Der Papst von Liebe und Leid

Vom Sinn des Barmherzigkeitssonntags. Von Professor Manfred Balkenohl

Wenn der Mensch liebt, tritt die Ebenbildlichkeit Gottes am stärksten in Erscheinung, denn Gott ist die Liebe. Die von Gott geschenkte Liebe erweist sich nach den Zeugnissen des Alten wie des Neuen Testaments vor allem als Barmherzigkeit, die zu Recht als aufhelfende und verzeihende Liebe bezeichnet wird. So gesehen kann man auch von der Barmherzigkeit sagen, dass, wenn sie der Mensch übt oder gar zum Lebensinhalt macht, die Ebenbildlichkeit Gottes wie in der Liebe selbst in Erscheinung tritt.

Johannes Paul II. hatte das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit als zweiten Sonntag der Osterzeit für die Universalkirche eingeführt. Er war davon überzeugt, dass die göttliche Barmherzigkeit auch und vor allem durch den Menschen dem Menschen zuteil wird. Dafür die Sensibilität zu wecken, war für den Heiligen Vater ein Anliegen. Im April 2008 fand bereits in Rom der I. Weltkongress zur Barmherzigkeit Gottes statt.

Die Barmherzigkeit Gottes durchwaltet das Alte und das Neue Testament: Noah „hatte Gnade gefunden vor dem Herrn“ (Gen 6,8). Jahwe „will des Bundes gedenken, der da besteht zwischen mir und euch?“ (Gen 9,15). Bei den Propheten begegnen zahlreiche Gottessprüche über Barmherzigkeit, so etwa hier: „Wer ist ein Gott wie der, der die Schuld verzeiht und die Sünde vergibt dem Rest seines Eigentums, der seinen Zorn nicht ewig festhält, sondern Freude daran hat, gnädig zu sein? Er wird sich wiederum unser erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten. Du wirst all unsere Sünden in die Tiefe des Meeres versenken. Du wirst Jakob Treue erweisen und Abraham Güte, wie du unsern Vätern geschworen hast in den Tagen der Vorzeit“ (Mich 7,18f.).

Die Psalmisten rufen darum häufig das göttliche Erbarmen auf sich herab, so etwa: „Wenn ich rufe, erhöre mich, Gott meines Rechtes! Der du in Drangsal mir Raum geschafft, sei mir gnädig und erhöre mein Gebet!“ (Ps 4,2). Oder der Schrei aus der tiefsten Not: „Sei mir gnädig, o Herr, denn ich verschmachte: heile mich o Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken“ (Ps 6,3). Oder „Sei mir gnädig, o Herr, siehe wie elend ich bin durch meine Hasser“ (Ps 9,14). „Wende dich zu mir und sei mir gnädig, denn ich bin einsam und elend“ (Ps 25,16).

Die alttestamentlichen Aussagen über die Barmherzigkeit Gottes kristallisieren sich in dem Ausruf Gottes in Exodus: „Der Herr, der Herr – ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue, der Gnade bewahrt bis ins tausendste Geschlecht, der Schuld und Missetat verzeiht“ (Ex 34,6f.). Ähnlich lesen wir bei Joel: „Kehret um zu dem Herrn, eurem Gott; denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld“ (Joel 2,13). Und in den Psalmen steht: „Aber du, o Herr, bist ein barmherziger, gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“ (Ps 86,15).

Wir sehen also: Schon im Alten Testament erweist sich die göttliche Barmherzigkeit als grundsätzlich und allumfassend. Sie findet nur dort ihre Grenze, wo die Verstockheit des Menschen sich ihr entgegensetzt. Bei Isaias heißt es: „Und die Leiter dieses Volkes wurden Verführer und die Geleiteten wurden verschlungen“ (Is 9,16). Und bei Jeremias heißt es: „Seht, ihr folgt ja ein jeder der Verstocktheit seines bösen Herzens und hört nicht auf mich“ (Jer 16,12). Auch dieses gehört zur Botschaft des Alten Testamentes: Selbst das göttliche Strafwalten zielt auf Bekehrung als Voraussetzung der neuen Barmherzigkeit: „Habe ich etwa Wohlgefallen am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich von seinem Wandel bekehre und am Leben bleibe?“ (Ez 18,23). Doch übertrifft Jahwe zugleich alle menschliche Güte, weil er in seinem liebenden Erbarmen der ganz andere ist: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“ (Jes 55,8).

