Deutsche Erfindungen

Vieles verbindet man mit den Deutschen: Ordnungsliebe und Zuverlässigkeit, tiefe Gedanken und schwere Gedichte. Was man oft vergisst, ist dagegen der deutsche Einfallsreichtum. Dabei wäre das Leben ohne deutsche Erfinder um einiges ärmer. Von Burkhardt Gorissen

Ob auf Autos, Flugzeugen oder wie hier bei einem Satellitenempfänger – eigentlich könnte, was die Ursprungsidee betrifft, überall der berühmte Herkunftshinweis stehen. Foto: dpa
Ob auf Autos, Flugzeugen oder wie hier bei einem Satellitenempfänger – eigentlich könnte, was die Ursprungsidee betrifft... Foto: dpa

Deutschland ist nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch das Land der Erfinder. Der Buchdruck oder das Auto, der Computer oder der Fernseher – all diese Produkte sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, und bei all diesen Innovationen handelt es sich um deutsche Erfindungen, was häufig vergessen wird. Nicht nur von Otto Normalverbraucher, sondern bis hinein in die höchsten Kreise. So bezeichnete der amerikanische Präsident Barack Obama im Jahr 2008 bei seiner Rede vor dem US-Kongress die Vereinigten Staaten als die „Nation, die das Auto erfunden hat“. Nichts für ungut, Mister President, aber da hätte Ihnen Ihr Geheimdienst NSA doch genauere Informationen zukommen lassen können! Oder besitzt man in amerikanischen Abhörkreisen zu wenig Informationen über Deutschlands Innovationsgeschichte?

Dem können wir abhelfen: Mitte des 15. Jahrhunderts ereignete sich die bahnbrechende Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg in Mainz, Germany. Gewiss, gedruckt wurde schon vor ihm per Holzdruck, aber dabei handelte es sich um ein langwieriges Verfahren. Johannes Gutenberg ging anders vor. Das Handgießinstrument, der bedeutendste Teil der Erfindung, ermöglichte es, im schnellen Wechsel die jeweils benötigten Mengen an unterschiedlichsten Lettern zu gießen. Nun war die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Bücher, Flugblätter und Zeitungen von vielen Menschen gelesen werden konnten. Der Mainzer Tüftler hatte so etwas wie das „intellektuelle Rad“ erfunden.

Nur wenige andere Erfindungen übten einen derart gewaltigen Einfluss auf Kultur und menschliche Gesellschaft aus. Doch wer will schon immer nur lesen? Geistige Nahrung, schön und gut. Doch manchmal darf es auch eine echte Brotzeit sein, und was böte sich bei einer solchen besser zur Ergänzung an als flüssiges Brot? Wir schreiben das Jahr 1516, als der bayrische Herzog Wilhelm IV. das Bier erfand. Erfand ist vielleicht zuviel gesagt, das berauschende Getränk gab es lange zuvor, jedoch oft verpanscht mit Pech, Ochsengalle oder Schlangenkraut. Eine Kombination, die heute einen handfesten Lebensmittelskandal hervorrufen würde. Herzog Wilhelm sah es ähnlich. Per Gesetz legte der penible Potentat fest, dass Bier ausschließlich aus Gerste und dem daraus gewonnenen Malz, aus Hopfen und Wasser bestehen dürfe. Das deutsche Reinheitsgebot war geboren – die erste bis heute gültige Lebensmittelvorschrift. Ein Prosit der deutschen Sauberkeit und Regulierungskreativität!

