Die Dornenkrone & mehr

Die Kathedrale Notre-Dame birgt viele Schätze – und ist selbst einer. Hoffentlich auch in Zukunft. Von Georg Blüml

Nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame - Artefakte
Neu im Fokus der Öffentlichkeit: Die gerettete Dornenkrone Christi.dpa Foto: Foto:
Nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame - Artefakte
Neu im Fokus der Öffentlichkeit: Die gerettete Dornenkrone Christi.dpa Foto: Foto:

Notre-Dame in Flammen! Hilf- und fassungslos wurde die Welt Zeuge, wie sich die Feuersbrunst vom Chor zum Westwerk fraß, das Dach zu einem Gerippe von Balken entfleischte und der von gierig leckenden Flammenzungen umgloste Vierungsturm in einer Feuergarbe unterging. Die heitere Bläue des Himmels über dem lebensgefährlich verletzten Großbau und der Kontrast zur sich aufbäumenden Rauchsäule – das ließ Erinnerungen wach werden an New York. Der Dom des Weltkapitalismus versank; die Kathedrale von Paris scheint es überstanden zu haben. Ob sie aber überlebt? Notre-Dame de Paris, die Kirche Unserer Lieben Frau, ist mehr als ein Gotteshaus. Sie ist ein Symbol; für Frankreich, aber auch für das christliche Abendland. Nicht nur als hübsches Postkartenmotiv, auf dem eine der das Regenwasser vom Dach speienden Teufelsfiguren mürrisch und grimmig zum Eiffelturm hinüberblickt. Sie legt auch Zeugnis ab vom typisch europäischen Drang zum Schneller, Höher und Weiter.

Zwei Jahrzehnte bevor der vom Bauernjungen zum Bischof aufgestiegene Maurice de Sully 1163 den Grundstein für die neue Bischofskirche legte, war in der benachbarten Abtei St. Denis ein Kirchenneubau angegangen worden. Da wollte der Pariser Oberhirte nicht hintanstehen. Begonnen wurde Notre-Dame noch im Rundbogenstil der Romanik; nach dem Chor sollten das Quer- und das Langhaus errichtet werden. Mit dem Bau entwickelte sich aber auch die Mode weiter. Wieder war das Vorbild die mächtige Nachbarschaft, wo bereits Frühgotik angesagt war. Durch Kombination einiger schon länger bekannter Elemente wie Spitzbogen und Rippengewölbe konnte in St. Denis höher und schlanker gebaut werden. Nur noch ein Skelett von Stützen wurde benötigt. An die Stelle wuchtiger Mauern traten riesige Fenster, durch die das Licht Gottes in den Raum fluten konnte.

Die Erfindung der Skelettbauweise war eine Revolution. Im ganzen Land schossen Kathedralen in den Himmel; immer höher spannten sich die Gewölbe und immer weiter wurden die Fassaden aufgelöst, bis sie fast nur noch aus schimmerndem Glas und Blei bestanden. Die Gotik, eine Zeit der Wolkenkratzer. Bei Abschluss der Westfassade 1250 wirkten die keine hundert Jahre zuvor errichteten Teile des Neubaus veraltet. Sie wurden abgebrochen und durch neue im Stil der moderneren Hochgotik ersetzt. Nach dem Kapellenkranz ging es an die Innenausstattung des zu fünf Schiffen angewachsenen Titanen; es folgten Spätgotik, Renaissance, Barock. Die im Licht der Aufklärung herausgerissenen Buntglasfenster kündigten schwierige Zeiten an. Von der Revolution geplündert und dem Verfall preisgegeben, wurde die Kirche von Victor Hugo wiederentdeckt.

