Die Bibel hilft zur bewussten Liebe

Feines Silber statt groben Eisens: „L’amico Fritz“, eine Rarität von Pietro Mascagni, als szenische Produktion an der Oper Straßburg. Von Werner Häussner

Kein anderer Komponist hatte so viel Unglück im Glück wie Pietro Mascagni. Er gewann als 26jähriger mit „Cavalleria rusticana“ einen Wettbewerb des Verlagshauses Sonzogno und erzielte mit diesem Erstling einen der gewaltigsten Erfolge der Operngeschichte. Ein Triumph, an dem er sein Leben lang gemessen wurde – und hinter dem er stets zurückgeblieben ist. Mascagni mochte seine technischen Mittel verfeinern („Iris“), er mochte sich auf neue Musik- und Zeitströmungen einlassen („Isabeau“) oder Erfolgsrezepte zu kopieren versuchen („Il piccolo Marat“): Nie wieder hat ihn das Publikum so auf Händen getragen wie nach dem kruden, unmittelbaren, überwältigenden Verismo der „sizilianischen Bauernehre“.

Die Musik überwindet sogar Standesgrenzen

Wie ungerecht dieser Maßstab ist, lässt sich jedes Mal erfahren, wenn ein Theater es wagt, ein Werk, das der Geschichte anheimgefallen ist, unter den Vorzeichen der Gegenwart neu zur Diskussion zu stellen. Das ist in den letzten Jahren erfolgreich, aber meist folgenlos, öfter geschehen. Zum Beispiel mit „Iris“ (Chemnitz, 2007) oder mit „Isabeau“ (Braunschweig, 2011). Nun hat sich nach langer Zeit die Opéra du Rhin in Straßburg wieder einmal entschlossen, Mascagnis zweite aufgeführte Oper von 1891 szenisch zu produzieren: „L’amico Fritz“, eine lyrische Komödie nach einem populären Roman des Elsässer Autoren-Duos Erckmann-Chatrian.

Dieser „Freund Fritz“ ist ein freigiebiger, für seine Wohltaten gerühmter Junggeselle, reich, aber etwas weltfern, und vor allem ohne jede Lust aufs Heiraten. Er hat jedoch die Rechnung ohne einen gewieften Rabbi gemacht, der genau weiß, wie man junge Leute zusammenbringt. Mit der Rebekka-Erzählung aus dem biblischen Buch Genesis hilft der weise Mann der Landpächtertochter Suzel, zu ihrer Verliebtheit zu stehen; mit klug geschürter Eifersucht bringt er Fritz dazu, sich seine zärtlichen Gefühle für das Mädchen einzugestehen. Das Ende sieht, wie soll es anders sein, die eheliche Verbindung der beiden. Emile Erckmann verknüpft in der Geschichte psychologisches Feingefühl mit dem Überwinden von Standesgrenzen: Landbesitzer heiratet die Tochter eines Landpächters.

Mascagni wiederum findet in „L‘amico Fritz“ zu einer lyrisch verfeinerten Musiksprache, die sich nur punktuell auf die mitreißenden melodischen Exaltationen der „Cavalleria“ verlässt, im duftigen „Kirschenduett“ im Zentrum des Werks zu zärtlicher Einfachheit greift und mit dem geheimnisvollen Zigeunerjungen Beppe einen geschickten Kontrast zu den Lyrismen der sich entwickelnden Liebesgeschichte setzt. Dass dieses Plus an Raffinesse, die sich auch in der Instrumentierung zeigt, beim zeitgenössischen Publikum enttäuschte, verwundert auch nach 120 Jahren nicht: Wer die reißerische Melodik und die versengende Flamme bloßgelegter Leidenschaft wie in „Cavalleria rusticana“ erwartet, wird von den neunzig Minuten des „Freund Fritz“ nicht gefesselt werden: Hier wird feines Silber statt groben Eisens geboten.

