Der Papst und die Moderne

Der Philosoph Jean Guitton sieht bei Paul VI. ähnliche Charakterzüge wie beim heiligen Paulus. Von Ulrich Nersinger

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Paul VI. gleiche ganz der Natur des modernen Menschen, meinte der Philosoph Jean Guitton. Foto: IN
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Paul VI. gleiche ganz der Natur des modernen Menschen, meinte der Philosoph Jean Guitton. Foto: IN

Der französische Philosoph Jean Guitton (1901–1999) wird den bedeutendsten katholischen Denkern des 20. Jahrhunderts zugerechnet. 1933 hatte er mit einer Arbeit über Plotin und Augustinus promoviert, vier Jahre später wurde er zum Philosophieprofessor nach Montpellier berufen. An der Sorbonne in Paris hielt er seit 1955 den Lehrstuhl für Philosophie und Philosophiegeschichte inne. Im Jahre 1961 war seine Berufung in die Académie française erfolgt. Papst Johannes XXIII. ernannte Jean Guitton zu einem der ersten Laien-Auditoren des Zweiten Vatikanischen Konzils. Auf Einladung Papst Pauls VI. durfte er am 3. Dezember 1963 das Wort an das Konzil richten und zu dessen Vätern über die Ökumene sprechen.

Zu Pius XII. und Johannes XXIII. pflegte Guitton persönliche Kontakte, mit Paul VI. war er seit 1950 befreundet. Von Kardinal Albino Luciani, dem späteren Papst Johannes Paul I., wurde er 1977 gebeten, einen „Petit Catéchisme“ für Kinder zu verfassen, 1992 von Kardinal Joseph Ratzinger um ein Porträt Joseph-Marie Lagranges. Als seine frühen Hauptwerke gelten, in sieben Bände zusammengefasst, „La pensée moderne et le catholicisme“ (1934–1950). Über Frankreich hinaus bekannt wurde Guitton durch sein Buch „Dialogues avec Paul VI.“, das 1967 weltweit für Aufsehen sorgte. Erstmals hatte ein Papst der Veröffentlichung seiner Zwiegespräche über Fragen der Gegenwart zugestimmt.

Jean Guitton konstatiert in seinem „Dialog mit Paul VI.“: „Die Päpste der letzten Zeit konnten den modernen Menschen lieben und unterstützen, aber ihre Mentalität stimmte im Tiefsten mit der modernen Denkart nicht überein. Pius XI. war kernig, gradlinig wie ein Gebirgsbewohner; Pius XII. besaß die römische Festigkeit, mystische Glut und humanistische Bildung – aber fühlte er wie ein moderner Mensch? Johannes XXIII. war zwar modern in seinen Plänen, doch nicht in seinen Nerven und seiner Substanz.“ Der Montini-Papst ist für den französischen Denker ein anderer Typus, jemand, der für etwas Neues – oder besser gesagt Erneuertes – in der Kirche steht: „In ihm, in Paul VI., stellt sich der moderne Mensch dar. Das ist ungewöhnlich. Als Führer und Hirten der Menschheit haben die Päpste nämlich nicht die Aufgabe, sich den Menschen ihrer Zeit anzugleichen, schon gar nicht diesen in Verwirrung geratenen Menschen unserer Epoche.“

Von diesem Gesichtspunkt aus sei, so Guitton, die Ähnlichkeit des Papstes mit seinem biblischen Namensvetter bestechend. Der heilige Paulus habe jene Züge, die man modern nenne; er rühme sich seiner Schwachheiten, er bezeichne sich als zerrissen, als versucht, als unsicher: „Paul VI. gleicht in seinen Bestrebungen, in seinen quälenden Sorgen, in seiner ganzen Natur dem Menschen unserer Tage.“ In dieser Schwäche aber liege eine Stärke, die Kraft, Schwierigkeiten ungeahnten Ausmaßes anzugehen und zu bewältigen. Und so könne der Papst von sich sagen: „Gerade weil ich eine ängstliche Natur habe, bin ich so energisch; gerade weil mich Furcht beschleicht, überwinde ich sie besser als einer, der sie nicht kennt.“

Für Jean Guitton ist Paul VI. kein Zauderer im klassischen Sinn, er ist jemand, der überlegt, der Herz und Verstand zu sich sprechen lässt und erst dann entscheidet. Im Sprechen, im Dialog, sehe der Papst den Weg der Menschen zueinander. Das Evangelium sei für ihn eine Anfrage, eine „göttliche Plauderei“, der Dialog darüber ein Instrument der zweiten, menschlichen Offenbarung. „Das Wort, das du nicht ausgesprochen hast, ist dein Sklave, das Wort, das du ausgesprochen hast, ist dein Herr“, fügt Guitton an. Paul VI., erkennt der Philosoph, empfinde in dem Anspruch, in die Welt von heute einzutauchen – „modern” zu sein – keine Missachtung der Tradition. Im Gegenteil, ohne Tradition, ohne in dieser verwurzelt zu sein, aus ihr zu schöpfen und sie hochzuachten, wäre für ihn der Schritt in die Neuzeit ein Fehltritt gewesen.

Mit Blick auf die Kirche, vor allem für jene, die an ihrer mangelnden Modernität leiden und Enttäuschung verspüren, sah Jean Guitton in Paul VI. eine echte Hoffnung: „Er gibt den vorauseilenden Geistern, die vor allem seit zwei Jahrhunderten gelitten hatten, Frieden und Zuversicht. Gelitten hatten sie nicht, weil ihre Ideen mit der wahren Auffassung der Kirche im Widerspruch gestanden hätten, sondern weil ihre Gefühlslage, ihre Forschungsweisen ihre ,existentielle Schwierigkeit? durch die hohen Stellen der Kirche nicht anerkannt wurden und daher ,unbemerkt? blieben – was unter Umständen schwerer zu ertragen ist, als unverstanden zu sein.“ Nach dem Erscheinen der „Dialoge mit Paul VI.“ schrieb der Papst seinem Freund Guitton einen Dankesbrief mit dem Vermerk: „Zu gut hast Du über Uns geschrieben“. Am 14. Oktober wird Papst Paul VI. heiliggesprochen.