Der Papst, der die Jesuiten aufhob

Wissenschaftliche Detektivarbeit: Der Historiker Christoph Weber liefert einen wichtigen Baustein zum Verständnis von Papst Clemens XIV. Von Urs Buhlmann

Mann mit Licht und Schatten: Papst Clemens XIV. Foto: IN
Mann mit Licht und Schatten: Papst Clemens XIV. Foto: IN

Hier geht es zur Sache: Wer meint, dass die Darlegung historischer Streitigkeiten eine staubtrockene Angelegenheit sei, die nur eine unverdrossene Schar von Fachgelehrten zu interessieren brauche, wird eines Besseren belehrt. Christoph Weber, der emeritierte Düsseldorfer Historiker und bedeutende Kenner der Geschichte der Kurie und des Kardinalskollegiums, setzt seine Studien zur Aufhebung des Jesuitenordens 1773 mit der Edition einer anonymen Schmäh-Biographie des damals handelnden Papstes, Clemens XIV. (1769–1774), fort. Sie entstammt natürlich jesuitischer Feder, auch wenn es gar nicht so einfach ist, die Autorschaft zweifelsfrei zu klären. Aber das Detektivische liegt Weber, wie er bei seinen früheren Veröffentlichungen schon bewiesen hat. Tatsächlich speist sich die „Idée Générale de Clément XIV.“ aus vier jesuitischen Quellen entstammenden Büchern der Jahre 1776 und 1777, die auch eine den Papst mehr oder weniger heiligsprechende Lebensbeschreibung eines gewissen Caraccioli widerlegen sollten. Weber macht die französischen Ex-Jesuiten Faure und Sauvage zu deren Verfassern und den Ersteren zum Haupt-Autor der vorgestellten Anti-Biographie des Papstes, der durchweg in den schwärzesten Farben geschildert wird.

Denn es herrschte – das sollte der heutige Leser sich vor Augen halten – in der Mitte des 18. Jahrhunderts wirklich Krieg um die Frage des Fortbestehens oder der Aufhebung der Gesellschaft Jesu. Es war eine Haupt- und Staatssache, in die sich alle europäischen Höfe leidenschaftlich einbrachten. Frankreich und die südeuropäischen Monarchien waren die Vorreiter, so dass der Jesuitenorden bereits zwischen 1759 und 1768 aus Portugal, Frankreich Neapel und Spanien sowie Parma vertrieben worden war. Der Einfluss des planvoll vorgehenden und straff organisierten Ordens auf die Mächtigen und die Jugenderziehung, auch theologische Vorwürfe (Jansenismus, Ritenstreit) und falsch verstandene oder aufgebauschte Interna bildeten die Angriffspunkte. Hintergrund war das Bemühen der aufgeklärten Staatsmänner, sich die Kirche insgesamt untertan zu machen. Schon die Vorgänger von Clemens XIV. hatten mit der Materie zu tun, die nun beim Konklave, das zur Wahl des Franziskaner-Minoriten Giovanni Vinzenzo (P. Lorenzo) Ganganelli führte, die führende Rolle spielte. Er wurde explizit in der Hoffnung gewählt, dass er nun endlich zur Tat schreiten möge und konnte sich dieser Erwartung schlussendlich nicht entziehen.

Die Emotionen auf beiden Seiten waren also hochgekocht und jede Seite dieses erstaunlichen Dokumentes, das Weber in mühevoller Arbeit buchstabengetreu transkribiert hat (im französischen Original und mit umfangreichen Fußnoten und Anmerkungen) legt davon Zeugnis ab. Hier ist ein Freund nicht immer ein Freund, aber ein Feind ist wirklich ein Feind. Das Werk will nichts weniger unternehmen als der staunenden Öffentlichkeit vor Augen zu führen, dass der verstorbene Pontifex von niedriger Herkunft war, schlecht erzogen, unsittlich gelebt habe, letztlich nicht religiös, wohl aber herzlos und grausam in jeder der Stationen seiner kirchlichen Laufbahn war und dass er schließlich als Tyrann geendet habe. Letzteres war übrigens für die Autoren, die, dem Brauch der Zeit entsprechend, nicht ihren Namen angaben, ein nicht ganz ungefährliches Argument – traute man den Söhnen des Hl. Ignatius ja auch die Rechtfertigung des Tyrannenmordes zu. (Er wäre, in dieser Sicht, dann kein Mord, sondern verdienstvoll).

Jedenfalls langten die Jesuiten zu; einer der ernsthaft gemeinten Angriffe auf den Papst, der sie aufhob, war, dass nach seinem Tod kein oder nur ein ganz kleines Herz im aufgeschnittenen Körper gefunden wurde. (Man hielt übrigens eine Vergiftung für möglich, was nicht nachgewiesen werden konnte). Natürlich sollte dies auch den ebenfalls erhobenen Vorwurf der Habgier sowie des Nepotismus untermauern. Weber kann nach seinen Recherchen beides zurückweisen: Es gibt Aufzeichnungen eines Laienbruders namens Fra Francesco, der Ganganelli jahrzehntelang als Diener und Koch zugeteilt war und bezeugte, dass dieser als Kardinal wie als Papst einem frugalen Lebensstil mit mäßigem Alkohol-Genuss frönte. Als ihm der spanische König neben vielen anderen guten Sachen auch eine Quantität (Schnupf- ?)Tabak verehrte, fand man nach seinem Tod noch vier Kisten unberührt (in einer Zeit, in der alle, die es sich irgendwie leisten konnten, Tabak rauchten, schnupften oder kauten). Zudem machte er gerade einmal drei seiner OFM-Konventualen zu Bischöfen. Anders als ihn die „Idée Générale“ darzustellen sucht – nämlich als jemanden, der gegen liturgische Funktionen geradezu allergisch gewesen sei – fand Weber auch entlastende Quellen, wenngleich Clemens wohl kurze Zeremonien bevorzugte.

