Würzburg

Der echte Ring vermutlich ging verloren

Wem nützt eine Religion, die auf ihren Wahrheitsanspruch verzichtet?

Religionen und Wahrheitsanspruch
In Lessings berühmter Ringparabel wird jeder Religion das Recht auf ihre eigene Wahrheit zugebilligt, da die absolute und objektive Wahrheit nicht erkennbar sei. Foto: fotolia.de

In Berlin entsteht am früheren Standort der in den 1960er Jahren abgerissenen Petrikirche derzeit das „House of One“ – laut Website ein „Haus des Gebets und der interdisziplinären Lehre“ für Juden, Christen und Muslime, ein „Haus der Begegnung, für ein Kennenlernen und den Austausch von Menschen unterschiedlicher Religionen“. Projekte dieser Art haben in Berlin Tradition: Es heißt, die heutige Kathedrale St. Hedwig sei deshalb baulich dem römischen Pantheon nachempfunden, weil König Friedrich II. von Preußen, der prototypische Vertreter des „aufgeklärten Absolutismus“, den Hintergedanken gehabt habe, das Gebäude solle später einmal, wenn die Aufklärung den konfessionellen „Aberglauben“ überwunden haben würde, als interreligiöse Kultstätte genutzt werden können.

Auf das Erbe der Aufklärung beruft sich das „House of One“ auch insofern, als die feierliche Grundsteinlegung am Jahrestag der Uraufführung von Lessings Drama „Nathan der Weise“ erfolgen soll. Es war der 14. April 1783. Dies scheint zu signalisieren, dass die Initiatoren des Projekts „House of One“ sich einem Verständnis religiöser Toleranz verpflichtet fühlen, wie es in Lessings berühmter „Ringparabel“ zum Ausdruck kommt: einer Toleranz, die jedem das Recht auf seine eigene Wahrheit zubilligt, da die absolute und objektive Wahrheit, sofern es eine solche überhaupt gebe, nicht erkennbar sei. Statt sich über Detailfragen der Glaubenslehre zu streiten, sollten die verschiedenen Religionen sich lieber gemeinsam der moralischen Besserung der Menschheit widmen.

Visionen einer globalen Religionsverschmelzung

Während sich im „House of One“ wie schon in Lessings „Nathan“ der Versuch der Harmonisierung religiöser Unterschiede auf die drei abrahamitischen Weltreligionen beschränkt, bei denen trotz aller Unterschiede im Gottesbild und in der Auffassung des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch doch einigermaßen plausibel begründet werden kann, dass sie sich grundsätzlich auf denselben Gott berufen, beziehen andere Visionen einer globalen Religionsverschmelzung auch Hinduismus, Buddhismus oder neuheidnische und pantheistische Elemente mit ein – und dies auch nicht erst seit Hans Küngs „Weltethos“-Projekt. Schon im Jahr 1908 notierte G.K. Chesterton, in „jeder ‚Ethischen Gesellschaft‘ und jedem ‚Religionsparlament‘“ könne man „die bequeme liberale Phrase“ hören: „Die Religionen unserer Erde unterscheiden sich zwar in Riten und Formen, aber in dem, was sie lehren, stimmen sie überein.“ Diese Behauptung, so Chesterton, sei jedoch schlichtweg unwahr: „In Riten und Formen unterscheiden sich die Religionen unserer Erde gar nicht erheblich; erheblich unterscheiden sie sich in dem, was sie lehren.“ Damit benennt Chesterton ein Problem, das man letztlich nur dadurch aus der Welt schaffen kann, dass man die Unterschiede in der Lehre für irrelevant erklärt – beziehungsweise überhaupt jeden Anspruch auf über-individuelle Verbindlichkeit von Glaubensaussagen verwirft.

"Der eine schöpft seine Kraft aus dem
Wort Gottes, der andere aus einem
Wellnesswochenende. Wo liegt da schon der Unterschied"
Józef Niewiadomski, katholischer Priester und Theologe

In einem Vortrag aus dem Jahr 2005 diagnostizierte der katholische Priester und Theologe Józef Niewiadomski, „zumindest in unseren Breiten“ sei „die Mehrheit der Bevölkerung“ auf „den Zug einer harmlosen, ‚menschenfreundlichen‘ Religion“ aufgesprungen – einer Religion, die als Lebenshilfe verstanden werde und in der „Gottes Reden und Wirken auf derselben Ebene angesiedelt sind wie der Glaube an die Bedeutung von Wellnessbädern und Vitaminpräparaten“: „Der eine schöpft seine Kraft aus dem Wort Gottes, der andere aus einem Wellnesswochenende. Wo liegt da schon der Unterschied? Wenn es einem Menschen hilft, ausgeglichen zu bleiben?“

Bei einem solchen „Wellness“-orientierten Zugang zu Religion oder Spiritualität spricht selbstverständlich nichts dagegen, sich aus dem Fundus unterschiedlichster Kulturen und Traditionen zu bedienen und, bildlich gesprochen, die Buddha-Statue neben dem Gnadenbild vom Barmherzigen Jesus aufzustellen. Im Gegenteil, jedwede Kritik an einem solchen Vorgehen erschiene als engstirnig und intolerant. Während ein quasi-religiöser Eifer im Kampf „gegen Rechts“, gegen den Klimawandel oder für „Gendergerechtigkeit“ im öffentlichen Diskurs hohe Zustimmung genießt, gilt das dogmatische „Für-wahr-Halten“ religiöser Glaubenssätze als Kennzeichen einer rückständigen und „fundamentalistischen“ Enge der Gesinnung, die es zu überwinden gelte. So meinte der verstorbene iranische Religionswissenschaftler Abdoldjavad Falaturi, in „exklusiven Wahrheitsansprüchen“ eine „unzulässige Bevormundung Gottes“, ja eine „egozentrische Einengung der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit“ zu erkennen.

