Die Besten der Besten

Prinzipienfestigkeit und Lust am Widerspruch: Bei den ewigen Dissidenten der slowakischen Untergrundkirche. Von Martin Leidenfrost

Antikommunistisch: Gruppenbild von slowakischen Geistlichen.
Antikommunistisch: Gruppenbild von slowakischen Geistlichen.

Ein österreichischer Katholik, der ostwärts über den Grenzfluss March zieht, reibt sich zunächst einmal die Augen: In der vorösterlichen Zeit sieht er vor den Kirchen lange Schlangen alter und junger Menschen, die nicht etwa um Freibier anstehen, sondern um das Sakrament der Buße. Handkommunion und Ministrantinnen sind unbekannt, Wallfahrten wie jene auf den Leutschauer Marienberg ziehen Hunderttausende der 3,3 Millionen slowakischen Katholiken an und die größte Demonstration in der Geschichte des Landes ist der von der Bischofskonferenz mitorganisierte „Marsch für das Leben“.

Trotz einiger innerer Spaltungen ist die Glaubenspraxis des slowakischen Katholizismus unhinterfragt klassisch geblieben. Einige der für den deutschsprachigen Raum typischen Debatten wurden zwischen Donau und Tatra nie geführt. Als die „Pfarrerinitiative“, der sich in Österreich über 400 „ungehorsame“ Priester und Diakone angeschlossen hatten, in die Slowakei zu expandieren versuchte, fanden sich gerade mal ein oder zwei Kontaktpersonen.

Der Autor dieses Beitrags lebte zwölf Jahre in der Slowakei und stellt nun fest, wie schwer ihm die Reintegration nach Österreich – und in Österreichs Kirche – fällt. Diese Entfremdung hat wohl viel damit zu tun, dass er in der Slowakei unter die Besten der Besten geraten ist – unter Dissidenten der Untergrundkirche. Diese nahmen ihn sogar in den Redaktionsrat ihrer Vierteljahresschrift „Impulz“ auf.

Ihre Prinzipienfestigkeit und ihre Lust am Widerspruch haben ansteckende Wirkung. Wenn sie Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhang ein Buch herausbringen, ruft plötzlich einer am Tisch: „He, wollen wir es nicht als Samisdat drucken und über die Grenze schmuggeln?“ Ein Witz bei gutem Brandy – aber ihre Augen leuchten.

Die katholische Intelligenz aus der Hauptstadt Bratislava war in der Masse der Bevölkerung nie sonderlich beliebt, in politische Spitzenämter gelangten sie nur kurz. Aufstrebende Oligarchen, die an die Käuflichkeit von Mandatsträgern gewohnt waren, verzweifelten an ihnen. Egal, ob sie gerade Mathelehrer mit Berufsverbot oder Minister waren – sie blieben stets in ihren Plattenbauwohnungen und Zwei-Zimmer-Mansarden wohnen. Seit 2006 übt keiner von ihnen mehr Macht aus. Dessen ungeachtet machen sie rastlos weiter, gründen Initiativen und schreiben Petitionen.

Was im Slowakischen „geheime Kirche“ genannt wird, bestand laut Marián Gavendas Untersuchung aus mindestens elf Gemeinschaften, die im Geheimen auch Priester ausbildeten. Das waren zunächst die Orden, die vom stalinistischen Regime der fünfziger Jahre aufgelöst worden waren und die sich – unter Laien lebend – neu formierten: Jesuiten, Salesianer, Franziskaner, Kapuziner, Dominikaner, Redemptoristen, Piaristen, Lazaristen und Verbisten. Dazu kamen Laiengebetskreise wie die „Nazareth-Bewegung“, die später unter den Bedingungen der Freiheit sektenähnliche Züge annahm. Von dieser Ausnahme abgesehen, zeichnete sich die Untergrundkirche gerade durch das freundschaftliche Miteinander von Klerikern und Laien aus – „wir hatten keine Monsignores, Exzellenzen und Eminenzen“.

