Der himmlische Schatzsucher

Er ist einer der größten Heiligen: Franz von Assisi. Aus seinen Taten und Worten leuchtet die Liebe Gottes hervor. Den Weg der radikalen Erneuerung der Kirche konnte er aber nur gehen, weil er Jesus Christus nachfolgte: Weg, Wahrheit und Leben. Ein Plädoyer für eine franziskanische Neubesinnung. Von Burkhardt Gorissen

Man darf den heiligen Franziskus „nicht vereinnahmen als ökumenischen, ökologischen oder anthropozentrischen Menschen“: Er liebte Christus und die katholische Kirche. Foto: dpa
Man darf den heiligen Franziskus „nicht vereinnahmen als ökumenischen, ökologischen oder anthropozentrischen Menschen“: ... Foto: dpa

Die Kirche ist der Pulsschlag des Heiligen Geistes. Er durchwaltet das Wort der Schrift, die Sakramente und die Einzigartigkeit unseres Glaubens, der bestimmt ist von der Gottessohnschaft Christi. Das freie und selbstlose Ausströmen des Geistes gerät insbesondere bei den Heiligen zur Wirklichkeitsentfaltung. Sie sind seine Stimme. In ihren Gnadenhandlungen erkennen wir den dreifaltigen Gott. Gewiss neigen wir in unserer lauten Zeit der Schaufensterverheißungen dazu, ihre Stimmen zu überhören. Wie gern reißen wir Zitate aus dem Zusammenhang und beugen die Wahrheit nach unseren Vorstellungen. Aber Heiligenverehrung heißt ja nicht, unseren willkürlich weltlichen Maßstab anzulegen, sondern der Spur ihres Wirkens nachzugehen und durch sie den Heiligen Geist auf unserem Weg der christlichen Erneuerung erfahrbar zu machen. Alles andere wäre Irreführung. Vielleicht können wir das nur in letzter Konsequenz erfahren, wenn wir an den Scheitelpunkten unseres Lebens stehen.

Franziskus ging es nicht um ein politisches Programm

Genau da befand sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein junger Mann namens Giovanni Battista Bernardone, den man heute zum Jet-Set zählen würde, ein superreicher Wohlstandsjüngling, dem Lebensgenuss zugetan. Als seine Karriere als Ritter jäh in einer schweren Krankheit mündet, setzt sich bei ihm die Erkenntnis durch, dass sämtliche irdischen Glücksversprechen Schall und Rauch sind. Als er 1206 vor dem Kreuz der kleinen, vom Verfall gezeichneten Kirche San Damiano in Assisi betete, hörte er vom Kreuz her dreimal Gottes Stimme: „Geh hin, Franziskus, stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, zu zerfallen droht!“ Eine Forderung von bedrückender Aktualität.

Es gibt viele Versuche, die Wandlung des Giovanni Battista Bernardone zum Heiligen Franziskus zu erklären, doch psychologische und soziologische Parameter erklären nicht das Wirken des Heiligen Geistes. Franziskus steht für den Wandel zur Spiritualität durch ein inneres Wachstumsgesetz, dass sich aus dem Charisma des Göttlichen speist. Nach den Zeugnissen der Mystiker ist die Seele im Vereintsein mit Gott entrückt. Doch Franz von Assisi steht weder für ökumenisches Palaver, noch für esoterischen Hokuspokus. Echte Spiritualität spricht aus ihm, wenn er in seinem Testament schreibt: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.“

So kann sich nur jemand mitteilen, dessen Seele zum göttlichen Licht hin gerichtet ist, mehr noch, verbunden damit, unbeschadet alle irdischen Anhaftungen und Ängste fahren lässt. Die Barriere, eine Mischung aus Ekel und Grausen, die uns von den Aussätzigen und Außenseitern trennt, löst er in Gottes allumfassender Liebe auf, die keine Furcht mehr zu kennen braucht, weil sie selbst die letzten Dinge in klarstem Licht sieht. Deshalb lässt sich dieser große Heilige auch nicht vereinnahmen als ökumenischer, ökologischer oder anthropozentrischer Mensch; es geht nicht um Erklärungen mit Hilfe unserer verstandesmäßigen Schulweisheit zum Nutzen einzelner Interessensgruppen.

