„Die Bischöfe regieren hier nicht durch“

Nach dem Rücktritt des Geistlichen Leiters der katholischen Journalistenschule in Deutschland herrscht Aufregung Von Johannes Seibel

Die Pressefreiheit in der katholischen Kirche Deutschlands in Gefahr sieht Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes. „Handstreichartig“ solle die Journalistenschule der Deutschen Bischofskonferenz zu einer „katholischen Kaderschmiede umfunktioniert werden“, sagte er der „Frankfurter Rundschau“ am Dienstag. Er kommentierte damit den Rücktritt von Pfarrer Michael Broch, der das Amt des Geistlichen Leiters am Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), so heißt diese Journalistenschule offiziell, in München aufgab – Konsequenz aus einem papst- und kirchenkritischen Interview vom 22. Mai in der „Leonberger Kreiszeitung“ (siehe nebenstehende Spalte „Dokumentiert“), für das sich Pfarrer Broch zwar entschuldigte, das aber augenscheinlich weiter für erhebliche Verstimmung sorgte. Die Bischofskonferenz teilte dann am vergangenen Freitag mit, Broch habe sich zu seinem Rücktritt entschlossen, „weil er das nötige Vertrauen zahlreicher Bischöfe verloren“ habe. Der Text des inkriminierten Interviews enthalte „einige Bewertungen der kirchlichen Lage und zuspitzende Aussagen, die in der Bischofskonferenz für unvereinbar gelten mit der Verantwortung, die dem Geistlichen Direktor des ifp zufällt“, stand in der Mitteilung weiter zu lesen. Der Rottenburger Diözesanpriester Broch hatte erst seit März amtiert und war auf Vorschlag des Rottenburger Bischofs Gebhard Fürst, Vorsitzender der Medienkommission der Bischofskonferenz, von deren Ständigem Rat ins Amt bestellt worden.

Überraschender Zeitpunkt des Rücktritts

Broch überraschte mit dem Zeitpunkt des Rücktrittes. Elvira Steppacher, Journalistische Direktorin und damit Partnerin von Broch in der ifp-Doppelspitze, hatte zuvor Anfang Juni eine interne Debatte um das katholische Profil der Ausbildungsstätte erfolgreich moderiert. Absolventen der Journalistenschule, die sich von den Äußerungen Brochs in seiner Funktion als Geistlichem Leiter des ifp nicht mehr vertreten sahen und dessen Papst- und Kirchenschelte energisch zurückwiesen, hatten sich zu Wort gemeldet. Daraufhin hatte sich Broch am 10. Juni bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion entschuldigt, was von seinen Kritikern innerhalb des ifp akzeptiert worden war. Seitens des ifp war man dann wohl davon ausgegangen, dass die Angelegenheit bereinigt und eine Art Neuanfang mit Broch möglich sei. Doch hinter den Kulissen schwelte der Konflikt weiter. Der ehrenamtliche Aufsichtsratsvorsitzende des ifp, Bernhard Hermann, hauptberuflich Hörfunkdirektor des Südwestrundfunks in Baden-Baden, setzte sich beispielsweise in einem Brief vom 13. Juli an alle Bischöfe dezidiert im Namen des Aufsichtsrates für Broch ein, nachdem er erfahren hatte, dass unmittelbar zuvor die Sache Thema im Ständigen Rat gewesen war. Man missbillige als Aufsichtsrat zwar das Interview Pfarrer Brochs und habe ihm das auch gesagt, schrieb Hermann, plädiere aber für dessen Verbleib, weil er sich öffentlich entschuldigt habe und er kein „notorischer Nörgler oder Papst-Kritiker“ sei. Die Bischöfe sollten diese Entschuldigung in Betracht ziehen und Broch gleichsam verzeihen. Statt einer roten tue es auch eine gelbe Karte, zog Hermann Parallelen zum Fußball. In seiner nächsten Sitzung am 23. August, also kommenden Montag, hätte sich der Ständige Rat dann noch einmal mit der Causa beschäftigen können. Dazu kam es nicht – am vergangenen Freitag teilte die Bischofskonferenz den Rücktritt Brochs mit.

