Deutschlandreise

Das Land ist im Umbruch. Bei Vorträgen und Diskussionen trifft man überall im Land Leute, die sich nach der CDU sehnen - so wie sie früher war. Von Klaus Kelle

20. Jahrestag Zugunglück von Eschede

Wird das mit der CDU noch mal etwas? Nach Merkels desaströser „Modernisierung“, der inhaltlichen Entkernung der traditionsreichen Partei Adenauers, Erhards und Kohls, die unsere Bundesrepublik geprägt hat wie keine andere Partei nach 1945? Nach Verstaatlichung der Kindererziehung, Atomausstieg, Abschaffung der Wehrpflicht und Homo-„Ehe“? Nach all den Taubers und Polenz‘,Schavans, von der Leyens und Laschets?

Ich habe den Glauben noch nicht verloren, weil es wie mich so viele Menschen landauf, landab gibt, die die christdemokratische und in Bayern die christsoziale Idee noch nicht aufgegeben haben. Die sicher sind, dass die drei Säulen Christlich-Sozial, Liberal und Konservativ auch heute noch ein tragfähiges Gerüst für eine Volkspartei der Mitte sind, begründet auf einem christlichen Fundament, konfessionsübergreifend.

21. Januar 2017, Augustdorf

Ich bin gerne mit nach Lippe gefahren, in meine Heimat. Die CDU hat zum Neujahrsempfang eingeladen, Hauptrednerin ist meine Frau Birgit, die mit Leib und Seele für Frauen mit Kindern und für die Familien im Lande streitet. 120 Partei- freunde sitzen im Saal, kein Platz bleibt leer. Eine Deutschland-Fahne steht im Raum. Der Bürgermeister begrüßt die Gäste mit einer beeindruckenden Bilanz. Augustdorf ist eine wachsende Stadt. Hier leben viele junge Familien mit Kindern. Bei 10 000 Einwohnern gibt es zehn christliche Kirchengemeinden. Der Vorsitzende des Ortsverbandes ist 27 Jahre jung, früher Soldat in der Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne, Standort der Panzerbrigade 21, benannt nach dem legendären „Wüstenfuchs“. Wochenlang tobte hier der Streit, ob diese Kaserne nach einem General aus der Nazi-Zeit benannt bleiben dürfe. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen von der CDU bejahte dies mit Hinweis darauf, Erwin Rommel habe einst mit dem Widerstand gegen die Nazis sympathisiert.

Bevor es um politische Themen geht, spricht ein evangelikaler Geistlicher noch zehn Minuten ein „Geleitwort“ und erklärt, was eigentlich dieser Jesus Christus gelehrt hat. Dann gibt es Ehrennadeln für verdiente Parteifreunde. Es wird gegessen: Grünkohl, Kartoffeln und Mettwürste, dazu Krombacher Pils. Birgit Kelle spricht über das erfüllende Erlebnis, eine Familie zu gründen und wettert gegen den Gender-Unfug. Dann stehen alle auf und singen die Nationalhymne: „Einigkeit und Recht und Freiheit…“ In diesem Augenblick sind Angela Merkel und Peter Tauber Lichtjahre entfernt von ihren Parteifreunden hier im Saal…

24. September 2017, Willich

Die einzige Partei-Einladung, die ich zu einer Wahlparty am Tag der Bundestagswahl erhalten habe, ist von der FDP. Meine eigene Landespartei lädt mich schon lange nicht mehr ein, seitdem ich öffentlich sage und schreibe, was ich vom verheerenden Kurs der Vorsitzenden bei der Umformung der CDU zu einer „Grüne light“-Gruppierung halte. Wir treffen uns auf der Terrasse von Freunden im Ort, CDU-Mitglieder wie wir. Wir essen Tappas, dann erscheint auf dem Bildschirm die erste Hochrechnung. CDU und CSU haben die schlimmste Schlappe bei einer Bundestagswahl seit 1949 kassiert. Größte Oppositionspartei ist fortan die rechtskonservative AfD, Fleisch vom Fleische der Union. Eine Woche vor der Wahl hatte mich ein langjähriger Freund aus Berlin angerufen. Zeit seines Lebens hat er immer CDU gewählt. Diesmal werde er AfD wählen, sagt er mir. „Aber warum?“, stammele ich in den Hörer. „Ich habe die Schnauze voll“, erklärt er…