Am wirkmächtigsten war ohne jeden Zweifel die „Fatima-Gemeinschaft“. Diese ging auf einen rätselumrankten Charismatiker von außen zurück, der während des Zweiten Weltkrieges plötzlich erschien, 1946 ebenso plötzlich wieder verschwand und irgendwann im Westen starb, vermutlich in Paris. Er trat sowohl gegen Faschismus als auch gegen Kommunismus auf. Der weltläufige kroatische Jesuit Tomislav Kolakovic– der Nachname war ein Pseudonym, das er sich auf der Flucht vor der Gestapo zulegte – hatte in seiner Heimat gegen das Ustascha-Regime gepredigt und musste Kroatien verlassen. Er ging in die Slowakei, wo er sich mit dem antifaschistischen „Nationalaufstand“ solidarisierte – gegen das mit Hitler verbündete Regime des katholischen Priesters Jozef Tiso.

Kolakovics eigentliche Vortragstätigkeit in der Slowakei dauerte kaum ein Jahr, inspirierte aber einen großen Kreis von Anhängern, die „Familie“ genannt wurden. Als der faschistische vom kommunistischen Totalitarismus abgelöst wurde, war es die „Familie“, die einige der größten christlichen Glaubenszeugen hervorbrachte: Vladimír Jukl, Silvester Krèméry und Anton Neuwirth saßen lange Haftstrafen ab. Kolakovic stand unter dem Einfluss des zweiten Geheimnisses von Fatima und war beseelt von einer einzigen Idee – Russland zum Glauben zurückzuführen. Mit dem Segen, nicht aber im Auftrag des Papstes setzte er gegen Kriegsende alles daran, in die verwüstete Sowjetunion zu gelangen. Er träumte offenbar davon, Stalin persönlich zu bekehren. Kolakovic drang tatsächlich nach Russland vor, nicht aber in den Kreml. Er kehrte ernüchtert zurück. Der Bericht seiner Russlandreise liest sich spannend wie ein Agentenroman.

Kolakovics Schüler unterschieden sich in einem Punkt von ihrem exzentrisch-missionarischen Lehrer: Sie waren bis zur Selbstaufgabe bescheiden. 1989, als das 40-jährige Unrechtsregime von der „Samtenen Revolution“ gestürzt wurde, weigerten sich Jukl und Krèméry, auf die Rednertribüne zu steigen. Auch deswegen sind sie außerhalb der Slowakei kaum bekannt. Wer Krèmérys Bücher liest, geht davon aus, dass dieser heiligmäßige Mann mindestens zum Bischof geweiht werden würde. Nichts dergleichen, Krèméry blieb Zeit seines Lebens ein einfacher Laie, arbeitete als Arzt. Seine Erinnerungen an die Folterkerker der fünfziger Jahre strahlen eine eigentümliche Fröhlichkeit aus. Etwa wenn er das Glücksgefühl beschreibt, als er für kurze Zeit an eine Bibel kam und Dutzende Seiten aus der russischsprachigen Ausgabe auswendig lernte – was er im Kopf hatte, konnte ihm niemand mehr nehmen.

Es waren Krèméry und Jukl, die im Jahr 1974 die „Fatima-Gemeinschaft“ gründeten. Sie stand unter dem Schutz von Bischof Ján Chryzostom Korec, der geheim zum Bischof geweiht und dafür acht Jahre in Haft gesessen hatte. Ein illustrer Kreis, in dem sich mehrere rühmen konnten, mit Johannes Paul II. befreundet zu sein. Korec, 1991 zum Kardinal erhoben, sah in der Illegalität auch eine „Reinigung“ des Priestertums: „Wie lebte ein Priester vor vierzig Jahren? Sein Lebensstil war eher angenehm, ohne persönliche Krisen, ziemlich bequem, vielleicht allzu normal.“ Die Sternstunde der Untergrundkirche war der 25. März 1988: die „Kerzenmanifestation“ in Bratislava. Organisiert wurde sie von der jüngeren Generation der Untergrundkirche. Frantisek Mikloško, der die Kundgebung für Religionsfreiheit und Bürgerrechte bei der Polizei anmeldete, hatte anfangs Zweifel – trat man damit doch für immer aus dem Untergrund heraus. Man lud auch einen Dissidenten ein, zu dem man bisher wegen dessen politischen Engagaments Distanz gehalten hatte: Der Jurist Ján Èarnogurský wurde per Brief eingeladen, der konspirativ in einer Milka-Schokolade verborgen war.

