Der auf der Buchdruckwelle surfte

Dass der Reformator Luther weniger innovativ als vor allem Nutznießer einer Medienrevolution war, wird häufig übersehen. Von André Stiefenhofer

Martin Luther und Steve Jobs haben etwas gemeinsam: Sie wurden genau zur richtigen Zeit geboren. Jobs hätte mit seinen Geschäftsmodellen vor dem Zeitalter der individuellen Computernutzung keine Chance gehabt. Seine Betonung von Nutzerfreundlichkeit und Front-End hätte vorher einfach niemanden interessiert. Und Luther wäre ohne die revolutionären Umwälzungen des Buchdrucks ein mit sich und der Kirche hadernder Mönch ohne Massenwirkung geblieben. Seien wir ehrlich: An eine Kirchentür genagelte Thesen sind zwar ein Affront, aber die direkte Wirkung dieses Mediums beschränkte sich auf etwa fünf Meter Sichtweite.

Im mittelalterlichen Diskurs der Gelehrten wären Luthers Thesen nur eine Einzelmeinung gewesen, die schnell in gelehrten Traktaten widerlegt und an den Rand gedrängt worden wären. Sein Glück war, dass der Vatikan damals der medialen Entwicklung um Jahre hinterherhinkte, indem er Luthers Thesen als „Mönchsgezänk“ abtat. Im Mittelalter hätte dieses „Totschweigen“ noch funktioniert, nicht aber in der Renaissance mit den Möglichkeiten des Buchdrucks. Statt auf langsam zirkulierende handgeschriebene Manuskripte in der Gelehrtensprache Latein angewiesen zu sein, konnten interessierte Kreise nun die Straßen mit Druckwerken regelrecht überschwemmen – in der jeweiligen Landessprache, versteht sich. Ein revolutionäres Potenzial für jeden regionalen Fürsten. Und mit diesen „surfte“ Luther auf der Buchdruckwelle ebenso wie Steve Jobs später auf der Computer- und Internetwelle. Der katholische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan schreibt polemisch zu Luthers Anfängen: „Die Reformation war das Aufbegehren religiös unterentwickelter Stammesnationen, die sich ihr eigener Papst sein wollten.“ Über das „religiös unterentwickelt“ kann man sich trefflich streiten, dass viele Renaissancefürsten „ihr eigener Papst sein wollten“ ist jedoch sicher richtig – und durch den Buchdruck hatten sie die Möglichkeit dazu: Die Deutungshoheit glitt dem Papst aus den Händen. Für die Einheit der Christen brachte das ein katastrophales Ergebnis: Die Segmentierung der Christen in katholisch, orthodox und hunderte evangelische Splittergruppen wurde durch den Buchdruck enorm forciert.

Die gestiegene Leselust nutzten Protestanten für sich

Theologisch war Luther ein Kind seiner Zeit. Auf „Sola Scriptura“ kann nur kommen, wer mit gedruckten Büchern aufgewachsen ist – ein mittelalterlicher Gelehrter hätte darüber nur mit dem Kopf geschüttelt, denn was bedeutet dieser Schlachtruf der Reformation konkret? Klar, zurück zu den Wurzeln, aber eben auch: Starrt auf die gedruckten Buchstaben, konzentriert Euch auf die Bibel, hört nicht auf Rom, blendet den jahrhundertelangen Diskurs der Gelehrten aus. Mit dieser radikalen Reduktion der Wahrnehmung auf das Auge und das Lesen fordert Luther den Menschen des Buchdruck-Zeitalters dazu auf, sich selbst ein Bild von der heiligen Schrift zu machen. Diese Abschaffung des Lehramts führte aber nicht zu mehr Freiheit, sondern im Gegenteil zu Leibfeindlichkeit, Legalismus und Puritanismus. Schnell entstanden hunderte protestantische Sekten, weil jedes Individuum seine eigene Wahrheit aus der Bibel zu vernehmen meinte. Der „Protest“ des protestantischen Christentums bestand vor allem in der Weigerung, auf den ganzheitlichen Diskurs der mittelalterlichen Manuskriptkultur zu hören. Im Kern ging es nicht um Ablässe und die Verweltlichung der römischen Kirche. Im Kern ging es darum, dass der Mensch der Renaissance nicht mehr zuhören wollte, sondern nur noch lesen. Das Individuum war damit erstmals in der Menschheitsgeschichte in der Lage, sich völlig aus dem Kollektiv des Corpus Christi zu lösen und für sich alleine Wissen anzuhäufen. Die Reben verließen sozusagen den Weinstock und der Mensch der Renaissance begann, privat und öffentlich zu trennen, er vollzog den Rückzug ins Private.

