legt aber klar, dass es nicht zwei verschiedene christliche Menschenbilder gibt – eines für den ehelichen, eines für den um des Himmelreiches willen jungfräulich lebenden Christen. So sind der christlichen Ehelosigkeit über 50 Seiten der Ausführungen gewidmet. Die einheitliche Berufung ist für ihn ausgedrückt in einem Satz aus „Gaudium et spes“, der in der „Theologie des Leibes“ besonders in der Ausdeutung der paulischen Texte zur Leiblichkeit des Menschen zum Tragen kommt: Der Mensch findet und verwirklicht sich nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst an ein anderes personales Du, er muss zum Geschenk seiner selbst werden – und das sowohl in der Ehe als auch in der „um des Himmelreiches willen“ gewählten Ehelosigkeit. Beide sind Berufungen, die sich gegenseitig erklären und ergänzen.

Vor allem im Brief des heiligen Paulus an die Epheser entfaltet sich die Theologie des Leibes, in der Gott das große Geheimnis im Heilsplan Gottes enthüllt: Ehe ist das ursprüngliche Sakrament der Schöpfung (Genesis-Exegese) und Schauplatz der Heilsgeschichte, der Erlösung – ein Gedanke, den „Familiaris consortio“ (Nr. 13) präzisiert: „Wie jedes andere Sakrament ist die Ehe Gedächtnis, Vollzug und Prophetie des Heilsgeschehens,... Darstellung des Geheimnisses der Menschwerdung und seines Bundesgeheimnisses.“

Dies alles gipfelt am Ende der biblischen Betrachtungen des Papstes in einer Zuspitzung auf die Verantwortliche Elternschaft und geht über zu einem Kommentar der in „Humanae vitae“ dargestellten Lehre.

Nach diesem generellen Überblick einige Kerngedanken zu jedem der beiden Teile.

Johannes Paul II. beginnt im ersten Teil „Die Worte Christi“ mit der Genesis. Das ursprüngliche „Alleinsein“ Adams, das durch die Erschaffung Evas überwunden wird, stellt ins Licht, dass zur Fülle des Menschseins Gemeinschaft, Ergänzung gehört. Hier führt der Papst einen zentralen Grundbegriff der christlichen Anthropologie ein, die Communio personarum, die so viel wie bündnishafte Gemeinschaft von Personen, personale Liebesvereinigung, personaler Liebesbund, Liebesbündnis bezeichnet.

Das Urbild dieser Liebesgemeinschaft ist der Dreifaltige Gott selbst, und im Paradies lebten Adam und Eva in aller Unschuld des Herzens. So war es im Anfang.

Mit dem Sündenfall ging diese Unschuld verloren. Seither ist die Heilsgeschichte die dramatische Bühne zur Heilung dieses Risses in der menschlichen Natur durch die Inkarnation und Menschwerdung des göttlichen Wortes und durch seine Erlösungstat.

Jesus lässt keine Unklarheit, dass der Leib an der Wiederherstellung dieses Risses unverzichtbaren Anteil hat, weil er das Instrument für die aufrichtige Hingabe ist, ja in der Ehe wird der Leib zur Materie des Sakraments. Die Ehe soll ein spezifischer Weg des Heils, der Heilung und der Heiligung sein. Darin liegt eine grundsätzliche Absage an allen Manichäismus und Dualismus der Leiblichkeit und Geistigkeit des Menschen.

Der Papst geht sogar noch weiter und stellt fest, dass vom christlichen Ansatz her „der Leib... wie durch das Hauptportal in die Theologie eingetreten ist“ – ein Faktum, das gipfelt in der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes in Jesus von Nazaret.

Der Heilige Vater führt dann weiter aus, wie sich durch den Sündenfall die Begehrlichkeit im Herzen des Menschen einnistet und ihm einen Hang hin zum Bruch der Communio personarum gibt. Hier ist es wichtig, sich die Situation der Einehe im Alten Testament zu vergegenwärtigen: Gegenüber der Klarheit „am Anfang“ war die Situation nach dem Sündenfall in der übrigen Zeit des AT verdunkelt worden, die „Herzenshärte“ hatte zum Abfall von der Einehe geführt – das ganze auserwählte Volk geriet in den Sog der Untreue, so dass seine Geschichte (Bund – Bruch des Bundes – Untreue) mit Jahwe als eine Ehebruchsgeschichte dargestellt wird (Hosea, Sirach, Weisheitsbücher). Die ursprüngliche Berufung war Zuwendung, Treue, communio personarum, in der sich das Herz enthüllen soll, des Mannes zur Frau und umgekehrt, sowie des Volkes zu Jahwe. Das Ethos dieser Personengemeinschaft ist nicht einfach eine positivistische Norm, eine legalistische Vorschrift, sondern es ist personal, ein gegenseitiges Berührtsein der Personen in ihrem Innersten, das durch Treue, Dauer und Fruchtbarkeit zur Vollendung gelangt.

