Der Schatten Carl Schmitts

„Tolle Wirklichkeit“: Das Institut Walberberg stellt die Tagebücher des Staatsrechtlers zwischen 1921 und 1924 vor. Von Veit Neumann

Der Rechtstheoretiker Carl Schmitt. Foto: IN
Der Rechtstheoretiker Carl Schmitt. Foto: IN

Maßgebliche Spezialisten haben sich am Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg in Bonn zu dem Thema „Staatsrecht und politische Theologie in Zeiten der Besatzung – Bonn in den frühen 1920er Jahren“ versammelt. Zusammen mit dem Berliner Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot hatte das seit 30 Jahren in Bonn residierende Institut zur Erstpräsentation des soeben erschienenen Buches von Carl Schmitt (1888–1985) eingeladen: „Der Schatten Gottes. Introspektionen, Tagebücher und Briefe der Jahre 1921 bis 1924“.

Unter den Gästen der Buchvorstellung waren auch die bekannten Bonner Emeriti Josef Isensee und Wolfram Hogrebe. Der Stellvertretende Vorsitzende des Instituts, Dominikanerpater Wolfgang Hariolf Spindler, hat den Band gemeinsam mit Gerd Giesler, dem Vorsitzenden der international bekannten Carl-Schmitt-Gesellschaft, und mit Schmitts früherem engen Freund, Ernst Hüsmert, herausgegeben. In seiner Begrüßung ging Spindler auf die Verbindungslinien zwischen dem Institut, seinem Organ, der sozialethischen Zeitschrift „Die Neue Ordnung“, und dem Dominikanerorden ein. Der durch die NS-Zeit belastete Staatsrechtler hatte ab 1949 in der Zeitschrift vor-übergehend „publizistisches Asyl“ erhalten und war mehrere Male im Kloster Walberberg zu Gast gewesen, wo er mit Dozenten und Studenten diskutierte – und dies, obwohl nicht nur der Institutsgründer, Pater Laurentius Siemer, sondern auch der Schriftleiter der „Neuen Ordnung“, Pater Eberhard Welty, im Widerstand gegen das braune Regime aktiv und als Verfechter der Katholischen Soziallehre eindeutig positioniert waren. Florian Simon, Leiter des Verlags Duncker & Humblot, hob die Bedeutung der vom Akademie Verlag übernommenen Tagebuch-Reihe vor.

Giesler skizzierte den mühsamen Entstehungsprozess der Publikation und die historischen Umstände der zugrunde liegenden Tage- und Gedankenbücher des zum Sommersemester 1922 nach Bonn berufenen Staatsrechtslehrers Schmitt. All seine Notizen sind in der beinahe vergessenen Gabelberger-Kurzschrift verfasst.

Spindler, Jurist und Sozialethiker und seit langem in der Schmitt-Forschung etabliert, gab in einem literaturwissenschaftlichen Parforceritt durch Schmitts Lektüren dieser Zeit Einblicke in die komplexe Gedanken- und Lebenswelt des jungen aufstrebenden Ordinarius.

Die in den Notaten und besonders in dem Konvolut „Der Schatten Gottes“ zu Tage tretende „tolle Wirklichkeit“ Schmitts offenbare einen zerrissenen Künstlertypus, der durch englische, irische, französische, russische wie slawische Autoren und Bücher seine Existenz zu ergründen versuche. Neben der durch Lyrik geschaffenen Gegenwelt sei es der angestammte katholische Glaube, in dem der rastlose Romantiker Halt suche. Der Verzweiflung nahe, lasse Schmitt den spanischen Diplomaten und Staatsphilosophen Juan Donoso Cortés für sich beten, um das wiederzuerlangen, was ihm zuvor jahrelang gelungen war: die Haltung eines Stoikers mit der eines Christen zu verbinden. Spindler resümierte, überraschenderweise beziehe sich Schmitt weniger auf politisch-kulturelle Ereignisse. Vielmehr gehe es um vielfältige Beziehungen, Alltagserfahrungen, Obsessionen, die Schmitt mit Hilfe intensiver Lektüre und passiver Aufmerksamkeit zu bewältigen versuche.

Zwar empfinde Schmitt Gottes Schatten wie eine „über allen irdischen Dingen“ liegende Substanz. Doch trotz aller Wirrnisse sei für ihn – wie übrigens auch für den Symbolisten Auguste Villiers de l'Isle-Adam – der katholische Glaube die „lächelnde Gewissheit, eine andere Welt zu haben“.