In seinem 1831 publizierten Roman „Notre Dame de Paris“ um die unerfüllbare Liebe des buckligen Glöckners zur schönen Esmeralda besang der Romancier die verwitternde Schönheit der eigentlichen Titelfigur – der Kathedrale von Paris mit ihrem Gewirr an himmelstürmenden Fialen, den kühn sich spreizenden Strebebögen und hoch aufragenden Graten sowie der schaurigen Galerie satanischer Bestien, die – gezähmt und zur Abwehr des Bösen – dem Gotteshaus als Wasserspeier dienen. Hugo entführte seine Leser in ein romantisch erträumtes Mittelalter und öffnete ihnen den Blick für die vom Untergang bedrohten Schönheiten der eigenen Geschichte, der eigenen Identität. Damit setzte ein fundamentaler Wandel ein, der Stil der Großväter wurde wieder modern. Getragen wurde diese Entwicklung vom aufstrebenden Bürgertum, das damals in Frankreich sein goldenes Zeitalter erlebte.

1844 wurde der Architekt und Kunsthistoriker Eugene Viollet-le-Duc mit der Restaurierung von Notre-Dame beauftragt; der Beginn der modernen Denkmalpflege. Schon zuvor hatte man in die Jahre gekommene Bauwerke saniert – immer aber im Zeitgeschmack, was in Süddeutschland zu vielen hervorragend barockisierten Kirchen führte. Doch auch Viollet-le-Duc wollte nicht nur bewahren und sich darauf bescheiden, beschädigte Steine auszutauschen. Großzügig gestaltete er ganze Bauteile nach eigenem Gusto. Mit didaktischem Konzept rekonstruierte er zum Teil auch das bereits im Mittelalter Abgebrochene, um den Besuchern die Geschichte der eigenen Nation vor Augen zu führen; damals entstand der während des jüngsten Infernos eingestürzte Vierungsturm. Ebenso entwarf der später zum Generalinspektor aller Sakralbauten Frankreichs Ernannte das Reliquiar für die Dornenkrone Christi. König Ludwig IX. hatte sie dem in Finanznöten steckenden byzantinischen Kaiser für eine astronomische Summe abgeschwatzt, obwohl sie eigentlich bereits an die Venezianer verkauft worden war. Der später heiliggesprochene König reiste der prominenten Herrenreliquie entgegen und geleitete sie nach Paris, wo er sie am 19. August 1239 – barfuß und in einfacher Pilgerkleidung – nach Notre-Dame trug. Dort verblieb die heilige Krone bis zur Fertigstellung der Sainte-Chapelle 1248. Die eigens dafür erbaute Schlosskapelle des alten Königspalastes umschloss die Heiltümer für Jahrhunderte wie ein großer Heiligenschrein – bis zur Französischen Revolution. Alter und Ehrwürdigkeit schreckten die Revolutionäre ab, die Relikte zu schänden; nur die wertvollen, hochgotischen Reliquiare wurden eingeschmolzen, um an das Edelmetall zu gelangen. Die Krone selbst wanderte ins Depot der Nationalbibliothek. Napoleon übergab das Kulturerbe der Nation 1804 dem Erzbischof von Paris.

Bis zur Katastrophe ruhte sie seit 1806 in der Domschatzkammer. Um die Heiltums- und Kunstschätze aus dem bedrohten Seitenbau zu retten, bildeten mehr als 400 Feuerwehrmänner eine Menschenkette. Der Feuerwehr-Seelsorger trug die Schmerzenskrone von Christi Haupt sicher ins Freie, während über dem Kopf des Priesters die Flammenhölle loderte. Die berühmten Fensterrosen mit ihren Glasmalereien sind unbeschädigt, der barocke Hochaltar ein wenig. Die großformatigen Barockgemälde seien zu restaurieren, heißt es. Unwiederbringlich verloren ist der Wald aus uralten, mit Blei versiegelten Eichenbalken, der das Dach trug. Zuvorderst braucht es ein Notdach, um das teils eingestürzte Gewölbe zu sichern. Dies wird zweifellos gelingen. Ob es aber reichen wird? Eine jede Kathedrale gründet auf dem Vertrauen der einen Generation in die nächste; ein ewig währendes Treueversprechen. Die Errichtung dauert Jahrhunderte und danach will der Bau liebevoll gepflegt und mit lebendigem Glauben erhalten werden; so wie der eine Stein seinen nächsten trägt. Die Generationen vor uns waren dazu immer wieder bereit, nun liegt es an uns.