Der vom Glauben Durchseelte

Benedikt XVI. ist nicht nur eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte, meistens war er der Zeit einige Schritte voraus. Von Martin Lohmann

Papst Benedikt XVI.
Das Pontifikat ist beendet, die Zeit als Kirchenlehrer beginnt erst noch: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. Foto: dpa

Entweder man ist Prophet oder Priester oder Poet. Selten treffen sich alle drei Begabungen in einer Person. Doch es gibt sie, diese mehrfach beschenkten Persönlichkeiten, zu denen sich eventuell gar noch ein viertes „P“ zu den drei PPP hinzugibt: Papst. Bei Benedikt XVI. treffen alle vier „P“ zu – und verbinden sich zu einer außerordentlichen Persönlichkeit der Kirche, aber auch der Zeitgeschichte. Wenn Joseph Ratzinger am 16. April 2019 sein 92. Lebensjahr vollendet, dann ist das der Geburtstag eines Theologen von Weltrang, eines Kirchenvaters der Neuzeit und eines sensiblen Menschen aus Bayern, der das Papstamt wie kaum ein anderer durch seinen Rücktritt vom Petrusdienst veränderte und als Emeritus in den Gärten des Vatikans durch Gebet und Wort gegenwärtig ist. Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. ist ein PPPP: Poet, Priester, Prophet und Papst.

Poeten zeichnet eine besondere Liebe zur Sprache aus, die ja mehr ist als ein Instrument der schnellen Kommunikation, sondern das Sein selbst zum Ausdruck bringen will und als Medium Wahres, Richtiges und Wichtiges zur Mitteilung bringen möchte. In der Sprache geschieht – bestenfalls – Begegnung, Erkenntnis und Leben. Der Theologe und praktizierende Musikliebhaber Joseph Ratzinger, den man später den Mozart der Theologie nannte, kultivierte schon früh wieder seinen Umgang mit Wörtern, mit Begriffen und deren Zuordnung mit jener edlen Materie, die man Sprache nennt. Wörter und Worte zeichnen sich durch sein ganzes und wahrlich umfangreiches Schriftwerk dadurch aus, dass sie eine innige und respektvolle Liebe im Umgang verraten, um, ja um anderen die Schönheit dessen anzubieten und auch möglich zu machen, was in der Sprache und dem Wort sich erschließen soll und kann: Wahrheit. Der Beginn des Johannesevangeliums scheint dem späteren Papst eine stets Mahnung gewesen zu sein, den Anspruch Gottes gegenüber dem Wort nicht zu vergessen und ihm in menschlicher Gebrechlichkeit so edel wie möglich gerecht zu werden. Immerhin heißt es dort, dass im Anfang das Wort, der Logos, war, und dass der Logos Gott war – und dass aus dem Wort alles geworden ist.

Was für ein Anspruch! Was für ein Geschenk! Was für eine Zuversicht! Gerade für Menschen im 21. Jahrhundert, wo das Wort, wo bestimmte Wörter inflationär entwertet zu werden scheinen und die Ehrfurcht vor der Sprache und ihrer Verknüpfung mit der vorgegebenen Würde des Menschen zu schwinden scheint und ausgerechnet vom Menschen verraten wird. Bei Ratzinger konnte und kann man immer wieder vor allem in seinen Texten erleben, wie in einer wahrhaftigen Sprache höchste Erkenntnisse und Verheißungen mit poetischer Liebenswürdigkeit und Klarheit dazu einladen, selbst und ohne überbordende Anstrengung geradezu leicht in höchste Geisteswelten aufzusteigen. Allein die Enzyklika „Deus Caritas Est“ (Gott ist die Liebe) ist nicht nur ein Bekenntnis, sondern eine von zärtlicher Liebe wortreiche Hinführung zu Gott selbst. In den Texten dieses Poeten ist nachzuspüren, dass da ein vom Glauben Durchseelter denkt und formuliert. So versteht man dann auch frühere Ausführungen, wie etwa jene aus dem Jahre 1988, wenn es in „Diener eurer Freude“ heißt: „Bekehrung – das erste Wort des Christentums – kann nur verkündigen, wer selbst von ihrer Notwendigkeit berührt worden ist und darum die Größe von Gnade begriffen hat.“