Die Straßburger Inszenierung von Vincent Boussard versucht, die vorhersehbare Handlung kitschfrei zu erzählen. Dazu dient ein geschlossener Raum in kalkigem Grauweiß, aus dem sich für Fritz nur ein einziges Fenster zur Außenwelt öffnet. Das „Land“ im zweiten Akt kennt zwar einen Horizont, aber auch nur die Projektion einer ergrünenden Natur (Videos: Isabel Robson). Vincent Lemaires Bühne spielt mit den Gedanken von Verschließen und sich Öffnen, aber Boussard gibt ihnen zu wenig szenische Tiefe, auch wenn er mit dem Irrealen kokettiert: Wehende Vorhänge im Fenster oder der engelsgleich von oben herabschwebende Beppe im dritten Akt scheinen auf eine Ebene hinter der erzählten Realität aufmerksam machen zu wollen. Aber das rosa Licht, wenn Fritz und Suzel zusammenfinden, signalisiert uns: Wir sind wieder im Dekorativen angekommen. Nachdrücklichstes szenisches Signal bleibt eine Schar zutraulicher Hühner, die leise glucksend um Suzels Beine picken. Tiere auf der Bühne gehen eben immer – das wissen wir spätestens seit Loriot.

Hätte Boussard seinen in Edelkostümen von Christian Lacroix steckenden Personen psychologische Tiefe abgewinnen können – die Bühne hätte zu ihrer Funktion finden können. So jedoch wirkt vieles wie nach ein paar raschen Stellproben absolviert. Der Tenor wirft sich in Pose, die Sopranistin nutzt ein Bewegungsrepertoire, das ein schüchternes, noch halb im Kindlichen steckendes Mädchen aus der Unterschicht, das zum ersten Mal mit den verwirrend fremden Gefühlen des Begehrens und der Liebe umgehen muss, garantiert nicht kennzeichnet. Nicht viel zu spüren ist bei Boussard von der psychologischen Finesse, durch die etwa die Inszenierung 1994 in Winterthur aus „L’amico Fritz“ ein hintergründiges, schalkhaftes Spiel um die Entwicklung junger Menschen gemacht hat. Eine routinierte Einrichtung, die für eine Oper dieser Machart nicht reicht.

Dazu passt, was Dirigent Paolo Carignani mit dem Orchestre philharmonique de Strasbourg abliefert: steife Bläser im Vorspiel, eckige Phrasierungen, wo lyrisches Schwingen und agogisches Feingefühl erforderlich wären. Und wenn es um Saft und Kraft ginge, etwa in dem schmerzliche Verzweiflung signalisierenden Intermezzo vor dem dritten Akt, bleibt der Ton matt, köchelt die Leidenschaft auf kleiner Flamme.

Die Sänger waren offenbar der Ansicht, Mascagni bedeute in jedem Fall „veristisches“ Singen: Teodor Ilincai stellt seinen zweifellos imposanten Tenor aus, ohne auf die Worte zu achten, die er zu singen hat. Auch Elia Fabbian als Rabbi David protzt, als habe er den Fuhrmann Alfio in der „Cavalleria rusticana“ zu stemmen. Brigitta Kele bringt noch die schönsten Zwischentöne mit, erfüllt lockeres, lyrisches Singen mit schimmernder Schönheit, greift aber zwischendurch doch wieder zu Tönen, die einer Floria Tosca angemessener wären als diesem Geschöpf aus einem erträumten Arkadien. Mit leuchtendem Mezzosopran veredelt Anna Radziejewska die Rolle des Beppe, dessen hoffmanneske Ort- und Herkunftslosigkeit einen Schuss Fantastik in die Geschichte einführt. Ein Impuls, der wie so manches in dieser Inszenierung nicht vertiefend weitergesponnen wird. Schade, denn Mascagnis Oper hätte durchaus eine Chance: als duftig-wehmütige oder auch als behutsam ironische Studie über die so ersehnte wie fernliegende Poesie junger Liebe.