Der große Herr S. und seine mikroskopisch kleine Welt

Der Stammzellforscher Hans Schöler beklagt das „abgrundtiefe Misstrauen“, das

hierzulande Wissenschaftlern entgegengebracht werde und attackiert obendrein gleich

die katholische Kirche äußerst heftig. Wie be- oder unberechtigt sind Schölers Angriffe auf

die Kirche und das Misstrauen gegenüber Forschern? Eine Analyse.

Bisweilen scheint es selbst in der Welt großer Männer unerträglich einfach zuzugehen. Dem oberflächlichen Beobachter fällt das nicht immer auf. Kein Wunder. Denn große Männer haben manchmal auch eine große Schwäche, die viel von dem, was dort zu kurz gedacht wird, zu kaschieren hilft: Große Worte. Hans R. Schöler, Deutschlands derzeit wohl bedeutendster Stammzellforscher und zweifellos ein großer Mann, hat solch große Worte jetzt in die Welt hinausposaunt. Über die Deutsche Presse-Agentur ließ der Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster die Republik wissen, warum sich die katholische Kirche vehement gegen die von ihm herbeigesehnte Liberalisierung der Forschung mit embryonalen Stammzellen stemmt: Öffentliche Profilierung.

Eigentlich, will Schöler uns glauben machen, eigentlich habe auch die katholische Kirche nicht wirklich etwas daran auszusetzen, dass er und seine Mitstreiter endlich auch in Deutschland unbeschränkt auf Zelllinien zugreifen wollen, die aus eigens zu diesem Zweck getöteten menschlichen Embryonen gewonnen wurden. Eigentlich wolle die katholische Kirche gegen die Abtreibung protestieren; ein „Thema“, das Schöler scheinbar für ethisch dringlicher hält. Bemerkenswerterweise geht Schöler dabei immerhin von 200 000 Fällen pro Jahr aus und das, obwohl die offizielle Statistik, die statt von „vorgeburtlichen Kindstötungen“ verharmlosend von „Schwangerschaftsabbrüchen“ spricht, hier doch seit Jahren konstant rund 130 000 verzeichnet. Dass die offizielle Statistik nur die gemeldeten vorgeburtlichen Kindstötungen erfasst, die Dunkelziffer also weit höher liegen muss, das hat der Biologe demnach offenbar verinnerlicht. Hut ab.

Kein Hut lässt sich jedoch vor Schölers Behauptung ziehen, die katholische Kirche schweige zur Abtreibung. Da sie fürchte, noch mehr Anhänger zu verlieren, als dies ohnehin der Fall sei, wenn sie das grausame Unrecht zur Sprache bringe, welches heute beinah jedes vierte ungeborene Kind im Mutterleib ereilt, greife sie nun „stellvertretend die Stammzellforschung als Thema“ auf. Große Worte, die freilich nicht schon deswegen im großen Bogen verworfen werden dürfen; jedenfalls nicht, ohne sie vorher einer genaueren Prüfung unterzogen zu haben. Es mag ja durchaus sein, dass mancher Priester heute Angst davor hat, ein Kirchenschiff leer zu predigen, wenn er bei der Auslegung des Evangeliums – dort, wo es angebracht erscheint – den ihm anvertrauten Gläubigen auch in Erinnerung riefe, dass Abtreibung die Tötung eines unschuldigen und wehrlosen Menschen ist, und die Tötung eines unschuldigen und wehrlosen Menschen eine schwere Sünde darstellt.

Durchdachte Strategie oder absolute Ahnungslosigkeit?

Möglich auch, dass der eine oder andere Geistliche nur die Überstunden im Beichtstuhl vermeiden will, die eine solche Predigt nach sich ziehen könnte. Auch dass der eine oder andere Bischof diesem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken könnte, wird man Schöler, der während der Auseinandersetzung um den Beratungsschein in den USA forschte, wohl noch zugestehen müssen. Andererseits lässt sich ganz sicher nicht bestreiten: Jeder durchschnittlich gebildete Gläubige weiß wohl besser Bescheid über das, was die katholische Kirche zur Abtreibung lehrt, als über das, was sie zum Beispiel über die Eucharistie, die Gottessohnschaft Christi oder die Dreifaltigkeit lehrt. Und wer wirklich registriert hat, welche Bischöfe sich auf Seiten der katholischen Kirche bislang in der Stammzell-Debatte zu Wort gemeldet haben, der wird unter ihnen keinen einzigen finden, der nicht an anderer Stelle auch zur Abtreibung ungeborener Kinder unmissverständlich Stellung bezogen hätte.

Wer darum Deutschlands bedeutendstem Stammzellforscher nicht unterstellen will, dass er mit seinen Einlassungen einen Keil in das Lager derer zu treiben versucht, die ihm die Arbeit schwerer machen, als er es selbst für nötig hält, der kann ihm – ohne den Einsatz der katholischen Kirche in Deutschland für die ungeborenen Kinder als unübertreffbar zu glorifizieren – nur eines attestieren: Absolute Ahnungslosigkeit.

Da sich jedoch gegen einen solche Vermutung der gesunde Menschenverstand verständlicherweise sträubt – dies umso mehr, als es sich bei Schöler tatsächlich um einen bedeutenden Forscher handelt – lohnt es sich, sich ein wenig näher mit Schöler zu beschäftigten. Wer ist der Mann, der so etwas in die Welt setzt?