Später am Abend erfahre ich, dass ein anderer langjähriger Freund, Jürgen aus dem Bergischen, jetzt AfD-Bundestagsabgeordneter ist. 37 Jahre lang gehörten wir der gleichen Partei an, waren nach Schulabschluss beide Kreisvorsitzende der Jungen Union in NRW. Frau Merkel hat es geschafft, dass auch er – wie viele andere zuvor – gegangen ist. Ich will durchhalten…

9. Oktober 2017, Köln

Mein amerikanischer Freund Todd Hunzinker referiert im Lindenthal-Institut darüber, was die Europäer vom neuen US-Präsidenten Trump lernen können. Vor allem, dass sich viele Menschen in den westlichen Gesellschaften von den alten Eliten, vom Mainstream, abwenden, ist seine Botschaft.

12. Oktober 2017, Landshut

Die CSU hat mich ins malerische Hotel Schönbrunn eingeladen. Eigentlich geht es darum, ob wir den Medien noch vertrauen können, insbesondere dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Ein Vorstandsmitglied holt mich am Bahnhof ab, ein Foto von mir in der Hand. Er erkennt mich und sagt: „Sie sehen viel jünger aus als auf dem Bild…“ Das freut mich. Schweigend gehen wir zum Parkplatz. Als wir beim Auto stehenbleiben sagt er trocken: „Seehofer weg? Oder Seehofer bleiben?“ Ich antworte: „Seehofer weg!“ Wir nicken uns kurz zu und steigen ein.

21. November 2017, Witten

Was tun nach dem Desaster der Union bei der Bundestagswahl? Das will die Junge Union in Witten von mir wissen. Mein Rat: Zurück in die Zukunft. Konzentrieren auf Innere Sicherheit und umkehren in der Flüchtlingspolitik! Und: Politiker der Union sollten sich mehr bei der Freiwilligen Feuerwehr und sonntags in die Messe sehen lassen und weniger beim Christopher Street Day.

30. November 2017, Bottrop

Erstmals bin ich bei der CDU in Bottrop zu Gast, mitten im „roten Ruhrgebiet“. Die Veranstaltung ist gut besucht, die engagierte Kreisvorsitzende Anette Bunse hat es 2017 nicht wieder in den Landtag geschafft. Sie verteidigt ihre Bundesvorsitzende, will über Sachthemen sprechen, aber die Diskussion nimmt eine andere Richtung. Lautstark rufen einige Partei- freunde dazwischen, dass endlich über den schlechten Zustand der Partei und die falsche Flüchtlingspolitik der Kanzlerin offen geredet werden müsse. Die Diskussion schwappt hin und her, es gibt auch Merkel-Verteidiger. Aber am Beifall gemessen gibt es an diesem Abend vor allem Merkel-Kritiker im Raum. Immerhin: Viele kaufen am Schluss Exemplare meines Buches „Bürgerlich, christlich sucht…“ Einer kauft gleich vier und lässt eines signieren für einen örtlichen Linke-Politiker. Der sei eigentlich ein netter Kerl: „Wenn der Ihre Unterschrift sieht, dann ärgert der sich….“

3. März 2018, Berlin

Rund 50 vornehmlich konservative Publizisten treffen sich in der Hauptstadt und beschließen, dass etwas passieren muss. Ein öffentliches Statement gegen die falsche Richtung der Bundespolitik unter Kanzlerin Merkel. Wenige Tage später wird ein knapper Text, an Harmlosigkeit kaum zu überbieten, herumgeschickt. Ich unterzeichne natürlich. Inzwischen haben 160 000 Bürger unterschrieben – ein unüberhörbarer Aufschrei, der belegt, wieviel Druck auf dem bundesdeutschen Kessel ist.