Spannungsverhältnis mit Anspruch der abrahamitischen Religion

Eine solche Auffassung mag plausibel erscheinen, wenn man in den verschiedenen Religionen nur von Menschen erdachte Annäherungen an die letztlich unbegreiflich bleibende Realität Gottes sieht; sie steht jedoch in einem offenkundigen Spannungsverhältnis zu dem gerade von den abrahamitischen Religionen erhobenen Anspruch, Ausdruck einer Selbstoffenbarung Gottes zu sein. Wie aber sollte man annehmen können, der eine wahre Gott offenbare sich selbst auf widersprüchliche Weise? Liefe das nicht auf die Vorstellung eines Gottes hinaus, der mit den Menschen Katz und Maus spielt, indem er sich ihnen in verschiedenen Masken zeigt, sein wahres Gesicht aber verborgen hält? – Es soll nicht verschwiegen werden, dass es durchaus Versuche gibt, diese Annahme theologisch zu begründen. So meint etwa der evangelische Theologe Reinhard Leuze, „dass man Gottes Freiheit und Souveränität darin erkennen müsse, dass er sich nicht allen Menschen als der gleiche Gott offenbare“. Auch eine Passage des von Papst Franziskus und dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb in Abu Dhabi unterzeichneten „Dokuments über die Brüderlichkeit aller Menschen“, derzufolge „die Verschiedenheit in Bezug auf Religion [...] einem weisen göttlichen Willen“ entspreche, könnte in diesem Sinne verstanden werden; einer solchen Interpretation ist allerdings von verschiedener Seite, auch vom Papst selbst, widersprochen worden.

Fragt man – etwa angesichts des Umstands, dass der Deutsche Bundestag eine Bezuschussung des „House of One“ in Höhe von zehn Millionen Euro beschlossen hat – nach dem politischen Interesse an einer Annäherung zwischen den Religionen, dann liegt es zunächst einmal auf der Hand, dass die Förderung der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften in einer religiös pluralen Gesellschaft schlechterdings unverzichtbar für die Bewahrung des sozialen Friedens ist. Man muss allerdings kein Verschwörungstheoretiker sein, um dem säkularen Staat ein Interesse daran zu unterstellen, nicht nur das Konfliktpotenzial zwischen den verschiedenen Religionen zu entschärfen, sondern auch das widerständige Potenzial der Religionen gegenüber dem säkularen Staat selbst.

Auf dem Gebiet der Selbstsäkularisierung weit fortgeschritten

So wurde in Debatten über militante und antimoderne Tendenzen im Islam insbesondere in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vielfach die ursprünglich von dem Politikwissenschaftler Bassam Tibi formulierte Forderung nach einem „Euro-Islam“ erhoben – worunter man eine gewissermaßen domestizierte Spielart des Islam verstand, die sich dadurch auszeichnen sollte, dass religiöse Überzeugungen und Pflichten sich dem Wertekanon der westlichen, liberal-demokratischen und säkularen Gesellschaft anzupassen oder unterzuordnen hätten. Dass eine solche Anpassungsleistung ausschließlich vom Islam verlangt wurde und nicht auch von anderen Religionen wie etwa dem Christentum, lässt darauf schließen, dass die Anhänger dieser Idee davon ausgingen, das Christentum erfülle diese Kriterien bereits weitgehend; und tatsächlich erwecken die christlichen Großkirchen in Deutschland ja nicht selten den Eindruck, auf dem Gebiet der Selbstsäkularisierung weit fortgeschritten zu sein.

Eine undogmatische, hauptsächlich auf individuelles Wohlergehen orientierte und in ethischer Hinsicht weitgehend mit dem Wertekanon der säkularen Gesellschaft übereinstimmende Religiosität – ein Phänomen, für das die US-amerikanischen Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton im Jahr 2005 die Bezeichnung „Moralistisch-Therapeutischer Deismus“ geprägt haben – ist für den säkularen Staat bequem, da sie zur Zufriedenheit des Einzelnen beiträgt, aber für sich selbst keine Autorität beansprucht, die in Konkurrenz zu derjenigen des Staates stünde. Polemisch könnte man sagen, eine so verstandene Religion sei tatsächlich „Opium fürs Volk“. Demgegenüber verfällt ein Religionsverständnis, das darauf beharrt, man müsse „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29), nur allzu leicht dem „Fundamentalismus“-Verdikt – und zwar zunehmend sogar innerhalb der Religionsgemeinschaften selbst.

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