Der blutige August 1792

Vor 225 Jahren trat die Französische Revolution nach einer gemäßigten ersten in ihre zweite Phase. Mit der Abschaffung der Monarchie und dem Sturz Ludwigs XVI. drängten die Radikalen nach oben. Von Georg Blüml

Ludwig XVI., „König der Franzosen“. Foto: dd
Ludwig XVI., „König der Franzosen“. Foto: dd

Auch noch nach dem Sturm auf die Bastille war Ludwig XVI. als Person – im Gegensatz zu seiner verhassten, als „Madame Defizit“, „Hündin“ oder gar „Hure“ beschimpften österreichischen Gemahlin Marie Antoinette – durchaus beliebt gewesen. Zwar hatten ihn aufgebrachte Bürger, darunter viele Frauen, aus dem entrückten Versailles in die französische Hauptstadt geholt. Aber er hatte den Reformen aufgeschlossen gegenübergestanden, die Folter abgeschafft und öffentliche Arbeitsplätze geschaffen. Auch die neue Verfassung des Staates hatte er anerkannt. Anstelle eines von Gottes Gnaden eingesetzten und gesalbten Königs von Frankreich (Roi de France) war er nurmehr „König der Franzosen“ (Roi des Français) – nicht mehr seine Untertanen schuldeten ihm Treue, sondern er den Franzosen. Da aber die von ihm eingesetzten Regierungen die schwelende Finanzkrise nicht bändigen konnten, war die Stimmung allmählich gekippt. Revolutionäre waren schon in den Tuilerien-Palast eingedrungen und die königliche Familie hatte sich auf dem Dachboden verstecken müssen. Ein anderes Mal wurde sie von den zu ihrer Bewachung abkommandierten Nationalgarden schikaniert.

Im Sommer 1791 hatte sich der König daher zur Flucht entschieden. Diese scheiterte in Varennes – man hatte den Monarchen anhand seines Konterfeis auf einer Münze erkannt. Zwar einigten sich die Abgeordneten der Nationalversammlung auf die Kompromiss-Formel, Ludwig XVI. sei „entführt“ worden, doch faktisch stand er seither unter Hausarrest. Zudem hatte sein Fluchtversuch bei den inzwischen durchgeführten Neuwahlen den republikanischen Kräften starken Auftrieb verliehen und seit Inkrafttreten einer weiteren Verfassung war der König nur noch konstitutioneller Monarch. Im Winter 1791/92 verschärfte sich abermals die Versorgungskrise. Das herausgegebene Papiergeld verlor rapide an Wert und die Franzosen hungerten. Darüber hinaus fühlte sich das revolutionäre Frankreich von Preußen und Österreich bedroht, die ein Überschwappen der Revolution in deutsche Lande befürchteten. Die Linken in der Nationalversammlung, wegen zahlreicher, aus der Gironde stammender Abgeordneter „Girondisten“ genannt, sahen die Zeit für einen umfassenden „Kreuzzug für die allgemeine Freiheit“ gekommen. Der Druck auf den König nahm zu, sich politisch zu positionieren – zumal seine emigrierten Brüder konterrevolutionäre Truppen aufbauten, sich seinem Befehl verweigerten, nach Frankreich zurückzukehren und in ihren Forderungen nach Revanche keine Rücksicht auf seine heikle Situation nahmen.

In dieser aufgeheizten Stimmung ließ sich der König auf ein waghalsiges politisches Spiel ein. Am 20. April 1792 stimmte er der von der Nationalversammlung geforderten Kriegserklärung gegen Österreich zu. Die Girondisten jubelten. Lediglich die radikale Minderheit um Robespierre war skeptisch und spaltete sich ab. Während die französischen Truppen in das heutige Belgien einfielen, entsandte Ludwig XVI. heimlich den Journalisten Mallet-du-Pan zur Kaiserkrönung von Franz II. nach Frankfurt. Dieser sollte zum einen den königlichen Brüdern bedeuten, sich aus den Kampfhandlungen herauszuhalten, um den Vorwurf eines Bürgerkrieges zu vermeiden und außerdem Kontakt zu den preußisch/österreichischen Alliierten aufnehmen. Es galt, deren auf die französische Kriegserklärung zu erwartende Antwort im Sinne des in Paris gefangenen Königs zu beeinflussen. Die Mission scheiterte, denn den französischen Prinzen gelang es, ein zu Mallet-du-Pans Entwurf konkurrierendes Manifest zu lancieren. Mit Drohungen sollten die Franzosen dazu gebracht werden, sich wieder ihrem König zu unterwerfen.

