Der fliegende Manager traut seinen Gefühlen nicht

Bei den Bayreuther Festspielen übersetzt Jan Philipp Gloger die Geschichte vom verfluchten Seefahrer im „Fliegenden Holländer“ in moderne Bilder. Von Reinhard Nixdorf

Der Festspielchor beim Paketdienst im „Fliegenden Holländer“. Foto: Nawrath
Der Festspielchor beim Paketdienst im „Fliegenden Holländer“. Foto: Nawrath

Streicher sirren, Hörner jaulen, Trommelwirbel und schneidendes Blech: Hoho, da kommt die wilde Jagd daher! Doch das Unwetter, das da kracht, peitscht nicht die See, sondern das Datenmeer. Aus dem Fliegenden Holländer, bei Richard Wagner ein Verdammter, der so lange auf seinem Gespensterschiff über die Meere segeln muss, bis ihn eine liebende, treue Frau von seinem Fluch erlöst, wird in der aktuellen Inszenierung von Jan Philipp Gloger ein Manager und die norwegische Landschaft zum globalen Wirtschaftsnetzwerk des 21. Jahrhunderts.

Der Holländer kauft sich Liebe und Treue

Als der Holländer auf Daland trifft – bei Wagner Kaufmann, hier Produzent von Ventilatoren –, wittert er ein Geschäft: Dalands Tochter Senta soll ihm Heimat und Treue liefern. Doch so wie sich der Holländer ein Bild von seiner Idealfrau gemacht hat, so schnitzt sich Senta ihren Wunsch-Mann zurecht. Das kann nicht gutgehen und geht auch nicht gut.

Der Fliegende Holländer als kalter Turbo-Kapitalist. Liebe und Selbstlosigkeit als Stoff für Produkt-Ideen in einer durch und durch ökonomisierten Welt: Gesellschaftskritisches war zu erwarten und nach der von Christian Thielemann wunderbar beschwingt musizierten Ouvertüre gab der Vorhang ein gigantisches Gerüst aus kaltweiß glimmenden und flackernden Neonröhren, Leuchtkörpern und Dioden frei – eine rätselhafte Matrix des durchdigitalisierten Lebens. In einer Jolle duckt sich Franz-Josef Selig als stimmgewaltiger Bass Daland, im Zweireiher, unverkennbar ein Geschäftsmann, genau wie sein Prokurist, der Steuermann (Benjamin Bruns, mit klarer Tenorstimme), der mit der Unterschriftenmappe um ihn herum dienert. Auch der Holländer, an seinem Rollkoffer als Manager zu erkennen, verkauft und kauft: Konzerne, Produkte, käufliche Liebe. Aber wenn Richard Wagners Holländer zur ewigen Fahrt auf dem Meer verdammt ist, so ist der Holländer dieser Inszenierung dazu verflucht, Profit zu maximieren – wie König Gyges, der alles in Gold verwandelte, was er anfasste. Das hat ihn gezeichnet, wie ein schwarzes, lepröses Mal zeigt, das ekelt ihn an. Er könnte aussteigen: Statt Profitmaximierung, statt Geschäften ehrliche Arbeit, statt Sex echtes Gefühl, Partnerschaft und Treue wählen. Aber was tut der Holländer? Er kauft Liebe und Treue. Ohne zu zögern verschachert ihm Daland die eigene Tochter. Geldscheine zwischen Hartschalen wechseln den Besitzer. Gefühle sind Nebensache, es triumphiert das Geschäft. Wie ein Altarbild rollt sich die Betriebsanleitung des Ventilators l N1-H12 auf, den Daland verkauft.

,,Brumm'! Summ'! Gutes Rädchen!“ Gloger verwandelt die Spinnstube im zweiten Akt in den Verpackungssaal der Ventilatorenfabrik Daland & Cie: Frauen in Einheitskitteln verpacken Ventilatoren in Kartons. Sentas Amme Mary (Christa Mayer) nimmt als Aufseherin im Sekretärinnenkostüm die Stückzahlen ab. Erik, der Jäger, mutiert bei Gloger zum Hausmeister im schmuddeligen Kittel. Aber während die Frauen in dieser durchrationalisierten Arbeitswelt aufgehen, ist diese Welt für Senta banal: Sie fertigt aus Verpackungsmaterialien eine Figur des Holländers. Wenig später steht der Holländer vor ihr. Der Holländer ritzt sich in den Arm und kann nicht bluten. Er ist ewig unterwegs und kann nie zur Ruhe kommen. Aber plötzlich, während des Liebesduetts mit Senta, blutet, leidet, liebt der Holländer: Er empfindet wieder – doch nur für kurze Zeit. Denn rasch triumphiert die Kommerzwelt. ,,Tschaka, du schaffst es“: Dalands Männer – bei Wagner Seeleute, hier Büroangestellte – halten Einzug und lassen sich vom Steuermann im stampfenden Matrosenchor-Takt verkaufsgeil machen. Stolz führen ihre Frauen die Kleider vor, die ihnen die Männer mitgebracht haben. Selbst der Einbruch der verstörenden Geister ist rasch fortgewischt, sind diese doch nur Büroangestellte mit anderer corporate identity: also wird fusioniert. Da wendet sich das Blatt: Erik singt von der Treue, die ihm Senta geschworen haben soll. – „Verloren, ach verloren…“, bricht es aus dem Holländer her-aus. Er traut seinem Gefühl nicht mehr: Die Welt der Profits zieht ihn zurück aufs Gespensterschiff.

In der Spinnstube werden kitschige Leuchten verpackt

Senta will ihm nach. Erik könnte Senta retten, aber Daland und der Prokurist, die um ihr Geschäft bangen, hindern ihn daran. So nimmt das Unheil seinen Lauf. Senta stößt sich ein Messer in den Leib, umarmt den Holländer, der ebenfalls stirbt – und der Prokurist hat nichts Besseres zu tun, als das ganze mit dem Handy zu knipsen. Der Vorhang schließt sich und öffnet sich wieder: Mit Engelsmiene verpacken die Frauen aus der Spinnstube kitschige Leuchten, die das im Liebestod vereinte Paar zeigen. Profit und Kommerz haben gesiegt. Nur kurze Zeit sah es so aus, als könnten sie von Senta und dem Holländer überwunden werden.

Christian Thielemanns dirigierte das Festspielorchester mit zügigen Tempi. Aber alles klang fein musiziert, detailreich facettiert und in den dramatischen Phasen intensiv, ohne je laut oder verwaschen zu sein. Folglich großer Applaus für den Dirigenten und die Sänger, wobei sich Ricarda Merbeth als Senta, „Daland“ Franz-Josef Selig und „Holländer“ Samuel Youn, der im vergangenen Jahr für den wegen eines Hakenkreuz-Tattoos zurückgetretenen russischen Bassbariton Evgeny Nitikin einsprang, über den größten Beifall freuen konnten.

Natürlich gab es Buh-Rufe für den Regisseur Jan Philipp Gloger. ,,Wir sind doch nicht wegen der Inszenierung gekommen, sondern wegen Wagners Musik“, meinte ein Zuschauer. Doch auch wenn Bildersturm nicht Sache des normalen Wagnerianers ist, wird er jedem widersprechen, der Richard Wagner für antiquiert hält und behauptet, Wagner hätte uns nichts mehr zu sagen. Wie brisant die Sage vom Fliegenden Holländer ist, wie scharf sie Egoismus, Gefühlskälte und Profitgier anprangert und unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält, das hat Jan Philipp Gloger in seiner Inszenierung eindrucksvoll gezeigt.