Der Nachwelt im Gedächtnis

Homer als Ursprung abendländischer Dichtung. Von Ingo Langner

Der blinde Homer wird geführt, Gemälde von William-Adolphe Bouguereau, 1874. Foto: IN
Der blinde Homer wird geführt, Gemälde von William-Adolphe Bouguereau, 1874. Foto: IN

„Homer oder Die Geburt der abendländischen Dichtung.“ Das ist der Titel des Buches. „Im Anfang stand das Vollkommene.“ So lautet darin der erste Satz.

Wenn ein Philologe und intimer Kenner der Platonischen Philosophie einen solchen Anfang wählt, dann geht sicherlich der nicht fehl, der darin einen Verweis auf die Beschreibung der Erschaffung der Welt in der Genesis mithört, die bekanntlich mit dem Satz „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ beginnt.

Nun ist es zwar so, dass Thomas A. Szlezák in seinem großangelegten und großartigen Werk über „Ilias“ und „Odyssee“ nirgendwo die Bibel zitiert. Aber deren Geist schwebt, wenn diese Anspielung erlaubt ist, gewissermaßen über allen Kapiteln. Wenn Szlezák das „Im Anfang stand das Vollkommene“ so betont, dann ist damit in Bezug auf die „Ilias“ gemeint, dass dieses dramatische Epos zwar Menschenwerk ist und nicht vom Himmel herabfiel, aber dennoch wie ein unnachahmlicher Monolith über allen Dichtungen thront, die nach ihm entstanden sind.

Wer sich der durchaus lohnenden Mühe unterzieht, Szlezáks ausführlichen philologischen Exkursen zu folgen, der kommt zu dem nicht unbedingt überraschenden Schluss, dass man gerade das in der Zunft der Philologen durchaus nicht immer so gesehen hat. Vor allem im 19. Jahrhundert nicht. Damals gab es führende Köpfe ihres Faches, die fest davon überzeugt waren, dass die „Ilias“ ihre Perfektion erst im Laufe eines längeren, von anonymen Dichtern gefertigten, Prozesses erhalten hat.

Der „voraufgeklärte“ Mensch ist nicht naiv wie ein Kind

Es wird kein Zufall gewesen sein, dass ausgerechnet die Philologie des 19. Jahrhunderts sich auf diesen Holzweg begab. Denn das war das Zeitalter Charles Darwins. So wie Darwins Evolutionslehre davon ausgeht, dass alles Leben durch zufällige „natürliche Selektion“ entstanden ist und damit den Schöpfergott auf den Abfallhaufen der geistigen Irrtümer entsorgt, so konnten sich analog dazu auch die positivistisch infizierten Philologen die Schaffung eines Meisterwerks nur als Produkt eines Redaktionskollektivs vorstellen. „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, Nicht mir!“, könnte man darauf mit einem Zitat aus Goethes „Faust“ antworten.

Aber Thomas A. Szlezák räumt nicht nur ideologisch getönte Fehlinterpretationen beiseite. Ausführlich (und das ist für Leser jenseits der Philologie interessant) widmet er sich auch der Nacherzählung und Deutung der um zentrale Ereignisse des mythischen Trojanischen Krieges kreisenden „Ilias“ und der die Irrfahrten und Heimkehr des „listenreichen“ Odysseus schildernden „Odyssee“.

Für den, der die beiden zusammen fast tausend Seiten umfassenden Epen noch nie gelesen hat oder sie in seiner Jugend zuletzt in die Hand nahm, ist Szlezáks „Homer“ gewiss deshalb von großem Gewinn, weil er jeweils eine Skizze des Geschehens liefert, die literarische Form und Gestaltungsmittel analysiert, einige ausgewählte Szenen und Situationen interpretiert, das Weltbild von „Ilias“ und „Odyssee“ untersucht und schließlich als zusammenfassende Summe den dort erhobenen geistigen Anspruch vermittelt.

Was das Weltbild der beiden Epen angeht, so arbeitet Szlezák detailliert heraus, dass dort „der Mensch zu keiner Zeit alleiniger Herr über sein Schicksal ist“. Und dass „die Menschen der Ilias wissen, dass sie im Gedächtnis der Nachwelt weiterleben werden“. Wenn Achilleus vom „Ruhm der Männer“ singt, dann ist ihm dabei stets bewusst, dass im Lied der Ruhm anderer Helden gegenwärtig ist. Woraus Szlezák hellsichtig schließt: „Das vom höchsten Gott verhängte Schicksal erfüllt sich also in dem, was der Sänger überliefert. Das Menschenleben, die göttliche Schickung und das Weiterleben im Gesang sieht der Dichter (Homer) hier in einem großen Zusammenhang, der die Rolle des Individuums weit übergreift.“

Was ihren direkten Vergleich zwischen „Ilias“ und „Odyssee“ angeht, so lässt Szlezák keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er letzterer – die für ihn übrigens nicht von Homer selbst stammt – einen entscheidend niederen Rang einräumt als der „Ilias“. Denn die ist für den 1940 in Budapest Geborenen (er war bis 2006 Direktor des Platon-Archivs der Eberhard Karls Universität Tübingen) einzigartig und normsetzend zugleich: „Kein anderes Werk hat auf die Literaturauffassung, Literaturgestaltung und Literaturtheorie anderer Epochen einen solchen Einfluss gehabt wie die Ilias auf die literarischen Traditionen Europas bis ins 19. Jahrhundert. In diesem Sinne kann man in der Ilias die Geburt der abendländischen Dichtung sehen, in der Odyssee bereits den Beginn der von der Ilias bestimmten Tradition.“ Wer den Satz „Im Anfang stand das Vollkommene“ nicht allein für die Quintessenz eines Homerbuches hält, sondern für die Quintessenz der Schöpfung schlechthin, der wird den zum Wesen der „aufgeklärten Moderne“ gehörenden herrischen Gestus des „Tabula rasa“ entschieden zurückweisen. Die damit verbundene historische Perspektive geht von einem sich über einige Jahrtausende hinziehenden allmählichen Erwachen der Menschheit aus. Essenzieller Bestandteil dieser Perspektive ist die ganz auf einer Linie mit Darwins natürlicher Selektion liegende groteske Überzeugung, dass der „metaphysische“ „gottgläubige“, mithin „voraufgeklärte“ Mensch naiv wie ein Kind sei. Wie unsinnig ahistorisch eine solche vom Evolutionsgedanken getrübte Sichtweise ist, ließe sich an vielen Beispielen exemplifizieren. Thomas Alexander Szlezák hat es am Beispiel Homers getan. Auch darum ist sein Buch eine Sternstunde der zeitgenössischen Philologie.

Szlezák, Thomas: Homer oder Die Geburt der abendländischen Dichtung. C.H. Beck Verlag 2012, 255 Seiten, mit 14 Abbildungen, ISBN 978-3-406- 63729-2, EUR 24,95