Auch die Sprache der Bibel veränderte sich in problematischer Weise. Das Medium Buchdruck veränderte die Gesellschaft und die Gesellschaft veränderte die Inhalte der Medien. Das Wort war nicht länger heilig, sondern veränderlich – ein Objekt für den Zeitgeist. Feudale Begriffe, die zum Verständnis zentraler Glaubenswahrheiten wichtig sind, wurden an die juristische Sprache der Renaissance-Bürokratie angepasst. Ein Beispiel nennt McLuhan aus der King-James-Bibel: Die „Schuld“ wandelte sich im englischen Vaterunser von „debt“ zu „trespass“. „Debt“ bedeutet eine konkrete persönliche Schuld einer Person oder Instanz gegenüber, „trespass“ dagegen beschreibt nüchtern die Überschreitung einer gesetzten Norm.

Die Folge der Bücher: „Nur Geschriebenes ist wahr“

Das eine kann vergeben werden, das andere nur geahndet. Verschwunden ist damit das ganzheitliche Gefühl der Geborgenheit in Gott und seinem Weltenplan. Luther schaffte den mittelalterlichen Vater ab und ersetzte ihn durch den Richter der Renaissance.

Radikal veränderte sich auch die Liturgie. Die Prediger der Reformation verlagerten den Fokus von der Mystik auf die Pädagogik: Das Bibellesen und die Predigt wurden in den Kern gerückt, das heilige Opfer, die Eucharistie, zum Symbol erklärt. Auch hier zeigen sich die Kinder des Buchdrucks: Bilder und Statuen lenken ab, nur Geschriebenes ist Wahres. Nur Inhalte zählen, die Form ist zweitrangig. Die mittelalterliche Hinwendung des gesamten Volkes zu Gott und das meditative Gebet wichen der ständigen Belehrung und der persönlichen Appellation an die Richter-Gottheit in eigener Sache. Der Gottesdienst wurde eine zutiefst individuelle Angelegenheit und der Mensch war damit in der Kirche plötzlich ebenso allein wie in der Zivilgesellschaft. Die Auswirkungen dieser Medienrevolution erleben wir auch heute noch in der katholischen Kirche, die ihre Liturgie inzwischen beinahe ebenso entmystifiziert und rationalisiert hat wie die evangelische Kirche. Grund dafür kann nur sein, dass man die Macht der Form unterschätzt oder einfach nicht verstanden hat. Je mehr das ganzheitliche Erleben aus der Liturgie verschwindet, je mehr Orchester und Chöre die Kirchenmusik übernehmen und damit dem Volk den Gesang abnehmen, je mehr Predigtinhalte und individuelle Fürbitten in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gerückt werden, je mehr Aufmerksamkeit auf die Personen um den Altar gelenkt wird, statt auf das Geschehen – je mehr verschwindet der ganzheitliche Ansatz, das „katholische“.

Der Buchdruck läutete ein Zeitalter der Händler und Spezialisten ein. War das Mittelalter noch geprägt von klaren gesellschaftlichen Gefügen, brachen diese Schritt für Schritt auf. Die Folge waren die Entstehung starker Nationalstaaten und die Betonung der Unterschiede der Völker Europas. Es waren unruhige Zeiten und Luther war ein Sendbote dieser Unruhe. Nicht alles, was aus diesem Tohuwabohu hervorging ist schlecht – unser moderner Rechtsstaat zum Beispiel. Aber auch nicht alles ist gut – und darauf sollte man im Vorfeld des Lutherjahres ebenfalls hinweisen.