Doch nichts war den Papst-Gegnern lächerlich genug, um nicht doch als Instrument einer kleinen Spitze genutzt zu werden: Dass der Papst „vetu a l'anglaise“ ausgeritten sei, also eine bequem geschnittene Kombination aus Jacke, Weste, Hose und langen Strümpfen trug (natürlich in weiß), wird betont. Andere Päpste vor ihm und nach ihm taten das damals allerdings ebenso. Auch die Angewohnheit, die Arbeitstage mit einem Billard-Spiel ausklingen zu lassen, war durchaus zeitüblich (und immer noch besser, als Karten zu spielen).

Seine Großbritannien-Politik galt als erfolgreich

Clemens XIV. pflog zeitlebens Freundschaft mit Juden, als Kardinal und Papst auch mit Anglikanern. Auch das wird ihm hier schlecht ausgelegt. Tatsächlich waren aber die Besuche der beiden königlichen Prinzen Duke of Gloucester 1772 und Duke of Cumberland 1774 durchaus durchdacht und, wie Weber schreibt, Höhepunkte „in der politischen Präsenz Clemens' XIV. auf der europäischen Bühne. Diese Besuche wurden vom Papst gezielt zur Aussöhnung der katholischen Kirche mit Großbritannien ausgestaltet“ und galten auch als erfolgreich. Zu seiner Zeit lebten viele Briten in Rom. „Dass der Papst im März 1774 es hinnahm, dass die englische Gesellschaft im Teatro Marcelo, also dem Palazzo Orsini, während der Fastenzeit Empfänge und Feste veranstaltete, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen.“ Der Papst, der den Jesuitenorden auflöste, also als verfolgtes Unschuldslamm?

Nun, durchaus nicht, und auch zur Beantwortung dieser Frage dürfen wir uns wieder Christoph Weber anvertrauen. Ganganelli habe das Papsttum zielstrebig angestrebt, getragen von mehreren Prophezeiungen, dass es ihm auch zufallen würde (so etwa vom Hl. Paul v. Kreuz, Gründer des Passionisten-Ordens). Ein robustes Selbstvertrauen wird man, je nach Standort, als unpassend, aber noch nicht als schweres Vergehen werten wollen. Eine extreme Geheimhaltungs-Sucht sei ihm eigen gewesen, wohl die Frucht eines jahrzehntelangen Klosterlebens, aber auch der kurialen Erfahrung. „La segretezza e l'anima degl' affari“, Geheimhaltung als Seele der Geschäfte. Dieser für sich auch noch nicht vorwerfbare Charakterzug Ganganellis wurde aber – für viele seiner Zeitgenossen in verwirrender Weise – ergänzt durch eine geradezu unheimliche Fähigkeit, Menschen für sich einnehmen zu können. Selbst sein erbitterter Gegner P. Faure schreibt, dass Menschen, die sich ihm näherten, „en resterent totalement subjugées“, sich ihm geradezu unterordneten. Als Schattenseite aber war da, schreibt Weber „Verachtung, Misstrauen, Abgeschlossenheit, gelegentliche Ausbrüche von Härte, vor allem Ungeduld und brüsker Abbruch von Beziehungen“. Weber nennt die Anekdote von einem Franziskaner, der vom Papst auf das Liebenswürdigste empfangen wurde, aber nach einer etwas indiskreten Frage zu seinen Absichten in Bezug auf die Jesuiten nicht nur binnen Sekunden hinausgeworfen, sondern auch aus Rom verbannt wurde. Weber urteilt – und bei diesem Urteil haben ihm die in der Biographie erhobenen Vorwürfe geholfen, denn auch negative Bewertungen erhellen die Kenntnisse von einem Menschen – in der Gesamtschau: „Heutzutage würde man vermutlich Clemens XIV. eine ziemlich ausgeprägte manisch-depressive Charakterstruktur zusprechen, bei der sich praktisch alle Auffälligkeiten an diesem Papst unterbringen lassen (...) Ein enormes Selbstbewusstsein schlug bei ihm regelmäßig in tiefe Niedergeschlagenheit um.“ Der von Christoph Weber hier in souveräner Kenntnis des Geschehens zum ersten Mal in der Neuzeit vorgelegte Text zu Clemens XIV. kann nicht (und will auch nicht) die nach wie vor fehlende wissenschaftliche Biographie dieses Papstes ersetzen. Er ist aber ein wichtiger Baustein und liefert – ex negativo – einen Schlüssel dazu, warum dieser Mann Zeit seines Lebens die meisten seiner Zeitgenossen emotional beherrschte.

Christoph Weber (Hrsg.): Idée Générale de Clément XIV. – Eine anonyme Biographie aus jesuitischer Feder. Verlag Dr. Kovaè, 2014, 294 Seiten, ISBN 978-3-8300-7714-5, EUR 88, 90