Im Neuen Testament wird das Heilswirken Gottes zusammengefasst und verdichtet. Er ist der „Erbarmer“ (Lk 6,36). Auf die Barmherzigkeit Gottes ist der Mensch angewiesen: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Mt 5,7). Die gesamte Heilsbotschaft Jesu ist durchtränkt von der Zuversicht auf göttliche Barmherzigkeit. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) etwa ist ein Gleichnis Jesu für die Barmherzigkeit Gottes. Im 2. Brief an die Korinther ist Gott, der gepriesen wird, „der Vater der Erbarmungen“ (2 Kor 1,3). Die Treue des Apostels im Dienst des Evangeliums findet seine Grundlage „gemäß der Barmherzigkeit, die uns widerfahren ist“ (4,1). „Gnade, Barmherzigkeit, Friede“ werden als Heilsgüter in Grußworten von Briefen hervorgehoben (2 Jo 3; 1 Tim 1,2; 2 Tim 1,2). Der Apostel führt die in Christus geschehene Erlösung – insbesondere die der Heiden – auf Gottes Barmherzigkeit zurück. Die Heilsuniversalität wird zusammengesehen mit der göttlichen Barmherzigkeit. „Denn Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam hineingebannt, um an allen Barmherzigkeit zu erweisen“ (Röm 11,32). Und im Titusbrief lesen wir: „Als aber die Gütigkeit und die Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, erschienen war, hat er uns, nicht aufgrund von Werken in Gerechtigkeit, die wir getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit, gerettet durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung“ (Tit 3,5). Unter anderem im Judasbrief wird die göttliche Barmherzigkeit ausdrücklich als eschatologisches Heilsgut benannt: „(...) bewahrt euch so in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben!“ (Jud 21).

Überblicken wir das Alte und das Neue Testament, so können wir sagen: Die Hl. Schrift bezeugt keine Eigenschaft Gottes so eindringlich wie die Barmherzigkeit. Die Dogmatik betont als Glaubenssatz: „Gott ist unendlich barmherzig. De fide“. So wird einsichtig, dass die Liebe Gottes und seine Barmherzigkeit sich gegenseitig bestimmen, ja dass die Barmherzigkeit die eigentliche Ausdrucksform der göttlichen Liebe ist.

Und überall dort, wo Gott Barmherzigkeit erweist, wird die Gerechtigkeit Gottes nicht ausgeschaltet. Es ist ebenfalls ein Glaubenssatz: „Gott ist unendlich gerecht. De fide.“ Wie sind nun Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes miteinander verbunden? Die Barmherzigkeit Gottes überschreitet seine Gerechtigkeit. Nach Thomas von Aquin ist Gottes Barmherzigkeit die „Fülle der Gerechtigkeit“ (S. th. I g. 21 a. 3), weil Gottes Liebe und Barmherzigkeit eine Einheit bilden. Das ist ein Geheimnis, welches in den Aussagen der Schrift, aber auch durch die strenge Gerechtigkeit überschreitende Hilfsbereitschaft bei akuten Nöten des Nächsten erhellt wird.

Wie steht es mit dem an sich schwer zu erfassenden Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und erbarmender Liebe in der Schrift? Hier sticht die Mahnung Jesu hervor: „Darum sage ich euch, wenn eure Gerechtigkeit nicht weitaus größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20).

Zum achtfachen Weheruf Jesu gegenüber den religiösen Führern heißt es: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, ihr ... lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue ... Blinde Führer seid ihr ....“ (Mt 23,23). Bei Lukas heißt es: „Die Gerechtigkeit aber und die Liebe zu Gott vergesst ihr“ (Lk 11,42).

Wir finden also in der Schrift selbst schon das Wesentliche, was zur Gerechtigkeit hinzukommen muss, nämlich Liebe, Barmherzigkeit, Treue. Die Widersacher Jesu aber mussten sich sagen lassen: „Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hinein wollen“ (Mt 23,13). Schärfer als von Jesus selbst konnte die religiöse Klasse nicht angemahnt werden. Eine Parallele finden wir vielleicht nochmals bei Isaias: „Die Wächter des Volkes sind blind ... Es sind lauter stumme Hunde. Aber gierig sind diese Hunde, sie sind unersättlich. So sind die Hirten ... Jeder ... ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht, (er sagt) Kommt her, ich habe Wein. Wir trinken uns voll mit Bier ... Hoch soll es hergehen“ (Is 56,10ff.).