Geboren in Toronto, wohin seine Eltern in den fünfziger Jahren ausgewandert waren – angeblich weil die Paderborner wenig Verständnis dafür zeigten, dass seine katholische Mutter einen Protestanten, Chefarzt am Johannis-Stift, heiratete – kam Schöler schon in den sechziger Jahren nach Deutschland. An der Universität Heidelberg studierte er Biologie, und wurde bald darauf am Zentrum für Molekulare Biologie (ZMBH) in Molekularbiologie mit Auszeichnung promoviert.

Nach einem Abstecher in die Industrie (Boehringer Mannheim) und einer Forschungstätigkeit am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen, wechselte Schöler 1985 zum European Molecular Biology Laboratory, kurz EMBL, nach Heidelberg. Das EMBL galt damals als die beste Adresse für Molekularbiologen in Europa. Doch die ersehnte Professoren-Stelle ließ auf sich warten. Obwohl Schöler schon in vergleichsweise jungen Jahren in renommierten Fachzeitschriften wie „Science“, „Nature“ und „Cell“ publiziert hatte, galten die EBMLer in der universitären Welt als Außenseiter. Vielleicht blickten die Professoren an der Uni auch nur mit Neid auf ihre Forscherkollegen an dem außeruniversitären Forschungslabor. Jedenfalls verweigerten sie Schöler die Habilitation im ersten Anlauf. „Sie ließen mich durchrasseln. Mich, der nie eine Prüfung schlechter als mit einer Eins gemacht hatte“, ärgert sich Schöler noch heute. Als ihm seine Heimatuniversität später auch noch eine C4-Professur verweigerte, hatte auch Hans Schöler vorerst genug von Deutschland und suchte sein berufliches Glück im Ausland, genauer in den Vereinigten Staaten von Amerika. Er fand es an der Universität Pennsylvania, die ihn zunächst als Associated Professor für Reproduktionsphysiologie berief und ihm im Jahre 2000 schließlich den Lehrstuhl für Reproduktionsmedizin anvertrauen sollte.

Schritt für Schritt die gesetzlichen Hürden abbauen

Im Mai 2003 sorgte Schöler dann weltweit für Aufregung. Im Online-Dienst der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlichte das von ihm geleitete Forscherteam eine Arbeit, in der die Herstellung von Eizellen im Labor aus Stammzellen beschrieben wurde. Von einem „ethischen Erdbeben“ war hier und da gar die Rede. Der Grund: Falls es möglich wäre, Schölers Ergebnisse zu reproduzieren, dann ließe sich – zumindest theoretisch – das Klonen und anschließende Töten menschlicher Embryonen als Rohstofflieferanten auf Basis künstlich hergestellter Embryonen bewerkstelligen. Die massenhafte Ausbeutung von Frauen als Eizellspenderinnen – eine Horrorvision, die selbst jene auf die Barrikaden treibt, die dem Embryo keinen großen Eigenwert zuzubilligen bereit sind – wäre vom Tisch. Und das obwohl Schöler selbst auch mit der Eizellspende nachweislich keine unlösbaren Probleme zu haben scheint.

In einem Interview, das Schöler anlässlich seiner Rückkehr nach Deutschland gab, antwortet er auf die Frage, ob das so genannte therapeutische Klonen für ihn ein Problem darstelle: „Nein, für mich persönlich nicht. Wenn der therapeutische Nutzen nachgewiesen wäre und jemand in meiner Familie wäre krank, dann ist es für meine Frau völlig klar, dass sie ihre Eizellen dafür einsetzen würde. Das sehen wir ähnlich an wie eine Organtransplantation, es wäre für uns keine Instrumentalisierung.“

Wäre es aber. Denn beim therapeutischen Klonen würde ein Embryo erzeugt, mit dem Ziel, ihn als Rohstofflieferanten auszuschlachten. Dass dieser Embryo noch mikroskopisch klein und genetisch nahezu identisch mit einem bereits lebenden Menschen wäre, ändert nichts daran, dass ihm Würde zukommt, die es zu respektieren gilt. Es spricht Bände, dass sich Politiker und Wissenschaftler nach der Veröffentlichung von Schölers Publikation damals geradezu die Beine ausgerissen haben, um den Autor, der lange Zeit damit hausieren ging, dass der später als Betrüger entlarvte Klonforscher Hwang Woo Suk ihn öffentlich als „my best friend“ bezeichnet hatte, zu einer Rückkehr nach Deutschland zu bewegen.

Hier kämpft er nun seit April 2004 auch für eine Liberalisierung des Stammzellengesetzes. Die Behauptung, dass es dabei darum geht, Schritt für Schritt die Hürde abzubauen, die dem Klonen von Menschen noch entgegenstehen, weist Schöler, der sich über das „abgrundtiefe Misstrauen gegen Wissenschaftler“ verwahrt, weit von sich. „Die vor dem 1. Januar 2002 gewonnenen Stammzellen sind einfach nicht gut genug, um an ihnen die anstehenden biologischen und medizinischen Fragen zu erforschen“, sagt er heute. Vor nicht einmal einem Jahren klang das noch ganz anders. Am 20. März 2007 hatte Schöler in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt: „Viele dieser Linien unterliegen einem sehr engen Patentschutz und das macht es schwierig, mit diesen Linien zu arbeiten, insbesondere wenn es in Therapie orientierte Forschung geht.“ Was etwa beim therapeutischen Klonen, zweifelsfrei der Fall wäre.

Warum fällt es uns nicht leichter, so großen Menschen wie Hans Schöler mehr Vertrauen und weniger Misstrauen entgegenzubringen? Vielleicht, weil wir das tun, worauf zunächst jeder Mensch, ob groß ob klein, Anspruch hat: Wir nehmen sie einfach ernst.