So sehr wir heute versuchen, die Dinge politisch zu deuten, so sehr ermahnt uns Franziskus' Schlichtheit des Schauens. Es ist ein Kindwerden auf Gott hin, das uns in dem Ewigkeitswiderhall der Schöpfung zu ihm führt. Auch hier wieder der Weg Franziskus', der im Fortfall aller Sinneseindrücke Armut lebt, weil sich erst aus ihr heraus der ganze Gnadenreichtum der Schöpfung ausgießt. Nicht im psychologischen oder pantheistischen Sinn, sondern im Urbild des göttlichen „Ich bin“, das sich in die Schöpfung hinein mitteilt.

In seiner Liebe zur Natur geht es um weit mehr als um Ökosteuern oder den Handel mit Emissionszertifikaten. Weltliche Tricks, die der Verschleierung dienen, können dem nicht entsprechen, der sagt: „Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen“. Die Erkenntnis, dass Gottes gelobt wird, „durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns ernähret und trägt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter“, beinhaltet, dass es eine Lieblosigkeit Gott gegenüber ist, die Erde und ihre Geschöpfe auszubeuten. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und deinen Nächsten wie dich selbst“, lautet der nicht verhandelbare Kernsatz im christlichen Denken und Tun. Zweifel daran lässt der friedfertige Heilige nicht aufkommen. Er will die Worte der Evangelien nicht nur im übertragenen Sinne verstanden wissen, sondern immer wörtlich und direkt angewandt. So fordert er von seinen Brüdern: „wie Fremde und Pilger wohnen und nichts unter dem Himmel ersehnen als die heilige Armut“.

Aus unserer Sicht begreifen wir den Begriff „Armut“ fast ausschließlich im Zusammenhang mit den Problemen der Entwicklungsländer oder bringen ihn mit einem Leben am Existenzminimum in Verbindung. Durch diese ökonomisch begrenzte Sichtweise erschließt sich uns unsere eigene Armut nicht. Es würde auch kaum unserem Selbstbild entsprechen, unser eigenes Leben als defizitär zu begreifen. Schließlich verstehen wir uns nicht gern als Habenichtse. Unser Stolz fordert Besitz. Deshalb verarzten wir die Bettler, die uns um einen Euro anbetteln, als lästigen Notfall, dessen wir uns entweder durch Zahlung entledigen oder damit, dass es in Deutschland genug Sozialhilfe gibt. Wir haben dabei übersehen, dass die materielle Zuwendung eigentlich eine geistlich-seelische sein müsste, von der wir uns aber ebenso freikaufen wollen wie Umweltverschmutzer durch Emissionshandel. Dabei werden wir auf unser eigenes Defizit gestoßen. Ganz offensichtlich gebricht es unserem materialistischen System daran, dass es Gott tötet oder verkauft, die Seele verrät und das Gewissen mit Lebenslügen betrügt. Die Bettler an den Bahnhöfen, in den Fußgängerzonen, sind die Fieberkurve unserer eigenen Saturiertheit. Und nicht auch der Saturiertheit einer Kirche, die sich zumindest doch in den Industrieländern gern als Dienstleister versteht, dem es auf die Gebote Gottes weniger ankommt als auf gefallsüchtige Kommentare in den Medien? Muss die Kirche nicht immer dann, wenn sie sich an die Welt anbiedert, Rechenschaft ablegen?

Froh sind wir, wenn unsere Kirchen schöne Museen sind und als heimelige, soziale Treffpunkte dienen, da darf denn auch mal Schampus zu einer Ausstellungseröffnung am Taufbecken fließt. Wieso erscheint es uns schon normal, wenn man das Haus Gottes profanisiert? Wenn vor zwanzig Jahren noch die Kirchen tagsüber offen standen, sind sie heute in der Regel verschlossen. Aus Angst vor Dieben – oder vor Betenden? Was hätte der Heilige aus Assisi geantwortet: „Gibt’s dort etwa etwas zu stehlen?“. Sind die Schätze der Erde nicht im Himmelreich Makulatur? Auch Gold kann Hunger stillen. Ja, wir Hungernden, vor lauter Anpassung an den Zeitgeist haben wir den Opferungsgedanken ganz vergessen. Die Eucharistie ist das Wichtigste? Der Leib Christi ist heilig? Wir backen lieber Sauerteigbrote in Event-Workshops. Aber bitte mit Spaß und Sahne! In den Köpfen mancher theologischen Dienstleister scheinen mehr Schlagerweisheiten oder bestenfalls Nietzsche-Sprüche zu spuken, als Heilige Schrift zu wirken. Und den Dichtern der Neuzeit bleibt nur schwarzgallig zu murmeln, „die Erde ist kalt, ist nichts“ (Benn). War's das? Nicht ganz! Es lohnt sich, mit der heiligen Unverschämtheit des Heiligen aus Assisi sich gegen den Zeitgeist zu stellen: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.“ Wer Mut hat, spricht es aus. In der Fußgängerzone, bei den Bettlern? Warum eigentlich nicht. „Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.“ Da ist sie, die allumfassende Liebe, deren Versuch es nicht ist, sich freizukaufen, sondern grenzenlos zu geben.

Als sich Giovanni Battista Bernardone entschließt, als Asket zu leben und Jesus ganz und in Armut nachzufolgen, kommt es zu schweren Auseinandersetzungen mit seiner Familie. Überhaupt erklären ihn die Leuten in Assisi für verrückt. Dabei sind sie nur kleinmütig. Im Nachhinein wissen wir es besser. Bleibt die Frage: Wie mutig sind wir? Zeigt uns Franziskus nicht, dass radikal dem Elend begegnen heißt, Gott aus ganzem Herzen lieben? In Sternstunden können wir das sogar spüren, meistens bleibt sogar ein leichtes Kribbeln übrig. Doch mit der Nachfolge hapert es. Hätte dieser große Liebende seine Habe vergöttert, ihm wäre es ergangen wie dem reichen Jüngling. Doch er hatte den Ruf Gottes gut gehört, und das Gehörte in sich Frucht tragen lassen. Der reiche Giovanni bricht mit seiner Vergangenheit. Wird ein himmlischer Schatzsucher. Vor dem Bischof von Assisi verzichtet er im Beisein seines leiblichen Vaters auf sein Erbe zugunsten seines himmlischen Vaters und weiht sein Leben der Erneuerung von Kirchen und der Pflege von Aussätzigen. Denn „Alles, was die Menschen zurücklassen müssen, wenn sie von dieser Welt scheiden, ist für sie für immer verloren“, schreibt er. Bald schließen sich ihm Gefährten an, mit der Zeit entsteht ein neuer Orden, der sich die „Minderbrüder“ nennt, um 1210 pilgert der Geläuterte mit seinen Getreuen nach Rom und erwirkt von Papst Innozenz III. eine mündliche Bestätigung der ersten Ordensregel. Gewiss, einen Regenbogenorden wollte er nicht. Sein Sonnengesang braucht keine Sonnenkollektoren, er atmet den Heiligen Geist. „Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.“ Zeit seines Lebens reist der demütige Diener Gottes durch Italien, Südfrankreich, Spanien und Ägypten, und überall verkündet er das Evangelium. Als Erwiderung Gottes auf Franziskus' Verlangen, Jesus immer ähnlicher zu werden, kommt es zur Erscheinung des Gekreuzigten auf dem Berg La Verna, wo sich der Heiland vom Kreuz neigt und ihm seine Wunden einprägt. Die Stigmata. „Lobt und preist meinen Herrn und sagt ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.“