Die 4,4 Milliarden Euro Operation

Deutschland ist nur dank der Kirche eine Kulturnation: Ein Beitrag zur aktuellen „Kulturinfarkt“-Debatte. Von Stefan Meetschen

Subventionierte Künstler, kulturelle Kirche: HA Schults „Müllmenschen“ vor dem Kölner Dom. Foto: dpa
Subventionierte Künstler, kulturelle Kirche: HA Schults „Müllmenschen“ vor dem Kölner Dom. Foto: dpa

Zeit für eine neue Kulturpolitik! Pius Knüsel, Direktor von Pro Helvetia, und seine drei deutschen Mitstreiter-Schreiber haben mit ihrem Buch „Der Kulturinfarkt“ (vgl. DT vom 3.April) für ein Beben gesorgt. Wettbewerb statt Subvention, fordern die Autoren, freier Markt statt exorbitanter Förderung. Schließlich sei es möglich und nötig, dass eine dem Marktdruck ausgesetzte Kultur bessere Kunst hervorbringe. Bessere Kunst, als das staatlich gepamperte Regietheater der Theaterhelden von vorgestern, bessere Kunst als das geneigte Publikum sie landauf landab in Dutzenden von profillosen Zuschuss-Museen bestaunen muss, wenn es denn käme. Es werde Licht im bundeskulturellen Etat-Dschungel. Es werde rück- und abgebaut, damit alles Parasitäre in der Kulturlandschaft Deutschlands verschwinde.

Reaktionen sind nicht ausgeblieben: Es folgten wütende Artikel in den Feuilletons, in denen die Autoren als populistische Polemiker beschimpft werden; fünfzig namhafte Künstler von Mario Adorf über Iris Berben bis hin zu Wim Wenders sahen sich sogar veranlasst, einen auf Initiative der Akademie der Künste in Berlin verfassten gemeinsamen Appell zur Verteidigung der Kultur in Deutschland zu unterzeichnen. Es geht also ums Ganze. Es geht um die Kunst, es geht um die Kulturnation Deutschland.

Eine Kulturnation, die – was bei der aktuellen Debatte leicht übersehen wird – zu einem erheblichen Maße von der Kirche getragen und finanziert wird. Die amerikanischen und japanischen Touristen kommen schließlich nicht wegen Iris Berben oder Klaus Staeck nach Deutschland – sie wollen den Kölner Dom sehen, christliche Gemälde von Dürer bestaunen und, wenn möglich, ihren Aufenthalt mit guter christlicher Musik würzen: Vielleicht mit einer Passion von Bach, einer Messe von Beethoven, einem Requiem von Mozart. Nicht zu reden von den vielen Pilgern, die es nach Deutschland zieht, um auf den Spuren christlicher Herrscher, katholischer Heiliger und des deutschen Papstes zu wandeln. Schönes Geld für die deutschen Kommunen und Städte, schöne Standort-Werbung.

Kirche ist „zentraler kulturpolitischer Akteur“

Doch natürlich hängt das Heil der Kultur in Deutschland nicht nur vom christlichen Tourismus ab. Die Kirchen selbst gehören zu den „zentralen kulturpolitischen Akteuren“ des Landes, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann erst im vergangenen Jahr bei der Verleihung des „Preises der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler“ in Rostock betonte. Aus gutem Grund: Immerhin geben die Kirchen, EKD und die katholische Kirche in Deutschland, wie bereits die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages feststellte, jährlich 4,4 Milliarden Euro für Kultur aus. So viel wie alle Länder oder alle Kommunen der Bundesrepublik zusammen.

4,4 Milliarden. Eine Zahl, die man sich als guter Christ nicht nur alternativ zum „Ave Maria“ auf der eigenen Zunge zergehen lassen sollte, eine Zahl, die auch in den Kunst- und Kulturtempeln dieses Landes als immerwährendes Licht vor den Augen der Verantwortlichen stehen sollte. Gerade dann, wenn mal wieder eine provozierend-blasphemische Theateraufführung, Kunstausstellung oder Lesung angedacht wird, um den 4,4 Millionsten religiösen Tabubruch zu wagen. Wie eng die Verbindung von Kunst, Kultur und Kirche ist, haben auch der Deutsche Kulturrat und die katholische Deutsche Bischofskonferenz betont. Nach einem Treffen in Freiburg im Herbst 2011 betonten beide Seiten, dass der „reiche Schatz an kulturellem Erbe in den Kirchen“ bewahrt werden müsse. Es sei wichtig, dass im Berufs- und Lebensalltag jedes Einzelnen genügend Zeit für kulturelle Bildung bleibe. Der Kulturrat hob den Beitrag der Kirche „zur Ausformung einer kulturellen Identität“ hervor.

Wie wahr. Was wäre schließlich Goethes „Faust“ ohne Osterspaziergang und Himmel, was wäre Shakespeares „Hamlet“ ohne die Realität der Hölle, was wären deutsche Fernseh-Serien mit Mario Adorf, Senta Berger oder Nina Hoss ohne Klöster und Kirchen, Nonnen und Priester? Nicht zu reden von dem interkulturellen Beitrag von Kirchen- und Hochschulgemeinden sowie kirchlichen Bildungseinrichtungen. Ohne die Arbeit der Kirche hätte sich der interkulturelle Dialog in Deutschland wahrscheinlich niemals so friedlich entwickelt.

Und die Sache mit dem freien Markt? Die „Kulturinfarkt“-These, dass dem Marktdruck ausgesetzte Kultur bessere Kunst hervorbringe? Auch hier können die Kulturschaffenden von der Kirche lernen. Im Zeitalter der Kirchenaustritte und niedrigeren Steuereinkünfte sind auch die Kirchen eingeladen, auf dem freien religiösen Markt einen attraktiven, so viele Menschen wie möglich ansprechenden Beitrag zu leisten: mit religiöser Unterhaltung und Bildung, mit religiöser Populär- und Hochkultur. Mit 4,4 Milliarden Euro. Operation und Heilung am offenen Herzen der Kultur.