Zwar saß Mikloško rechtzeitig zur Demo in einer Zelle, den Erfolg konnte das aber nicht mehr stoppen. Jukl hatte 20 oder 30 Gläubige erwartet, eine Stunde vor Beginn standen aber bereits 3 500 auf dem Hviezdoslav-Platz, weitere 6 000 wurden von der Polizei in Nebenstraßen abgedrängt. Man sang die tschechoslowakische Hymne und die Vatikanhymne, dann betete man den Rosenkranz. Die Polizei trieb die Betenden brutal auseinander, mit Wasserwerfern im Regen, mit Tränengas und Knüppeln. Anderthalb Jahre vor dem Fall des Kommunismus berichteten die Medien der freien Welt, dass es in der Slowakei Opposition gab – und dass sie mehrheitlich christlich motiviert war.

Die Helden von damals sind heute vielfältig aktiv

Die Helden von 1988 sollten noch in vielen Kämpfen zusammenstehen. Mikloško war 1990–1992 Parlamentspräsident, Èarnogurský 1991–1992 Ministerpräsident, Vladimír Palko – ein weiterer Teilnehmer der Kerzenmanifestation – 2002–2006 Innenminister. Ihre christdemokratischen Partei KDH bildete in den neunziger Jahren die treibende Kraft gegen die autoritäre Meèiar-Regierung. Nachdem die KDH 2006 für eine Koalition mit Meciar plädiert hatte, traten die alten Dissidenten aus.

Die größte Rolle spielt heute Mikloško. Er tritt soeben zum dritten Mal als Präsidentschaftskandidat an, was neuerlich mit einem Resultat von sechs Prozent enden könnte. Es ist für diesen humorvollen Versöhner bezeichnend, dass er die Einstellung des Verfahrens gegen den Major durchsetzte, der als einziger für die Niederschlagung der Kerzenmanifestation belangt wurde. Die beiden wurden Kumpels.

Palko schreibt heute brillante Analysen über die Krise der Christdemokratie und die von „Lenins Cousins“ vorangetriebene „anthropologische Revolution“. Èarnogurský ist inzwischen der leidenschaftlichste Putin-Verteidiger der Slowakei und demonstriert mit einer Querfront von Nationalisten und Kommunisten gegen die Errichtung imaginärer NATO-Basen, während Mikloško „der westlichen Welt und ihren Werten Treue“ schwört. Dissident ist auch er wieder, mit seiner Verteidigung des abgesetzten Tyrnauer Erzbischofs Róbert Bezák und mit seiner innerkirchlichen Kritik.

Seit die Ermordung eines Journalisten vor einem Jahr die Protestbewegung „Für eine anständige Slowakei“ auslöste, stehen Èarnogurský und Mikloško endgültig in verfeindeten Lagern. Diese ewigen Dissidenten haben im Leben aber schon viele Widersprüche ertragen. Die Freundschaftsbande der Untergrundkirche sind kaum zu zerreißen.

Der Autor ist freier Schriftsteller. Für seine journalistischen und filmischen Arbeiten ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

Tränengas und Knüppel: Die Polizei trieb die Betenden brutal auseinander.
„Sternstunde der Untergrundkirche“: Aufnahmen von der „Kerzenmanifestation“ 1988 in Bratislava.Archiv Foto: Fotos: