Der Schatten einer längst vergangenen Liebe

Großartige Schauspieler entwerfen das Psychogramm einer Ehe, die nach Jahrzehnten in eine Krise geraten ist: „45 Years“. Von José García

Kate (Charlotte Rampling) und Geoff (Tom Courtenay) sind seit 45 Jahren glücklich verheiratet. Als Geoff erfährt, dass die Leiche seiner vor 50 Jahren verunglückten ehemaligen Freundin gefunden wurde, wirft seine Erinnerung ein Schatten über die Ehe. Foto: Piffl Medien
Kate (Charlotte Rampling) und Geoff (Tom Courtenay) sind seit 45 Jahren glücklich verheiratet. Als Geoff erfährt, dass d... Foto: Piffl Medien

Ein „runder“ Hochzeitstag wie die Goldene Hochzeit sind 45 Jahre zwar nicht. Eine ansehnliche Ehezeit („Messinghochzeit“) aber schon. Die ehemalige Lehrerin Kate (Charlotte Rampling) und ihr Mann Geoff (Tom Courtenay) möchten in dem Spielfilm „45 Years“ von Andrew Haigh den Tag mit einer größeren Feier begehen, auch deshalb, weil der 40. Hochzeitstag wegen einer schweren Herzoperation von Geoff nicht gebührend begangen werden konnte. Das kinderlose Ehepaar lebt harmonisch in einer englischen ländlichen Gegend.

Die ausgeglichene Stimmung wird jedoch durch einen Brief aus der Schweiz getrübt. In einem Gletscher wurde die Leiche einer seit 50 Jahren vermissten Frau gefunden, die zusammen mit Geoff in den Alpen eine Bergtour unternommen hatte. Kate hört überhaupt zum ersten Mal von Katjas Existenz. Geoff beschäftigt die Nachricht offensichtlich mehr, als er zuzugeben bereit ist. Dies erfüllt die vollends mit den Vorbereitungen auf die Feier beschäftigte Kate umso mehr. Wer war Katja für Geoff? Warum hat er in den 45 Jahren Ehe noch nie von ihr gesprochen? Sie fragt sich, ob Katja nicht eigentlich Geoffs große Liebe und sie so etwas wie eine zweite Wahl gewesen sei. Sehnt sich ihr Mann zu einer Zeit zurück, zu der sie in seinem Leben keine Rolle spielte, zu einem Leben ohne sie? Geoff scheint sich noch mehr zu verschließen, nachdem seine angegriffene Gesundheit ihn offensichtlich dazu führte, in-sich-gekehrter zu sein.

Drehbuchautor und Regisseur Andrew Haigh umschreibt Kates Charakter folgendermaßen: „Sicherlich sind viele ihrer Gefühle irrational, und sie selbst ist sich dessen bewusst. Aber diese Gefühle sind Ausdruck von etwas, das tiefer geht und sie irritiert: Als hätte die Tatsache, dass Kate sich so auf ihre Beziehung fokussiert hat, eine Lähmung ausgelöst, die sie nicht überwinden kann. Sie fühlt sich zurückgewiesen, sie ist eifersüchtig, sie stellt den Sinn ihres Lebens in Frage.“ Als Kate einen überraschenden Fund auf dem Dachboden macht, werden ihre Zweifel noch größer. Die Zeit der großen Feier naht. Wird das Fest mit einem Bruch oder eher mit einer Versöhnung enden? Der Film lässt die Frage bis zuletzt offen.

Regisseur Haigh unterteilt „45 Years“ in Kapitel nach den Wochentagen. Nach der Einführung in das bisherige beschauliche Leben des Rentner-Ehepaars und dem Einschnitt mit der Ankunft des Briefes beginnt die beobachtende Kamera von Lol Crawley die Veränderungen in den Eheleuten einzufangen: Geoff zieht sich immer mehr zurück, Kate sieht die Grundlage der gemeinsamen 45 Jahre immer mehr ins Wanken geraten.

In für das englische Kino typischen grün-braunen Farben sowie in langen Einstellungen und einem ruhigen Erzählrhythmus erzählt „45 Years“ Szenen einer Ehe, die nach Jahrzehnten des Einvernehmens von der Vergangenheit eingeholt wird. Formell erinnert „45 Years“ an Mike Leighs „Another Year“ (DT vom 27.01.2011), der von einem Ehepaar um die 60 erzählt. Konzentriert sich Leighs Film auf den unspektakulären Alltag, auf die kleinen Freuden in der Familie und in der Arbeit, so setzt das eine Kurzgeschichte von David Constantine umsetzende Drehbuch von „45 Years“ ein einschneidendes Ereignis als Auslöser für die dramaturgisch sorgfältig inszenierte Entwicklung der Protagonisten ein.

Für das glaubwürdig dargestellte Psychogramm von Kate und Geoff kann Drehbuchautor und Regisseur Andrew Haigh auf zwei hervorragende Schauspieler zurückgreifen. Bei der diesjährigen Berlinale, an deren Wettbewerb „45 Years“ teilnahm, wurden Charlotte Rampling und Tom Courtenay mit je einem Silbernen Bären als „Beste Darstellerin“ beziehungsweise „Bester Darsteller“ ausgezeichnet. Zwar erzählt Haighs Film eigentlich aus Kates Perspektive, die Charlotte Rampling insbesondere mit besorgten Blicken und Gesten meisterhaft darstellt. Aber auch Tom Courtenay wirft seine ganze schauspielerische Erfahrung in die Waagschale, um fast ohne Worte Geoffs Fassungslosigkeit deutlich zu machen, die von der Erinnerung an seine Vergangenheit mit Katja hervorgerufen wird. Den beiden erfahrenen Schauspielern gelingt es, ohne große Gesten komplexe Gefühlzustände sichtbar zu machen.

Dennoch griffe es zu kurz, „45 Years“ als Schauspielerfilm zu bezeichnen. Denn nicht nur die Schauspielführung, sondern auch eine genau getimte Dramaturgie und eine feinsinnige Beobachtung machen die Entwicklung der Gefühle für den Zuschauer nachvollziehbar. Ähnlich Mike Leigh in „Another Year“ nimmt sich Andrew Haigh in „45 Year“ zunächst einmal Zeit, um den gemeinsamen Alltag des Ehepaares, so etwa ihre Spaziergänge mit dem Schäferhund oder die gemeinsamen Fahrten in die Stadt, zu zeigen. Darin drückt sich eine im Laufe einer langen Zeit entwickelte Vertraulichkeit aus. Damit kontrastieren Kates Zweifel und Geoffs innere Lähmung: Nach jahrzehntelanger Vertrautheit liegt plötzlich ein Schatten über dem Ehepaar, der sie voneinander entfremdet.

Bei seiner Rede während der am Ende doch noch stattfindenden Feier zum 45. Hochzeitstag sagt dann Geoff: „Irgendwann verlieren wir unsere Fähigkeit, wichtige Entscheidungen zu treffen“. Ist dies ein Zeichen für Resignation? Oder wird sich das Ehepaar dazu entschließen, einen neuen Anfang für ihre Ehe zu setzen? Mit „45 Years“ gelingt es Andrew Haigh und seinen großartigen Darstellern, den Zuschauer zum Nachdenken über tiefgründige Fragen zu bewegen.