8. März 2018, Leipzig

Wieder zu Gast bei der CDU. Wir reden über die Deutsche Einheit und wie gut Helmut Kohl das damals gemanagt hat. Blühende Landschaften? Natürlich gibt es die…überall. Später am Abend noch Pizza in einem Restaurant. Einer am Tisch beugt sich zu mir rüber und sagt, ganz leise: „Ganz ehrlich, Herr Kelle, diese Frau muss weg….“

25. April 2018, Landsberg/Lech

Die CSU hat eingeladen zum Medien-Thema. Im Saal hinter dem Rednerpult ein großes Holzkreuz. Einige Facebook-Freunde sind teilweise über 100 Kilometer gefahren, um bei der Veranstaltung dabei zu sein. Das freut mich sehr. Wir trinken Paulaner dunkel anschließend. Am Morgen danach Weißwurst-Frühstück mit dem umtriebigen Landtagsabgeordneten Alex Dorow, praktizierender Katholik und ein Vollblutpolitiker. Er sprudelt nur so über mit Fakten, was seine Partei hier für die Bürger geleistet hat, über Bauprojekte, die mit den ursprünglich geplanten Kosten und noch vor der geplanten Zeit realisiert wurden. „Das unterscheidet uns hier in Bayern von den anderen“, sagt er

5. Mai 2018, Hambach

Der Ökonom Max Otte, CDU-Mitglied und im September 2017 AfD-Wähler, hat zu seiner Patrioten-Wanderung zum Hambacher Schloss eingeladen – in Gedenken an das Hambacher Fest 1832. Fast 5 000 Bürger wollten dabei sein, aber nur 1 200 lässt man zu – aus Sicherheitsgründen. Bei strahlendem Sonnenschein ziehen die Teilnehmer mit einem Meer schwarz-rot-goldener Fahnen durch den Wald. Es gibt Pfälzer Saumagen mit Kraut. Gute Reden werden gehalten – von Thilo Sarrazin (SPD), Vera Lengsfeld (CDU) und Jörg Meuthen (AfD). Auch aktive Bundespolitiker von CDU und FDP waren eingeladen, sagten aber ab. Bloß keine Nähe zur AfD! Vielleicht im nächsten Jahr? Zum Abschluss sitzt man in der Abenddämmerung mit Weinschorle und singt Volkslieder: „Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen…“, „Märkische Heide“. Otte vorne auf der Bühne mit Gitarre, bis seine Stimme nicht mehr mitmacht…

30. Mai 2018, Düsseldorf

Mittagessen mit der Bundestagsabgeordneten Sylvia Pantel, einer streitbaren Frau, seit Wochen Sprecherin des konservativen „Berliner Kreises“ in der Bundestagsfraktion. Zwei Mal hat sie ihren Wahlkreis hier direkt gewonnen – trotz AfD, trotz Sarah Wagenknecht als Gegenkandidatin der Linken im Wahlkreis. Pantel ist eine, die sich was traut. Auch sie ist ein wichtiger Grund, warum ich noch durchhalte und auf bessere Zeiten für die CDU hoffe.

Bei Salat mit Hühnchen und kalter Cola kommen wir auf die 20er und 30er Jahre zu sprechen. Die Kleidung der Frauen damals und die Bärte der Männer – das gefällt ihr, wenn sie alte Fotos anschaut. Doch die Politikerin im bunten Sommerkleid sieht auch beunruhigende Parallelen zu damals, den Werteverfall, den Versuch von Politikern, sich Zugriff auf die Kinder zu verschaffen, den wachsenden Aufruhr gegen Staat und Obrigkeit.

Was müsste die Lehre sein, die wir daraus ziehen, will ich wissen. Pantel sagt: „Es muss ein Zurück zu den Tugenden geben, zu den Werten, die uns stark gemacht haben.“ Und dann mit leicht resignierendem Gesichtsausdruck: „Aber wir scheinen aus der Geschichte nichts gelernt zu haben.“