Trotzdem gilt natürlich beim Bier wie bei allen Genussmitteln – alles mit Maß. Wer darüber hinausschießt, mag unter Umständen merkwürdige Dinge sehen, doch manchmal sind es eben genau die kreativen Grenzgänger, die Erfinder, welche (in der Regel ohne Alkohol) mehr sehen, mehr erahnen und dadurch die Welt zum Staunen bringen. So war es auch im Sommer 1654 in Regensburg, wo der Reichstag in Anwesenheit von Kaiser Ferdinand III. tagte. Otto von Guericke, Bürgermeister von Magdeburg und Wissenschaftler, war anwesend und legte vor den hohen Herren zwei kupferne Halbkugelschalen von 30 Zentimeter Durchmesser so aneinander, dass sie eine Kugel bildeten. Zwischen den Kugelschalen befand sich ein mit Wachs und Terpentin getränkter Lederstreifen als Dichtung. Mit der von ihm erfundenen Kolbenpumpe entzog Guericke dem entstandenen Hohlraum über ein Ventil die Luft. Der von außen auf die Kugel wirkende Luftdruck drückte sie so stark zusammen, dass sie sich selbst von zwei Gespannen mit je 15 Pferden nicht auseinanderziehen ließ. Erst als durch ein Ventil Umgebungsluft zurück in die Kugel strömte, konnten die Halbkugeln wieder getrennt werden. Nichts besonderes? Von wegen. Die Fahrradfahrer verdanken dieser Entdeckung von Guerickes die Luftpumpe. Doch es gab noch andere geniale Deutsche. „Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben.“ Dies behauptete der Mann, von dem man sagt, er sei der letzte Universalgelehrte gewesen: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Und tatsächlich: die Entdeckungen des Leipzigers in den Naturwissenschaften und seine philosophischen und historischen Schriften gelten bis heute als wertvolle und zitierwürdige Werke. Den Begriff „Monade“ (Einzelheit) zum Beispiel verwendete Leibniz als erster, aber nicht, um die Einsamkeit des Menschen zu postulieren. Galt für den Denker doch die Devise: „Ohne Gott ist nichts“. Folglich setzte Leibniz für Gott die Eins und für das Nichts die Null. Hieraus entstand das Dualsystem, das, wenn man so will, die Grundlage unserer computergesteuerten Welt ist.

Ein epochaler Vorgriff? Natürlich, aber auch bei einem anderen Deutschen, bei Philipp Reis aus Gelnhausen, hat bereits vor 150 Jahren das moderne Kommunikationszeitalter angeklingelt. 1859 gelang es dem Lehrer für Mathematik und Physik, Töne in elektrischen Strom zu wandeln und sie andernorts als Schall wiederzugeben. „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ lautete der erste telefonisch von Reis übermittelte Satz. Nicht gerade eine poetische Spitzenleistung, aber dafür haben wir ja Goethe und Schiller. Pech nur: Reis starb bereits 1874 im Alter von nur 40 Jahren. Der Amerikaner Graham Bell meldete anstelle von Reis 1875 auf seine Weiterentwicklung des Telefons ein Patent an und läutete damit den Siegeszug dieses Kommunikationsmittels ein. An ein abhörsicheres Handy für Kanzlerinnen hat damals jedoch vermutlich niemand gedacht. Schon die Vorstellung einer Kanzlerin dürfte zu der Zeit, als Otto von Bismarck das Szepter schwang, jenseits der kühnsten Imaginationsreisen gewesen sein. Doch nicht nur die Stimmen lernten in der Zeit der großen Erfindungen fliegen. Auch ein Mensch hob flügelgleich seine Schwingen.

Otto Lilienthal aus Anklam wurde mit seinem Gleitflugzeug zum ersten fliegenden Menschen. Lilienthal hielt als Fachmann für Flugtechnik Vorträge und tauschte sich weltweit mit anderen Flugpionieren aus. Industriespionage war damals noch kein Thema. 1896 starb Lilienthal tragischerweise bei einem Testflug. Seine Erkenntnisse führten die Gebrüder Wright in den Vereinigten Staaten weiter zur Erfindung des motorisierten Flugzeugs. Anderweitig hatte die motorisierte Zukunft sowieso schon längst begonnen. Carl Benz aus Mühlburg baute das erste Benzinauto. Die Idee zu einem Vehikel, das eine schnelle Fortbewegung erlaubte, kam beinahe zeitgleich Gottlieb Daimler aus Schorndorf. Am 5. September 1886 gab der „Generalanzeiger der Stadt Mannheim“ bekannt: „Wir glauben, dass dieses Fuhrwerk eine gute Zukunft haben wird, weil dasselbe ohne viele Umstände in Gebrauch gesetzt werden kann und weil es bei möglichster Schnelligkeit das billigste Beförderungsmittel für Geschäftsreisende, eventuell auch für Touristen werden wird.“ Wie wahr.

