Der beliebte Außenseiter

„Damals, dazwischen und heute“: Das Münchner Haus der Kunst zeigt 50 Jahre des künstlerischen Wirkens von Georg Baselitz. Von Anna Sophia Hofmeister

Georg Baselitz, BDM-Gruppe (2012), Bronze patiniert. Foto: Jochen Littkemann
Georg Baselitz, BDM-Gruppe (2012), Bronze patiniert. Foto: Jochen Littkemann

Wer die Marke kennt, sieht sie auch im Dunkeln. In schwärzlichen Schlieren, blaugraubraunem Farbbrei und auf lichtschluckenden Flächen. Die „Schwarzen Bilder“ (2011-2013) von Georg Baselitz, die im Mittelpunkt seiner großen Werkschau mit dem Titel „Damals, dazwischen und heute“ im Münchner Haus der Kunst stehen, sollen auf neue Weise zeigen, was den Maler schon lange mit Wiedererkennungswert durch seine Karriere hindurch beflügelt: Den kopfüber herabstürzenden Adler.

1972 hat Baselitz das Tier zum ersten Mal in dieser Form gemalt, mit den Fingern, braun vor blauem Grund. Das ist lange her. Das war „damals“, als Baselitz mit seiner Idee, seine Bilder auf den Kopf zu stellen, den ideologisch aufgeladenen Lagern zwischen Sozialistischen Realismus und gegenstandsloser Malerei ein Schnippchen schlug. Seine Bilder zeigten klar erkennbare Figuren, etwa den Adler, ein sitzendes Paar, seine Ehefrau Elke – dass sie alle auf dem Kopf standen, abstrahierte sie jedoch und befreite den Maler von dem Vorwurf, rückwärtsgewandt zu sein. Gleichzeitig wurde die Motivumkehr Baselitz’ Hauptmerkmal, das sich finanziell auszahlte und auf das er sich bis heute verlassen kann.

Stets auf der Suche nach Provokation

1938 als Hans-Georg Bruno Kern in Deutschbaselitz bei Dresden geboren, wuchs Baselitz in der DDR auf. Als Student, unangepasst und rebellisch, fiel er auf und wurde schließlich wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“, so die Begründung, von der Kunstakademie in Ost-Berlin suspendiert. So wechselte er 1957 an die West-Berliner Akademie. 1961 nahm der Maler in Anlehnung an seinen Geburtsort den Künstlernamen Georg Baselitz an. Von sich reden machte er zu dieser Zeit mit einem inszenierten Skandal um Bilder, von denen er wollte, dass die Öffentlichkeit sie als obszön wahrnahm: provokativ masturbierende Jungen und auch „Helden“ mit offenem Hosenlatz. „Pubertätsschlamm“, wie Baselitz heute gerne über seine frühen Werke sagt. „Wir wollten aggressive, hässliche, schmutzige Bilder malen“, schrieb Baselitz in der „Welt“. „Ich mochte Erdfarben. Dreck. Ackerfurchen.“

Schon als junger Mann erzielte er mit der Strategie des „widerborstigen Außenseiters“ kommerzielle Erfolge, gerade einmal 34-jährig nahm er an der 5. Documenta in Kassel teil, die als eine der wichtigsten nach dem Zweiten Weltkrieg gilt. Heute verkaufen sich seine Werke für Millionen. Die Ausstellung im Haus der Kunst fächert die Grundzüge von Baselitz’ 50-jährigem Schaffen auf. Von seinen frühen Werken über die stets wiederkehrenden, aber farblich veränderten und zunehmend skurriler betitelten Motive, seine „Fraktur“-Bilder und seine „Remix“-Serie bis hin zu den jüngsten Malereien, den „Schwarzen Bildern“, und seinen wuchtigen, ebenfalls schwarz patinierten Bronzeskulpturen. Der Hauch des kalkulierten Skandälchens weht auch durch die ehemaligen Herrenhallen des Nazibaus, wo dem Besucher etwa Baselitz’ raumgreifende Skulptur „BDM-Gruppe“ (2012) entgegenstiefelt. Auch seine Bilder aus der „Remix“-Serie, die unverkennbar Adolf Hitler und Hakenkreuze darstellen, wirken in diesem Kontext befremdlich. Vor allem, weil dieser Kontext von den Kuratoren unkommentiert bleibt. Der kurze Vermerk an der Raumtafel, dass die ikonische Geltung Piet Mondrians, in dessen Stil Baselitz’ Hakenkreuze gestaltet sind, die ideologisch besetzte Bedeutung des Swastika-Motivs aus nationalsozialistischer Zeit „quasi“ kompensiere, ist missverständlich. Die knappe Erklärung – „Die Darstellungen stehen somit beispielhaft für die inhaltliche Entleerung der Gegenstände zugunsten einer abstrakten Auffassung der Form als autonomer Funktion des Bildes“ – reicht nicht aus. Wenn Baselitz hier den Totalitarismus in Piet Mondrians extremer Abstraktion kritisiert, hätten die Kuratoren die Besucher auf die komplizierten ästhetischen Debatten jener Zeit aufmerksam machen sollen, statt lediglich Baselitz’ Auflösungstendenzen und „ungehemmte Pinselführung“ zu beschreiben.

Die Reize eines „unsichtbaren Bildes“

Das Ungehemmte und Brachiale ist augenfällig in Baselitz’ Schaffen. Wie wenn er für seine Kunst die eigene Aggressivität melken müsste, die er anderen gegenüber empfindet – auch wenn er sie schätzt und bewundert. Er zerschlägt und zerhämmert, was andere geschaffen haben – und macht dabei vor sich selbst nicht halt, wie seine „Remix“-Bilder und die stetige Wiederauflage früherer Motive zeigen.

Baselitz erklärte einmal, in Zukunft „unsichtbare Bilder“ malen zu wollen; und greift damit einen Mythos der Moderne auf. Bilder, die man nicht sehen kann. Sind die „Schwarzen Bilder“ im Haus der Kunst nun ein erster Schritt in Richtung radikale Auflösung? Hin zu der Möglichkeit, den Nicht-Adler auch weiterhin als Adler zu verkaufen? Während die Kunstwissenschaftler in höchsten Tönen über die grandiose Steigerung von Baselitz’ Ausdrucksmöglichkeiten jubilieren, reiben sich die Kunsthändler erwartungsvoll die Hände: Neues im Sortiment! Die Schulkinder, die in Gruppen durch die Halle geführt werden, machen sich hingegen einen Spaß daraus, in dem nuancierten Schwarz den Flügelschlag eines Adlers zu erraten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Februar 2015 im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München, zu sehen.