Dieses im Sinne der exilierten Königsbrüder verfasste Papier wurde Kaiser Franz II. und König Friedrich Wilhelm I. von Preußen vorgelegt, die auf einem glanzvollen Fürstentag auf Schloss Favorite weilten. Während vor dem Sommerpalast des Mainzer Erzbischofs die festlich illuminierten Lustyachten auf dem Rhein kreuzten, stimmten die beiden Herrscher dem Entwurf zu. Obwohl der Oberbefehlshaber der Allianz-Armee den Text als zu scharf formuliert ansah, gestattete er, dass die Erklärung in seinem Namen verbreitet wurde: das berüchtigte Manifest des Herzogs von Braunschweig.

Anfang August 1792 glich Paris einem Hexenkessel. Der Krieg hatte sich katastrophal entwickelt. Massenweise waren die französischen Soldaten desertiert und hatten ihren adeligen Offizieren den Gehorsam verweigert. In einem Fall hatten sie gar ihren General ermordet, den sie im Bunde mit dem Feind wähnten. Täglich schwirrten neue Gerüchte durch die französische Hauptstadt, auch der König kollaboriere mit in- und ausländischen Royalisten. Immer lauter forderten radikale Kräfte die totale Abschaffung der Monarchie – vor allem der von Jean Paul Marat, Georges Danton und Maximilien de Robespierre dominierte Jakobinerklub.

In diese aufgeheizte Atmosphäre platzte das Manifest des Herzogs von Braunschweig: Im Falle von Gewalt gegen die Königsfamilie oder den königlichen Tuilerien-Palast – hieß es darin – wolle man „eine beispiellose und für alle Zeiten denkwürdige Rache nehmen und die Stadt Paris einer militärischen Exekution und einem gänzlichen Ruine preisgeben“. Bereits im Juni war ein bewaffneter Mob in das Königsschloss eingedrungen, weil der König gegen Dekrete der Nationalversammlung sein Veto eingelegt hatte – unter anderem gegen die Deportation romtreuer Priester nach Guyana. Damals hatte Ludwig XVI. die aufgebrachte Menge noch beschwichtigen können – demütig und mit der roten Jakobinermütze auf dem Haupt. Das Bekanntwerden des Manifests am 1. August aber war der Funke, der die Lunte am Pulverfass in Brand setzte: Sollte man den König als Geisel in einen Vorort von Paris bringen, um einen Angriff der Feinde zu vereiteln? Die Pariser Stadtbezirke forderten von der Nationalversammlung, die Absetzung Ludwig XVI. zu beschließen. Danton ließ bereits Munition ausgeben.