Wie sehr der Poet seine Gabe mit der Mission des Priesters zu verbinden versteht, mag ein Auszug aus einer Predigt vom 16. Mai 1985 verdeutlichen, wo sich – wie so oft bei ihm – Sprache in reiner Form anbietet und lichtreich Trost vermittelt: „Das Letzte und Entscheidende für den Menschen, gerade auch für sein Wohl und Glück, ist nicht das Wohlfühlen, sondern das Gutsein. Der Mensch wird nicht vergrößert, wenn ihm Autonomie zugesprochen wird, sondern verkleinert, denn er kommt erst wahrhaft zu sich selbst, wenn er über sich hinauskommt. Er ist mehr bei sich selbst, wenn er bei Gott ist, als wenn er nur er selber sein will.“ Und es ist das Wort eines klugen Propheten, wenn es dann heißt: „Wir müssen, ja wir dürfen nicht das Sein für uns zurechtbiegen, damit es uns dienlich wird, denn dann zerstören wir die Welt und uns selbst.“ Mehr als drei Jahrzehnte später ist diese Mahnung aktueller denn je – aber auch verdrängter als je zuvor. Deshalb gilt umso mehr: „Hinhören auf die Sprache Gottes, das heißt, Gott gemäß zu werden.“ Wenn wir, denen Gott entgegenkomme, doch nur begreifen würden, dass das Gebot ein letztlich einfaches ist: „Dass wir gemäß der Wahrheit werden.“

Der Priester und Bischof, der seine Begabung im Umgang mit der Sprache immer in den Dienst des Liebenden stellte, traut diese Befähigung allen Gottesgeschöpfen zu. Der bischöfliche Wahlspruch wurde daher auch zu einer Mut machenden Einladung an viele, „Mitarbeiter der Wahrheit“ – Cooperatores veritatis – zu sein und zu bleiben. Wer so denkt und lebt, der erfährt auch freien und klaren Blick auf die Gefahren für Wahrheit und Würde und Leben im Alltäglichen und Politischen. Es ist nur konsequent und logisch, dass bereits der Kardinal Ratzinger vor der Diktatur des Relativismus warnte, die eine als Toleranz verkaufte und sich in feinem Tuch tarnende militante Intoleranz befördere, weil sie sich der durch Wahrheit möglichen wirklichen Freiheit verschließt und diese phobisch bekämpft. Für alle hörbar – und von vielen kleingeistig und angstvoll sofort überhört – waren die prophetischen Worte des Poeten und Papstes im deutschen Bundestag, als dieser die Ökologie des Menschen anmahnte und vor den fatalen Folgen des Ignorierens von Wahrheit, Recht, Verantwortung und Weisheit warnte.

Er sprach von der „sich exklusiv gebenden positivistischen Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen“ könne und „den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben“, gleiche: „Dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“

Wer wieder in die Weite, in das Ganze zurückfinden wolle, und wer dabei nicht möchte, dass die Vernunft wieder ihre Größe findet, ohne ins Irrationale abzugleiten, müsse nicht zuletzt die Ökologie, die Natur des Menschen wieder zulassen und neu entdecken. „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.“ Und das bedeute im Blick auf den Menschen, dass er selbst seine Natur achtet und respektiert, sie keinesfalls beliebig manipulieren dürfe. „Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Und weiter: „Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.“

Jemand, der Poet-, Priester- und Prophet-Sein gleichermaßen in die Wiege gelegt bekommen hat, ist schließlich angstfrei und energiereich verwachsen mit einer Versöhnungsmission, die einen luziden Geist nicht locker lassen kann. Bei Joseph Ratzinger zeichnete sich schon früh ab, wie sehr es ihm ein Anliegen ist, eine in der torsohaften Selbstverliebtheit steckengebliebene Aufklärung zu befreien zu einem ganzheitlichen Freiheitsgebilde, das die Glaubensbefähigung des Menschen nicht ins Gefühlige abdrängt und sich selbstgerecht als Ratio bezeichnend über die Fides erhebt. In einem längeren Gespräch sagte Kardinal Ratzinger 1996: „Leider ist es so, denn der Begriff Natur ist inzwischen von der Naturwissenschaft so beschlagnahmt, dass sein ursprünglicher philosophischer Gehalt dem heutigen Menschen sprachlich nicht mehr sichtbar, nicht mehr zugänglich ist. Dass hier sozusagen die Grundmuster der Wirklichkeit gemeint sind und nicht einzelne Verlaufsgesetzlichkeiten, das ist tatsächlich aus dem Blick geraten. Insgesamt würde ich das von Ihnen beschriebene Programm ,Selbstkritik der Aufklärung‘ nennen, auf dass sie ganz sie selber werde.“ (vgl. Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften 13, Freiburg 1245–1249).