Im Jahr 1890 übertrumpfte Rudolf Diesel mit der neuen Antriebstechnik den bis dahin gebräuchlichen Ottomotor an Effizienz. Das Prinzip der verdichteten Luft, die sich selbst entzündet, erforderte weniger Kraftstoff. Doch den großen Durchbruch verdankt das Automobil einem anderen Deutschen: Robert Bosch aus Albeck bei Ulm, der am 7. Januar 1902 das Patent für die sogenannte Zündkerze in Kombination mit einem Hochspannungsmagnetzünder, erhielt. Dadurch wurde der Bau von schnelllaufenden Benzinmotoren möglich. Wobei man sagen muss, dass der eigentliche Erfinder nicht Bosch, sondern der leitende Ingenieur seiner Werkstatt war: Gottlob Honold aus Langenau, der bis zu seinem Tod an allen technischen Neuerungen des Bosch-Werkes beteiligt war.

So viele Neuerungen „Made in Germany“ um die Jahrhundertwende, soviel neues Licht der Erkenntnis. Auch dank Wilhelm Conrad Röntgen aus Lennep, der 1895 in Würzburg die sogenannten X-Strahlen entdeckte. Röntgen kam auf die Idee, in den Menschen hinein zu fotografieren. Die Röntgenbilder waren geboren – eine Revolution für die Humanmedizin.

Mit Strahlungen anderer Art beschäftigte sich hingegen der Kieler Physiker Max Planck, der versuchte, die Strahlungsgesetze aus thermodynamischen Überlegungen abzuleiten. Anfang des 20. Jahrhunderts präsentierte der in Berlin lehrende Wissenschaftler der Physikalischen Gesellschaft eine Gleichung, welche die Strahlung „Schwarzer Körper“ korrekt beschreibt. Damit legte er den Grundstein für die Quantenphysik. So ziemlich alles, was heute mit Aggregatzuständen und Gaslösungen zu tun hat, und das ist auf dem globalen Markt nicht gerade wenig, wäre ohne die geniale Entdeckungsfähigkeit des übrigens zutiefst christlichen Planck vermutlich ein Wunschtraum. Der allgemeine Lebenskomfort deutlich niedriger. Für Quantensprünge ganz anderer Art sorgten der Chemiker Otto Hahn, sein Assistent Fritz Strassmann und die Physikerin Lise Meitner. Schwerer als Uran sollte das Endprodukt sein, spekulierten sie, als sie 1938 begannen, das radioaktive Element Uran mit Neutronen zu beschießen. Mit der Entdeckung der Kernspaltung schafften sie die Grundlage für zwei wichtige Entwicklungen: die Kernenergie – und die Atombombe.

Dabei muss man es als glückliche Fügung werten, dass diese Erkenntnisse nicht in die Hände des Diktators Adolf Hitler gerieten. Das Land der Dichter und Denker war inzwischen zum Land der Richter und Henker geworden. Der braune Terror vertrieb viele der besten Köpfe. Der Physiker Albert Einstein aus Ulm ist nur einer von vielen Genies, die ihren deutschen Pass schon 1933 zurückgaben. Einsteins größter Hit ist zweifellos die Relativitätstheorie, zusammengefasst in der Formel E=mc2. Mit ihr erwarb sich der jüdische Wissenschaftler eine außerordentliche Bekanntheit, die er auch außerhalb der Fachwelt bei seinem Einsatz für Völkerverständigung und Frieden einsetzte. Während der Berliner Bauingenieur Konrad Zuse, der 1941 den ersten funktionsfähigen Computer der Welt entwickelte, Glück hatte, dass die Nazis das Potenzial dieses Geräts völlig unterschätzten und den Wissenschaftler nicht weiter in ihre Kriegsmaschinerie einspannten.

