Deutschland, kein Wintermärchen

Konzil, Kirche, Papst – alles drei hat einen lebendigen Kern: die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes.

Ohne sie versteht man nicht,was wirklich das Katholische ist. Da wird aus dem Petrusamt ein Skandal und aus dem Bemühen um die Heilung eines Schismas ein Anschlag auf die „political correctness“.

Frühling in Rom. Während die wärmenden Sonnenstrahlen und der Duft der ersten aufblühenden Bäume das untrügliche Gefühl erzeugen, dass man die nasskalten Tage des Winters endgültig hinter sich gelassen hat, entschwindet allmählich das Bild aus dem Kopf, das in den vergangenen Wochen nördlich der Alpen die Tage geprägt hatte. Bei Schnee, Regen und Minusgraden. Eine schlafende Natur mit vereisten Wasserflächen. Knirschende Schritte über den Sand und das Streusalz auf geräumten Fußwegen, Schneeschmelze und erneute Niederschläge. Das war Deutschland im Februar. Dazu laufend Neues über die Lefébvrianer und ihre Bruderschaft. Über einen verblendeten Bischof und Pannen im Vatikan. Und immer wieder die falschen Fragen: Wird es den deutschen Bischöfen gelingen, „ihren“ Papst von seinem vermeintlichen Rechtsruck zurück hinter das Konzil abzuhalten? Hat Benedikt XVI. den Antisemitismus in der Kirche wieder salonfähig gemacht?

Es war kein Wintermärchen, das die katholische Kirche in Deutschland da erlebt hat. Von Rom aus gesehen, wo Benedikt XVI. am Sonntag vor Tausenden auf dem Petersplatz über seine kommenden Reisen nach Afrika und ins Heilige Land gesprochen hat, ist die Heimat Joseph Ratzingers in die Eiszeit des „antirömischen Affekts“ zurückgefallen. So als sei den Meinungsführern nach fast vier Jahren Papst-Begeisterung endgültig der Geduldsfaden gerissen. Bei vielen Gesprächen in deutschen Landen während der vergangenen drei Wochen war es dann auch nicht die Aufhebung der Exkommunikation von vier schismatischen Bischöfen, von denen einer ein Holocaust-Leugner ist, mit der man den hysterisch anmutenden Aufstand erklärte. „Letztlich geht es in den vernichtenden Breitseiten gegen Benedikt XVI. nicht um sachliche Differenzen, auch nicht um Fundamentalkritik an diesem Papst“, vermutete ein katholischer Verleger in Süddeutschland. „Es geht darum, dass man das Petrusamt grundsätzlich als Skandalon betrachtet, als das, was nicht sein darf in einer aufgeklärten Welt. Ein Skandal, das Petrusamt. Aber das ist es auch in Wirklichkeit von seinem Wesen her, in Verlängerung der Inkarnation. Schon Jesus war nicht die Summe antiken Vernunftstrebens, sondern Fleisch und Blut, die Wahrheit als Person... Hans Urs von Balthasar sagt: Ens concretissimum. Darf das sein, dass Gott so konkret wird? So ärgerlich? Für viele ist das einfach unerhört.“

„Ein ,furor teutonicus' ist über die Kirche in Deutschland hinweggefegt – und hat in ihr viele Ecken und Stellen freigelegt, wo die

Kälte des säkularen Denkens in sie

eingedrungen ist“

Die Deutschen tun sich immer schwerer mit dem Christentum, und mit dem katholischen allzumal. Weder versüßt es den Alltag noch hilft es, schnelle Lösungen für die Schwierigkeiten einer aus den Fugen geratenden Konsumgesellschaft anzubieten. Stattdessen verlangt es die Einübung in einen Geist, der in katholischen Ländern noch vorhanden, den Deutschen mit ihrem Idealismus, Rationalismus und Positivismus fast gänzlich abhanden gekommen ist. „Der katholische Glaube ist die schwierigste Religion der Welt“, meint ein deutscher Schriftsteller im Gespräch, „sie verlangt von einem, in Widersprüchen zu denken.“ Das gilt für die reine Lehre – „geboren von der Jungfrau Maria“ – und den Glauben an einen allmächtigen Gott, der sich am Kreuz hinopfern ließ, aber auch für die kirchlichen Lebensvollzüge. Welch eine andere Religionsgemeinschaft tritt gegenüber ihren Mitgliedern und der Gesellschaft mit einem so hohen moralischen Anspruch auf, verzeiht aber dem Sünder „sieben mal siebzig Mal am Tag“. Wie menschlich geht es in der Kirche zu, aber wie sehr ist es gerade diese arme Menschlichkeit, durch die sich das Göttliche mitteilt. Ertragen und verstehen lässt sich in der Kirche vieles nur dann, wenn man fest daran glaubt, dass es letztlich Gott ist, der in ihr und durch sie heiligt und wirkt.

