Würzburg

Der Lebensrechtler Gottes

Das Pontifikat von Papst Johannes Paul II. hat eine ganze Generation geprägt. Sein Einsatz für den Wert der Person wird besonders in der Enzyklika „Evangelium vitae“ deutlich, die vor 25 Jahren erschien.

Porträt von Johannes Paul II.
Mit Johannes Paul II. fühlt sich der Maler besonders verbunden: „Porträt eines Heiligen“.

Ich war noch nicht einmal ein Teenager im berühmten „Drei-Päpste-Jahr“ 1978. Bis dahin hatte ich – römisch-katholisch erzogen – eine vage Vorstellung davon, dass es in Rom einen besonders wichtigen Mann gibt: Papst Paul VI. Der starb dann plötzlich. Die Wahl zum Nachfolger wurde am Fernsehen von der Familie verfolgt und Albino Luciani trat auf den Balkon der Benediktionsloggia des Petersdoms. Johannes Paul I. flog mein Kinderherz zu. Der ist sympathisch, dachte ich und wollte es nicht glauben, als man mir 33 Tage später sagte, dass er schon wieder tot sei und ein neuer Papst gewählt werden müsse. Ich war mir sicher: Der „Neue“ wird mein Herz nicht so schnell erobern. Doch ich täuschte mich: Dem fast ein wenig schüchtern auf die Loggia tretenden Mann, der „aus einem fernen Land“ kam und uns zurief, keine Angst zu haben und die Türen weit für Christus zu öffnen, lag mein Herz sofort zu Füßen.

Karol Józef Wojtyla, vor 100 Jahren am 18. Mai 1920 im polnischen Wadowice bei Krakau geboren, sollte das zweitlängste Pontifikat der Kirchengeschichte bestreiten. Schon früh verlor der junge Karol die Mutter: sie starb, als er acht Jahre alt war. Nur vier Jahre später starb sein Bruder Edmund, und die ältere Schwester hat er nie kennengelernt, da sie schon vor seiner Geburt starb. Waren diese frühen Kindheitserlebnisse prägend für den unbedingten Einsatz des großen Polen für das Recht auf Leben?

Von einem geschäftsmäßig wahrgenommenen Amt zu einem des Zeugnisses des Evangeliums

Vermutlich kann niemand sein Leben und Wirken besser zusammenfassen, als es der Journalist und Biograph George Weigel in seinem Nachruf tat, in dem er schrieb, dass Johannes Paul II. das Papsttum „von einem geschäftsmäßig wahrgenommenen Amt zu einem des Zeugnisses für das Evangelium“ umgeformt habe. Weiter hebt Weigel die umfangreiche Lehrtätigkeit von Johannes Paul II. hervor und sein beharrliches Streben nach christlicher Einheit. Ja, er arbeitete wie unter Strom stehend. Dem Strom des Heiligen Geistes, der dem Mann aus Wadowice vermutlich auch die elektrisierend charismatische Ausstrahlung schenkte.

Seine bemerkenswerte Anziehungskraft zeigte sich auch in den „unvergesslichen Bildern“, die Weigel uns in Erinnerung ruft: „wie der jüngere Papst Kinder in die Luft hebt und der alte Papst sich im Gedenken über die Erinnerungsflamme von Yad Vashem beugt, wie der Papst die Federkrone eines Stammeshäuptlings in Kenia trägt und wie er Ski fährt“.

Worte und Taten, Philosophie und Theologie - Bei Johannes Paul II. war alles eins

Dabei hatte Wojtyla, neben dem Verlust der Familienmitglieder, 1941 starb sein Vater, schon früh einiges mitgemacht: Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges zwang den jungen Studenten, dessen Universität geschlossen wurde, im Untergrund weiter zu studieren, parallel zur Schwerstarbeit in einem Steinbruch und in einer Chemiefabrik. Während dieser Zeit trat er 1942 in das geheime Priesterseminar von Krakau ein und lebte bis 1945 in der Residenz des Krakauer Erzbischofs Sapieha, der ihn am 1. November 1946 zum Priester weihte. Was mag er empfunden haben, umgeben von so viel Leid und Zerstörung? Dass das Leben doch stärker ist? Heller als die größte Finsternis?

Zur Promotion in Philosophie ging Wojty³a nach Rom, zurück in Polen folgte 1948 der Doktor in Theologie. Schließlich Professuren in Krakau und Lublin. 1958 wurde er Weihbischof in Krakau. Von 1962 bis 1965 nahm er am Zweiten Vatikanischen Konzil teil, währenddessen er zum Erzbischof von Krakau ernannt wurde. Immer hatte er die Sorgen der einfachen Menschen im Blick. Ihre seelischen und körperlichen Probleme, weshalb er mit der Psychiaterin Wanda Pó³tawska eine Anlaufstelle für Familien gründete. Worte und Taten, Philosophie und Theologie, Freude und Schmerz – bei Johannes Paul II. war alles eins. Wahr. Authentisch.