Die Aufklärung sei „jedenfalls nicht auf den Weg gekommen, der ihr positives Wesen voll zur Erscheinung bringen könnte. Anders ausgedrückt: Es ist eine Reduktion der Vernunft erfolgt, weil sie zunächst einmal vom Glauben abgedrängt wurde und nur rein in sich selbst ohne jeden Einfluss des Glaubens und der Offenbarung bestehen sollte. Das heißt, sie ist bewusst schwerhörig geworden gegenüber anderen Realitäten, eben gegenüber dem, was aus der Offenbarung, aus dem Glauben heraus kommt. Sie darf es gar nicht hören, weil sie gar nicht mehr rein wäre, weil die Philosophie gar nicht mehr Philosophie wäre. So denkt man, und das führt dann dazu, dass schließlich nur noch gilt, was experimentell verifizierbar ist, dass also die Vernunft sich auf einen engen Sektor beschränkt, eben den naturwissenschaftlich ausweisbaren, und damit die großen Realitäten des Menschen ins Beliebige und Irrationale abschiebt. Dadurch entsteht eine Art Schizophrenie. Als vernünftig bleibt das Experimentierbare übrig. Alles andere, das heißt die großen eigentlichen Menschheitsfragen und Fragen jedes Einzelnen, werden ins Irrationale abgeschoben, und damit muss die Menschheit in ihrem Wesentlichen irrational werden.“ Man müsse „wieder zeigen, dass Vernunft weiter und größer ist. Was nicht experimentierbar ist, muss deswegen nicht unvernünftig sein. Vielmehr gibt es da eine andere Weise der schauenden, der vernehmenden Vernunft, in der sie dann erst zu ihrer eigentlichen Größe kommt, indem sie versteht, wer ich bin. Das versteht sie nur, wenn sie eben auch die Anrede von Gott her hört. Das heißt, wir müssen wieder zu einer größeren Vernünftigkeit kommen, in der der Glaube nicht irrational ist. Er bleibt Mysterium, aber er ist vernünftig und dem Verstehen zugeordnet.

Mit dieser zu ihren großen Möglichkeiten geöffneten Vernünftigkeit erhält dann die Wissenschaftswelt wieder ihre menschlichen Maßstäbe und ihren menschlichen Zusammenhang.“ Es sei sehr wichtig, dass „die Wissenschaft wieder den Mut findet, nach Wahrheit zu fragen und die Wahrheitsfrage wieder als dem Vernunftbereich zugehörig ansieht“. Auf diese Weise könne sie „die Furcht vor der Wahrheit überwinden, die tatsächlich da ist“. Auch in der Kirche fürchte man, dass wenn man sage, dies sei wahr, „man sei dann intolerant gegenüber den anderen und man gebe überhaupt der Intoleranz Vorschub. Es ist in unserem Bewusstsein sozusagen eine Verbindung zwischen Wahrheit und Intoleranz hergestellt worden.“

Zu seinen Prophezeiungen muss man unter anderem auch jene zählen, in denen der Theologe und die zeitgeistigen Strömungen erkennende und analysierende Gelehrte schon früh vor dem radikalen Glaubensabfall und dem Verdunsten des Katholischen bis hinein in die Kirche warnte. Er machte sich daher – wie das bei Propheten so ist, die den Durchblick wagen und dann auch noch recht haben mit ihren Befürchtungen – gerade in Deutschland keine Freunde. Erst recht nicht, als er als Papst in Freiburg die Entweltlichung der Kirche anmahnte und deutlich zum Ausdruck brachte, dass diese Kirche gerade in seiner Heimat existenziell von der Verweltlichung und der auch pekuniär gesteuerten Anpassung an das Profane gefährdet ist. Es wirkte wie eine geradezu skurrile Bestätigung, mit welcher Schnelligkeit damalige deutsche Zuhörer und Verantwortungsträger in Freiburg noch im Verhallen der Mahnworte in Mikrophone und Schreibblöcke diktierten, dass Benedikt XVI. auf keinen Fall die Kirche in Deutschland gemeint haben könnte.

Manches wirkt mehr als 40 Jahre später noch so aktuell, als wäre es präzise ins Heute geschrieben oder gesagt. Darin zeigt sich die Kraft des Propheten, der als Priester ebenso weise wie weit zu schauen in der Lage ist – und dazu einlädt. In Ratzingers „Dogma und Verkündigung“ (1977) lesen wir im Blick auf die Wüstenzeit als Zeit der äußersten Gefährdung und Versuchung, in der „Israel murrt gegen seinen Gott“ und „zurück ins Heidentum“ möchte: „Ist darin nicht auch unsere Situation beschrieben? Kirche ist heute in einer ganz neuen Weise (...) in die Zeit der Wüste hineingeschickt. Sie hat so viele Behausungen und Sicherungen verloren. Nichts von dem, was sie zu tragen schien, hält mehr.“ Auch an die Kirche unserer Zeit „drängen sich die Halluzinationen der Wüste, ihre Versuchungen heran. Auch ihr legt sich nahe, da der ferne Gott so ungreifbar geworden ist, es mit dem Näheren zu versuchen, die Weltlichkeit selbst als Christlichkeit zu erklären, das Aufgehen in der Welt als den wahren Dienst Jesu Christi auszulegen.“

Vor dieser versuchsstarken Anpassung, die eine billige und falsche wäre, aber warnt der Prophet immer wieder. Die buchstäbliche Not wendende Entweltlichung der Kirche Gottes ist, so würde man heute wohl sagen, alternativlos. Es sei denn, man wollte eine Entchristlichung der dann immer kälter werdenden Welt. Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. – zweifellos ein Poet, der als Priester und Prophet Papst wurde und dessen Botschaft verständlich, unbequem, klar und einladend bleibt.