Folgerichtig beruft sich der Papst in längeren Ausführungen auf das Herz. Alle positiven Eigenschaften des Menschen entspringen ihm und haben hier ihren Sitz.

In den unter dem Thema „Das Sakrament“ im zweiten Teil zusammengefassten Katechesen interpretiert Johannes Paul II. bestimmte neutestamentliche Texte, die von der Ehe handeln oder darauf verweisen, insbesondere die paulinische Ausdeutung der menschlichen Leiblichkeit. Zentral ist hier der Epheserbrief, vor allem die Verse 21-33 des 5. Kapitels, in denen Paulus mit den folgenden Worten von dem „großen Geheimnis“ spricht, als das er die Parallele Mann – Frau / Christus Kirche bezeichnet: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein großes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.“

Man kann diese Analogie nur verstehen, wenn man von den oft erfolgten Missdeutungen, als ginge es um Macht, Herrschaft, Unter- und Überordnung, aber auch Gleichmacherei von Frau und Mann gänzlich absieht. Diese Stellen vom Standpunkt der modernen Diskussion, etwa des Gender-Mainstreaming, der Gleichstellungs-Ideologie und so weiter anzugehen, verfehlt und verfälscht den grundlegenden Ansatz und führt zum Nichtverstehen. Der einzige Zugang eröffnet sich, wenn man die Bindung von Mann und Frau – beziehungsweise Christus und der Kirche – an einander aus der Kategorie der bräutlichen Liebe begreift. Das heißt der Vertragscharakter (legalistisch) tritt ganz hinter den Bundesgedanken (personalistisch) zurück, weil für Paulus im Verhältnis Christus – Kirche das vorherrscht, was der Papst ein Liebesbündnis nennt.

Das ist die wirkliche Revolution, Emanzipation der Frau: Mann und Frau ordnen sich in gegenseitiger Hingabe ihrer selbst. Und gemeinsam ordnen sie sich Christus unter. Ihre gegenseitige Unterordnung lebt aus der gemeinsamen Ehrfurcht vor und der Unterordnung unter Christus (Eph 5,21).

Dies kann man nicht mit Kategorien wie Herrschaft und Macht verstehen, sondern nur in der Liebe. Dann steht Christus als der Dritte im Bund bei Mann und Frau, in ihm kommt die wahre Einheit zustande, er erschafft sich die Kirche (ecclesia) und auch die kleine Kirche (ecclesiola) von Ehe und Familie „rein, herrlich, heilig und makellos“.

Diese Analogien lüften ein wenig den Schleier, unter dem verborgen ist, was es heißt, dass die ganze Schöpfung Christus ähnlich werden soll, dass sie eine christologische Struktur hat.

Kann der Mensch diesem Anspruch gerecht werden, ist er dazu nicht zu schwach? Liebe drängt aus sich heraus zu selbstloser Ganzhingabe. In einem „Leben aus dem Geiste“, das auf die Kraft des Heiligen Geistes baut, sich seiner Führung überlässt, kann es gelingen, dass der Mensch sich nach diesem Anspruch seines Schöpfers ausrichtet. So ist für alle, die sich nach dem Gelingen der Liebe sehnen, eine Hinführung zur Spiritualität gefragt – auch und gerade der des Leibes; gefragt ist die Grundhaltung pfingstlicher Offenheit für den Geist der Liebe.

Der Papst bringt in diesem Zusammenhang das Paradigma der „Sprache des Leibes“ ein. Diese Sprache drückt Wahrheit aus, wenn der Mensch seinen Leib entsprechend dem Plan des Schöpfers benutzt, sie gleitet in die Lüge ab, wenn Eigensinn und Eigennutz das Handeln leiten.

Der Heilige Geist will uns davor bewahren, mit unserer gefallenen Natur in die Lüge abzugleiten. Wenn er uns dazu anleitet, die dem wahren ehelichen Dialog entsprechende „Grammatik“ zu benützen, deren Regeln von Liebe, Wahrheit, Treue und Selbstbeherrschung geprägt sind, dann wird die „Sprache des Leibes“ im Sinne des Sakramentes, des großen Geheimnisses, wahr.