Wahr und authentisch

Unvergesslich auch sein erster Heimatbesuch 1979, den zehn Millionen Polen verfolgten. Johannes Paul II. kam als Pilger und Mensch. Unvergessen das Attentat nur zwei Jahre später, als Mehmet Ali Agca den Pontifex mit Pistolenschüssen aus nächster Nähe schwer verletzte. Die Patrone schenkte der Heilige der Mutter Gottes von Fatima – als Dank für die Bewahrung des Lebens. Und Johannes Paul schuf ein weiteres unvergessenes Bild der christlichen Barmherzigkeit: Er besuchte den Attentäter im Gefängnis und vergab ihm. Ein visueller Katechismus, von dem man bis heute lernen kann.

Wie er überhaupt die Lehre der katholischen Kirche in vielen Bereichen bestätigt und bekräftigt hat. Schon seine Mitwirkung an „Humanae vitae“ Pauls VI. 1968 war prophetisch und ließ mit Blick auf künstliche Empfängnisverhütung und die kirchliche Ehelehre nichts zu

wünschen übrig. Folgerichtig erschien am 25. März 1995 – also genau vor 25 Jahren - die Enzyklika „Evangelium vitae“ – über den unvergleichlichen Wert der Person. Eine Dimension, die bei zu einseitiger Betonung der Schöpfung, der Erde, leicht aus dem Blick gerät. Der Papst schrieb damals: „Der Mensch ist zu einer Lebensfülle berufen, die weit über die Dimensionen seiner irdischen Existenz hinausgeht, da sie in der Teilhabe am Leben Gottes selber besteht.“ Dieser übernatürliche Aspekt, die Berufung des Menschen zu höherem als nur irdischem Dasein durchzog die Lehre des Heiligen.

Evangelium vitae: Schützenhilfe für die deutschen Lebensrechtler

Von der Lebensrechtsbewegung wurde die Enzyklika vor einem Vierteljahrhundert begeistert aufgenommen. Selbst evangelikale Lebensrechtler wie der damalige Geschäftsführer von Kaleb e.V., Walter Schrader, zeigten sich sichtlich erfreut über die römische Unterstützung. Die Schützenhilfe aus Rom wurde wenige Jahre später geradezu herbeigesehnt – in der Auseinandersetzung um den Beratungsschein, als nach der Gesetzesänderung des § 218 in Deutschland nur noch mit dem die Beratung bestätigenden Schein die Tötung des ungeborenen Kindes möglich sein sollte. Zwei Briefe des Heiligen an die Deutsche Bischofskonferenz waren notwendig, um den Ausstieg der katholischen Kirche aus diesem System zu bewirken. Auch an der deutschen Lebensrechtsbewegung ging diese Debatte nicht spurlos vorüber: In der Aktion Lebensrecht für Alle, ALfA e.V., gab es sowohl Scheingegner als auch Scheinbefürworter und es war ein hartes Ringen, schließlich den Weg aus der Scheinvergabe mehrheitlich zu befürworten.

Das klare Eintreten des großen Polen für das menschliche Leben brachte ihn, wie später auch Benedikt XVI., zu einer „ganzheitlichen Ökologie“. Auch für Johannes Paul II. war die Umweltzerstörung moralisch verwerflich und er sah sie als Konsequenz der aus dem „Lot geratenen Beziehung zwischen Mensch und Schöpfung“. Mehr Verantwortung für die Schöpfung war für ihn die „ökologische Berufung“ aller Christen, was auch in der Erklärung von Venedig 2002 zum Ausdruck kam.

Der Jahrtausend-Papst

Für das Recht auf Leben ist sein größtes Vermächtnis aber vielleicht sein öffentliches Leiden und Sterben. Sein Vermächtnis gegen Euthanasie. Dabei hat Johannes Paul II., so wird es deutlich in seinem Testament, zur Jahrtausendwende auch an Rücktritt gedacht: „Nach den Plänen der Vorsehung wurde es mir gegeben, im schwierigen Jahrhundert zu leben, das jetzt in die Vergangenheit eingeht, und jetzt, in dem Jahr, in dem mein Leben das achtzigste Jahr erreicht (,octogesima adveniens‘), muss man sich fragen, ob es nicht Zeit ist, mit dem biblischen Simeon zu sagen: ,Nunc dimittis‘.“

Das schon sehr unter Parkinson leidende Kirchenoberhaupt erkannte dann aber mit Blick auf das Attentat von 1981, dass ihn „die göttliche Vorsehung auf wunderbare Art vor dem Tod bewahrt“ habe. Das Leben von Johannes Paul II. gehörte von jenem Moment an noch mehr dem Schöpfer, dem unsichtbaren Herrn der Kirche.

Und heute, fast 15 Jahre nach seinem Tod, was ist geblieben von seiner Lehre, von seinem Zeugnis, von der Verehrung? Mein Herz fliegt ihm immer noch zu, wenn ich Bilder oder Filmausschnitte von ihm sehe – und ich bin dankbar, dass ich ihm begegnen und dieses Ausnahme-Pontifikat erleben durfte. Ich bin davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, ihn zum Lehrer der Kirche zu erheben, wie es die Bischöfe seines Vaterlandes wünschen. Auch als „Patron Europas“ würde Johannes Paul II. bestimmt eine sehr gute himmlische Figur machen. Und: Ohne ihn wäre mein Leben vermutlich völlig anders verlaufen. Danke, Johannes Paul II.

 

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