Die Heilsbotschaft Christi stellt das menschliche Zusammenleben unter das Zeichen der Gerechtigkeit und der barmherzigen Liebe zugleich. Thomas von Aquin sagte schon: „Gerechtigkeit ohne Liebe ist Grausamkeit“. Des weiteren sagt er: „Das Werk der göttlichen Gerechtigkeit setzt immer das Werk der Barmherzigkeit voraus und gründet in ihr“ (S. th. I, 24,40). Wir sehen also bei der Gegenüberstellung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, dass der göttlichen Barmherzigkeit ganz eindeutig der Primat zukommt.

Und wir wissen aus dem täglichen Leben: Was Menschen zutiefst miteinander verbindet, ist barmherzige Liebe. Wie kommt es denn, dass der Mensch diese Wesensmerkmale Gottes im Leben verwirklichen und weiterreichen kann? Als Ebenbild Gottes ist der Mensch Gottes fähig. Er ist aus seinem innersten Wesen heraus die „Brücke zu Gott“ (Max Scheler). Er hat nicht nur die Fähigkeit zu beten, sondern er ist wesensgemäß „Gebet“. Wenn sich uns Gott durch den Menschen, dem Mitmenschen, in seiner Barmherzigkeit offenbart, dann spürt der Empfänger der göttlichen Liebe, dass eine Macht in sein Leben umgestaltend und sinnstiftend eingreift. Und diese Wirklichkeit erlebend, erahnt er fühlend in seinem Innern, dass diese Werte auf eine unendliche Instanz zurückweisen, der Mensch überträgt die so empfangenen Bilder nämlich auf Gott. Bilder werden projiziert, übertragen, zunächst ganz vorsichtig, dann unter Zuhilfenahme der Verstandeseinsicht deutlicher. Er gewinnt die Vorstellung von Gott als dem unendlich Barmherzigen. Diese Hinweise besagen aber nicht, dass Gott lediglich eine Projektion des Menschen sei. Allerdings steht die Frage zur Beantwortung an, warum der Mensch projizieren kann.

Was aber die barmherzige Liebe anbetrifft, so ist gerade der Mensch in Krankheit, Leid, im Sterben und angesichts des Todes besonders der helfenden Güte und der wohlwollenden Liebe bedürftig. Das gilt sowohl für den regressiv-apathisch Leidenden, der sich innerlich und äußerlich von der Mitwelt distanziert, als auch für den aggressiv Leidenden, bei dem selbst im Zustand des Leidens noch ein affektbedingtes Angriffsverhalten wirksam ist, erst recht für den vereinsamten, lebensmüden Patienten, der sich isolationistisch in sein Innenleben zurückzieht. Für alle diese leidenden Menschen, und nicht nur für die mit Krankheit belasteten, gilt die Lehre Johannes Pauls II.: „Der Mensch muss sich in erster Person dazu aufgerufen fühlen, die Liebe im Bereich des Leidens zu bezeugen. Institutionen sind sehr wichtig und unentbehrlich; doch keine Institution vermag von sich aus das menschliche Herz, das menschliche Mitleid, die menschliche Liebe, die menschliche Initiative zu ersetzen, wenn es darum geht, dem Leiden des anderen zu begegnen. Das gilt für die körperlichen Leiden, aber noch mehr, wenn es sich um die vielfältigen moralischen Leiden handelt, vor allem, wenn die Seele leidet“ (Salv. Doloris 29).

Das eigentlich heilende Moment ist längst nicht immer die medizinische Maßnahme, auch nicht allein das gesprochene Wort, so wichtig es ist, sondern die liebende Haltung des Helfenden, die vom Patienten intuitiv erspürt wird.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist einerseits ein Gleichnis für die Bereitschaft des Menschen gegenüber dem in Not geratenen Mitmenschen. Der gute Samariter ist jeder Mensch, der angesichts von Not und Unglück des Mitmenschen Hilfe im Leiden bringt, gleichviel welcher Art das Leiden auch immer sein mag. Er kann aus barmherziger Liebe nicht am Leiden des anderen vorübergehen.

Und noch eine andere Seite zeigt dieses Gleichnis. Wenn der Mensch die Werte der Solidarität, der christlichen Nächstenliebe, des sozialen Lebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen übt, dann wendet er sich gegen alle Formen des Hasses und der Gewalt, der Grausamkeit und Verachtung, der Gefühllosigkeit und der Gleichgültigkeit dem Nächsten und seinem Leiden gegenüber. Er schenkt als Mandator Gottes die Barmherzigkeit Gottes an den Mitmenschen weiter.

Das Fest der göttlichen Barmherzigkeit hat daher auch den Sinn, das an sich undurchdringliche Geheimnis vom Sinn des menschlichen Leidens zu enthüllen.