Bernhard Hermann und Herman Glandorf, sein Stellvertreter im Vorsitz des ifp-Aufsichtsrates, gaben daraufhin aus Protest diese Ämter auf. Die Demission Brochs und dessen Umstände hätten den ifp-Aufsichtsrat „tief verärgert“ und das Vertrauen in die Zusammenarbeit mit den Bischöfen zerstört, sagte Hermann gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Rücktritt solle ein Signal setzen. Steppacher gab am vergangenen Freitag offiziell lediglich eine kurze Mitteilung heraus: „Ich bedauere den Rücktritt von Pfarrer Michael Broch außerordentlich, da die fachliche und persönliche Zusammenarbeit sehr gut begonnen hat. Ich hätte mir sehr gut vorstellen können, die Leitungsfunktion mit ihm gemeinsam fortzuführen. Gleichwohl habe ich großen Respekt vor seinem Entschluss.“ Am Dienstag wünschte sie sich dann gegenüber Radio Vatikan, dass es einen Weg zurück für Pfarrer Broch gebe, wies jedoch die Befürchtung zurück, aus diesem Fall lasse sich das Ende des kritischen Journalismus in der katholischen Kirche konstruieren. Der Vertrauensentzug der Bischöfe beziehe sich allein auf die Funktion eines Geistlichen Direktors im ifp, die ihm für dessen weitere katholische Profilierung „zugebilligt wurde“, so Steppacher. „Diese Funktion hat eine Erschütterung erfahren. Daraus aber abzuleiten, dass die Bischöfe hier nun unmittelbar durchregieren würden, halte ich für völlig an der Realität vorbei“, sagte die Journalistische Direktorin.

Die Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP), der Broch als Mitglied angehört, zu deren Vorstandsmitgliedern ein ifp-Studienleiter zählt, und deren stellvertretender Vorsitzender der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz ist, kritisierte gleichwohl die Bischöfe und wertete die Vorgänge um das ifp als „fatales Signal für die Gesprächskultur in der Kirche“. Auch der Direktor einer von den Bischöfen getragenen Einrichtung müsse sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen können, „selbst wenn sie unbequem für die Kirche“ ist, so die katholischen Publizisten. Dies gelte umso mehr, als das ifp eine Stätte für die Aus- und Weiterbildung professioneller, unabhängiger Journalisten sei. Es stehe zu befürchten, dass nun das Ansehen der Journalistenschule Schaden nehme, glaubt die GKP. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) schaltet sich ein. Dessen Vize Karin Kortmann, frühere BDKJ-Bundesvorsitzende und Staatssekretärin der SPD im Bundesentwicklungsministerium, warf den Bischöfen inkonsequentes Verhalten vor. Im Zuge der Missbrauchsdebatte hätten sie zu mehr Transparenz und Kritik aufgerufen. Jetzt sollten sie „die Größe haben, sich inhaltlich mit der Kritik von Pfarrer Broch auseinanderzusetzen“, so Kortmann.

Markige Worte des deutschen Journalistenverbandes, Invektiven hochrangiger Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die breite Berichterstattung der KNA in der Sache, der Alarm der Gesellschaft katholischer Publizisten und des ZdK – Netzwerke, in denen zuvörderst liberal orientierte katholische Laien gut vertreten sind, werden seit Freitag in einer Art konzertierten Aktion aktiviert und bauen öffentlichen Druck auf. Dagegen hat Medienbischof Fürst am Montagabend die Position der Bischöfe verteidigt. Er bezeichnete die Entwicklung als „einen schmerzlichen Vorgang“, den er sehr bedauere. Allerdings habe auch er keine andere Möglichkeit gesehen, nachdem Broch das Vertrauen der Bischöfe nicht mehr gehabt habe. Weiter ausüben wird der 67-Jährige seine Tätigkeit als einer der Sprecher des „Wort zum Sonntag“ in der ARD und als Hörfunkpfarrer der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Südwestrundfunk (SWR). Diese Tätigkeit sei durch den Rücktritt nicht berührt, so Fürst. Hier habe sich Broch über viele Jahre hinweg als Medienfachmann von hoher Kompetenz ausgewiesen und durch seine Verkündigungssendungen zahlreichen Menschen geistliche Nahrung gegeben. „Mit Betroffenheit“ reagierte Fürst zudem auf den Rücktritt des Vorsitzenden und des stellvertretenden Vorsitzenden des ifp-Aufsichtsrats. Verschickt wurde die Mitteilung mit den Ausführungen Fürsts von seinem Pressesprecher Thomas Broch, der der Bruder von Michael Broch ist.

Mitarbeiter: Das ifp braucht einen Vollzeit-Seelsorger

Vor der Installation Brochs als neuem Geistlichen Leiter war diese Stelle über eineinhalb Jahre vakant gewesen und wurde von einer Vollzeit- zu einer Teilzeitstelle herabgestuft. Für die Debatte um das zukünftige katholische Selbstverständnis des ifp und der Menschen, die mit dem Institut zu tun haben, sei es aber wichtig, dass ein Seelsorger hauptamtlich in Vollzeit mit an der Spitze stehe, sagen Mitarbeiter, die die lange Vakanz kritisieren. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, kennt das Problem. Er wolle die Suche nach einem neuen Geistlichen Direktor „nach Kräften“ unterstützen, versprach er jetzt in einem Brief an Steppacher. Vorgänger Brochs als Geistlicher Leiter des ifp waren Pater Roger Gerhardy OSA (1999–2008), Professor Josef Innerhofer (1991–1998) und seit der Institutsgründung 1968 Pater Wolfgang Seibel SJ gewesen. Die verschiedenen Ausbildungswege des ifp durchliefen seither rund 2 000 Absolventen.