Die Eheleute nehmen diese Sprache im Ehesakrament, bei der Trauung und danach im leiblichen Vollzug auf, in dem sie an die „Sprache des Leibes“ anknüpfen, wie sie „am Anfang“ war. Der prophetischen Dimension und Funktion der Sprache des Leibes im ehelichen Dialog kommt es zu, dass der Leib „im Namen“ der ganze Person spricht, dass alles durch ihn „hindurchtönt“, dass er in der Hingabe ganz auf den anderen „gestimmt“ ist... „Wenn der Mensch... in der Ehe... seinem Verhalten die Bedeutung gibt, die der fundamentalen Wahrheit der Sprache des Leibes entspricht, ist er auch selbst in der Wahrheit“, so der Papst –, das heißt er ist keusch und reinen Herzens: das gegenseitige Schenken wird zum Zeichen der Hingabe und Vereinigung Christi mit dem Menschen. So etwa lässt sich dieser personalistische Ansatz zusammenfassen.

An dieser Stelle nun geht der Papst dazu über, als Konsequenz aus allen vorangehenden exegetischen Überlegungen seiner fünfjährigen Betrachtungen eine Vertiefung der Lehre von „Humanae vitae“, insbesondere des Begriffs der „Verantworteten Elternschaft“, darzulegen. Diese steht unter dem Primat der Tugend, nicht der Begierde. Er geht dabei von einer meisterhaften Interpretation des Hohenliedes aus und zielt auf zentrale Problemfelder der Moderne: Kontrazeption (das heißt Manipulationen zur zeitweiligen oder dauerhaften Unterdrückung, Verhütung der Fruchtbarkeit), Abtreibung, In-vitro-Fertilisation, Nutzung der Stammzellen, PID und so weiter: Die wahre Sprache des Leibes liefert die Maßstäbe für unser menschliches Handeln, sofern es dem großen Geheimnis von Mann- und Frausein gerecht werden will.

Die Theologie des Leibes: Handbuch einer Theologie des Lebens und der Liebe

Der Reichtum der Ausführungen des Papstes auf über 600 Buchseiten oder gar die Möglichkeit der weiteren gedanklichen Entfaltung, zu der sie anregen, ist hier nicht annähernd zu erfassen. Man kann aber hoffen, dass ihre tragenden Grundbegriffe von der Pastoral aufgegriffen werden zur Deutung dessen, was der Mensch zu verwirklichen berufen ist: den göttliche Heilsplan „von Anfang an“ mit dem Menschen als Mann und Frau; die Selbstverwirklichung des Menschen durch selbstlose Hingabe (communio personarum); die Einheit von Leib, Geist und Seele in der Person; die Sprache des Leibes, die Wahrheit oder Lüge ausspricht; die Reinheit des Herzens, die zum Glück führt; die eschatologische, bräutliche Bedeutung des Leibes – um nur einige dieser Grundbegriffe zu nennen.

Letztendlich ist die Theologie des Leibes ein Gegengewicht gegen unsere heute weit verbreitete Kultur des Dualismus und Todes. Um sie zu überwinden, muss man über die wunderbare Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen sprechen. Es geht um einen Erkenntnisprozess, durch den sich die Bedeutung und damit die Berufung des Menschen erschließt, damit er sich nicht weit unter seiner eigenen Würde versteht und verkauft, sondern aus der derzeitigen Dekadenz herausfindet.

Es gibt hoffnungsvolle Zeichen, dass hier ein Umdenkungsprozess beginnt. Eines davon ist die geplante Einrichtung eines anerkannten viersemestrigen Studienganges über die Theologie des Leibes an der theologischen Fakultät in Heiligenkreuz bei Wien ab Herbst dieses Jahres, ein anderes der erste deutschsprachige Kongress über die Theologie des Leibes im Mai dieses Jahres an der Universität Eichstätt. Bei diesem Anlass stach die große Zahl junger Teilnehmer ins Auge, von denen viele im persönlichen Gespräch berichteten, dass und wie sie die Theologie des Leibes studieren, darüber Arbeiten schreiben bis hin zur Habilitation und wie sie sie für ihren Schulunterricht nutzen. Sie bestätigen, wie bereichernd, befreiend und stärkend die Botschaft des integrierten Menschenbildes für sie ist. Gerade die angemessene Würdigung der personalen Leiblichkeit zieht ohne weitere Worte den Schleier der Billigkeit und Langeweile von dem weg, was heute Liebe genannt wird und lässt die Schönheit der ganzheitlichen Liebe wieder aufleuchten.

Anders als vor einigen Jahrzehnten kann heute keiner mehr sagen, die Kirche schweige zum Thema der Leiblichkeit des Menschen. Die Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hören nicht auf, dieses Thema vom Heilsplan Gottes her aufzugreifen. Wo es glückt, diese Botschaft in ihrer Fülle – oder wie Johannes Paul sagte: als „herrliche Neuheit“ – an die Menschen heranzutragen, entdecken sie in ihr die Antwort auf ihre Fragen: Was ist der Mensch? Was ist das Leben? Was ist die Liebe?

Literatur: Johannes Paul II.: Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Eine Theologie des Leibes, hrsg. von Norbert und Renate Martin, Kisslegg 2008.

Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger, Kisslegg 2005