Nachdem sich die Abgeordneten zu keinem Entscheid durchringen konnten – zu weit haben sich die gemäßigten Girondisten von den Radikalen entfernt – läuten am 9. August gegen Mitternacht die Sturmglocken. Auf Anordnung der Nationalversammlung rücken 2 000 Nationalgardisten in den Tuilerien-Palast ein. Als Verstärkung der Schweizergarde sollen sie den König beschützen. Unterdessen übernehmen im Rathaus die Abgesandten der Pariser Sektionen als „aufständische Kommune“ die Macht. Unter falschem Vorwand wird der Kommandeur der Nationalgarde dorthin gelockt und ermordet. Ab 6 Uhr früh sammeln sich die ersten Aufständischen vor dem Tuilerien-Palast. Die im Hof aufgezogenen 1 000 Mann der Schweizergarde skandieren „Vive le Roi!“ – Es lebe der König! Große Teile der Nationalgarde rufen indessen „Vive la Nation!“ und ziehen gegen 7 Uhr morgens ab. Ein Abgeordneter überredet den König, sich in die benachbarte Reithalle zurückzuziehen, in den Schutz der dort tagenden Nationalversammlung. Ludwig XVI. stellt sich neben den Präsidenten. Dort aber kann er nicht bleiben, da laut Geschäftsordnung die Nationalversammlung in seiner Anwesenheit nicht debattieren darf. Wohin mit dem König? Schließlich wird der 38-Jährige mit seiner Frau, den beiden Kindern und seiner Schwester in die Loge hinter dem Präsidium gebracht. Gegen zehn Uhr erreichen bewaffnete Revolutionäre aus den Vorstädten das Stadtzentrum. Hunderttausend sollen es sein, dazu fünfzig Geschütze. Die Aufständischen fordern die Übergabe, schließlich eröffnen sie das Feuer. Die Schweizer schießen zurück und können die Angreifer zunächst aus dem Schlosshof treiben. Der Gefechtslärm dringt auch in die benachbarte Nationalversammlung. Sorgenvoll drückt die Königin – laut dem Bericht eines Augenzeugen trug sie ein Kleid aus blauem Zitz mit weißen Blumen – den kleinen Kronprinzen an sich. Ludwig XVI. muss einen Rückzugsbefehl unterschreiben. Dieser erreicht aber nur einen Teil der Schweizergarde, der unter dem Kugelhagel der triumphierenden Volksmenge abzieht. Im Innern des Schlosses hat niemand Kenntnis von dem königlichen Befehl. Dort wogt noch immer ein erbitterter Kampf durch die Säle. Ab 11 Uhr stürmt auch die übergelaufene Nationalgarde die Tuilerien. Die verbliebenen Schweizer wehren sich ebenso tapfer wie verzweifelt. Schließlich werden sie niedergemetzelt, ihre Körperteile auf Piken gespießt und als Trophäen im Triumph durch die Straßen getragen. Sogar die Kellergewölbe werden geflutet, wo versteckte Königstreue vermutet werden. An diesem 10. August fallen zwischen 550 und 700 Schweizergardisten, auf Seiten der Pariser Bevölkerung und der Nationalgarde soll es zwischen 600 und 4 000 Tote gegeben haben.

Mit dem Kampf um die Tuilerien endete auch sofort die respektvolle Behandlung des Königs. Zusammen mit seiner Familie und denjenigen Schweizern, die seinen Befehl befolgt hatten, wurde er bei den Feuillanten eingesperrt, einem ehemaligen Kloster reformierter Zisterzienser. Am 13. August überführte man Bürger Louis Capet – wie man den abgesetzten König nach dem Ahnherrn der französischen Herrscher nannte – in den Temple, eine mittelalterliche Kerkerfestung. Während der zweistündigen Spießruten-Fahrt hagelte es Beschimpfungen und Spott. Anfang September, nach dem schnellen Sieg des Herzogs von Braunschweig bei Verdun, kam es zu einer Massenhysterie und zur blindwütigen Erstürmung der Gefängnisse. In deren Verlauf wurden zunächst die inhaftierten Revolutionsgegner und danach auch die übrigen Gefangenen bestialisch abgeschlachtet. Unter den über 1 200 Opfern dieser „Septembermorde“ waren zahllose, zur Deportation verurteilte katholische Priester, die den Eid auf die Verfassung verweigert hatten und auch die 246 Schweizer, die sich am 10. August in die Gewalt der Nationalversammlung begaben.

Mit der gewaltumflorten Absetzung Ludwigs XVI. endet nicht nur das „Ancien Régime“. Mit ihm haben auch die gemäßigten Kräfte ausgespielt. An ihre Stelle treten die Radikalen; Strippenzieher hinter den August-Ereignissen, wie Danton, um der Revolution den Weg in den späteren „terreur“ zu ebnen – in jene Schreckensherrschaft, an deren Ende die Revolution ihre Kinder fraß.