Dieser Glaube ist in Deutschland weitgehend verdunstet. Das Katholische – und derzeit vor allem Rom – steht auf dem Prüfstand, ohne dass die Inkarnation, das heißt die Menschwerdung Gottes und seine Gegenwart in der Kirche als dem zentralen Schlüssel zum christlichen Selbstverständnis, noch irgendwie zu den Kriterien derer gehört, die jetzt Papst und Vatikan fast täglich einem Tauglichkeits-TÜV unterziehen. Das kann nur schiefgehen. Das Zweite Vatikanische Konzil war der groß angelegte Versuch, einer Welt des religiösen Indifferentismus, die nach zwei fürchterlichen Weltkriegen an ihrer Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit zu zweifeln begonnen hatte, in einer zeitgemäßen Sprache wieder „die einzig wahre Religion“ vorzuschlagen, wie sie „in der katholischen, apostolischen Kirche“ verwirklicht ist, „die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hatte, sie unter allen Menschen zu verbreiten“. So nachzulesen in der Konzilserklärung über die Religionsfreiheit. Diesen innersten Kern hat man aus der Botschaft des Zweiten Vatikanums herausoperiert. Das Konzil gilt heute als Startschuss, die katholische Kirche zeitgemäßer zu machen, als Fundament für Toleranz und den Dialog mit den anderen Religionen, als Anfang einer Demokratisierung kirchlicher Strukturen und Öffnung der Ämter für Laien und Frauen. Es waren vor allem katholische Theologen, die der säkularen Gesellschaft die hermeneutischen Schlüssel lieferten, um das Zweite Vatikanum umzuinterpretieren.

Auch in den katholischen Ländern Südeuropas hat die Glaubenspraxis abgenommen und ein säkularer Lebensstil breite Schichten erfasst. Aber es gibt noch einen Funken Wissen davon, dass in der Kirche etwas Göttliches vorhanden ist. Im winterlichen Deutschland war von diesen Funken nicht mehr viel zu sehen. Kirche wird gesehen als gesellschaftliche Großgruppe, wie die Gewerkschaften oder ein nationaler Sportverband.

Die Bischofskonferenz kam einem vor wie das Management von Opel, das Probleme mit dem Mutterkonzern bekommen hat – nur dass dieser nicht General Motors, sondern römische Kurie heißt. Es hat Diözesen gegeben, da haben Pfarrer von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt den Papst in Predigten und Gemeindebriefen behandelt, als sei er der alt gewordene Vorsitzende eines Aufsichtsrats, der nach einer Fehlentscheidung abzusetzen sei. Dass der Nachfolger Petri ein Hirte ist, der eine weltweite Herde zusammenhalten und jede Spaltung als Verletzung des Leibes Christi in Güte und Barmherzigkeit verhindern muss, davon hat man in vielen Kirchenräumen überhaupt nichts gehört.

„Die kleinen Zellen, wo der Glaube an die Gegenwart Jesu Christi in seiner Kirche lebendig ist, sind noch da. Aber ihnen schlägt nach diesem Winter mehr Unverständnis

entgegen“

Die Christen sind in der Welt, aber nicht von der Welt, heißt es in der Didache, einer der großen frühchristlichen Schriften. Das gleiche kann man von der Kirche sagen. Eine Welle von Hysterie, ein „furor teutonicus“ ist über die Kirche in Deutschland hinweggefegt – und hat in ihr viele Ecken und Stellen freigelegt, wo die Kälte des säkularen Denkens in sie eingedrungen ist. Kirche als Großverein. Die kleinen Zellen und Gemeinden, wo der Glaube an die Gegenwart Jesu Christi in seiner Kirche lebendig ist, sind noch da. Aber ihnen schlägt nach dem diesem Winter mehr Unverständnis entgegen, als das zu den „Wir sind Papst“-Zeiten noch der Fall war.