Relativ frei forschen konnte zu dieser Zeit auch der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer. Nachdem der katholische Hitler-Verächter bald nach der nationalsozialistischen Machtergreifung aus seinem Amt als beliebter Kölner Oberbürgermeister vertrieben worden war, verbrachte Adenauer die freigewordene Zeit unter anderem damit, an Erfindungen zu arbeiten. In dieser Zeit entstand die „Einrichtung zum Schutz gegen Blendung durch Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge, bestehend aus einem Kopfschirm oder einer Brille“, die vom Patentamt 1937 jedoch abgelehnt wurde. Mit der Begründung, dass sie nichts Neues sei. Weitere kuriose Erfindungen waren die „Elektrobürste zur Schädlingsbekämpfung“ und der „ortsfeste Brausekopf für Gießkannen“. Außerdem erfand er 1916, in Zeiten der Lebensmittelknappheit im I. Weltkrieg, eine „Sojawurst“ (Kölner Wurst), die heute an einem „Veggie-Tag“ durchaus Erfolge erzielen könnte und eines Tages vielleicht noch zum symbolischen Bindeglied einer schwarz-grünen Koalition wird. Im Jahr 1953, Adenauer war damals seit vier Jahren im Amt des Bundeskanzlers, wurde in London Königin Elizabeth II. gekrönt. Ein Teil der Deutschen war live dabei, dank der Fernsehtechnik, die zu diesem Zeitpunkt begann, ihre Herrschaft über die Wohnzimmer zu übernehmen.

Die erste elektronische Fernsehübertragung gelang jedoch viel früher. Der 1907 in Hamburg geborene Manfred von Ardenne hatte sich früh der Weiterentwicklung der Radiotechnik gewidmet und am Weihnachtsabend 1930 zauberte er das erste Fernsehbild hervor. 1935 wurde dank seiner Ideen das erste regelmäßige Fernsehprogramm ausgestrahlt. Seinen Durchbruch erlebte das neue Medium allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Baron Ardenne – nur ein deutscher Erfinder des 20. Jahrhunderts, wie zum Beispiel auch Hans Joachim Pabst von Ohain, der Erfinder des modernen Düsenantriebs, oder wie die Raketeningenieure Hermann Oberth und Wernher von Braun, ohne deren Erfindungsreichtum eines Menschen Fuß wahrscheinlich nie oder erst sehr viel später den Mond betreten hätte. Nicht zu reden von den deutschen Erfindern der Currywurst und des Teebeutels. Eine Liste, auf die man hierzulande ruhig ein bißchen stolzer sein könnte und die sich fortsetzen ließe bis in unsere Tage. Ob der Präsident der Vereinigten Staaten etwa weiß, dass der MP3-Player eine deutsche Erfindung ist? Ab 1982 wurde das technische Meisterstück unter der Leitung von Hans-Georg Musmann von einer Gruppe um Karlheinz Brandenburg am Fraunhofer-Institut entwickelt. Dieses kleine Ding sorgt nun immerhin dafür, dass man die eigene Musikauswahl komfortabel in die Westentasche stecken kann.

Doch da sieht man es mal wieder: Nichts darf einem wahren Erfinder zu klein oder zu unbedeutend erscheinen. Vieles lässt sich entdecken, das das Leben der Menschen leichter und angenehmer macht, ohne dass man die Erfindung dafür gleich idolisieren oder kommerziell ausschlachten sollte. Ein wahrer Erfinder wird immer staunen über den Reichtum der Welt, die schier unendlichen Entdeckungsmöglichkeiten zwischen Himmel und Erde. Deshalb, Mister President, wollen uns auch nicht zu sehr mit dem „Made in Germany“ schmücken. Letztendlich kommen natürlich alle Geistesblitze und genialen Wissenseinfälle von jemand Höherem – sind sozusagen „Made in heaven“. Das darf sich ihr Geheimdienst, falls er dies nicht bereits getan hat, ruhig auch noch notieren.