Der Künstler und die Unterhaltungsindustrie

Seine Fans können sich jedes Jahr auf einen neuen Spielfilm freuen: Woody Allen zum 80. Geburtstag. Von José García

Woody Allen-Nacht: WDR-dok: Woodys Welt - Neurosen aus New York
Neurosen in New York – Woody Allan hat ausführlich das Leben in seiner Heimatstadt analysiert. Foto: dpa

„Die existenziellen Themen sind die einzigen, für die es sich zu arbeiten lohnt. Immer wenn man sich mit anderen ausein-andersetzt, unterfordert man sich eigentlich“, schrieb Woody Allen Ende der 1980er Jahre. Der Beginn seiner Filmkarriere hatte allerdings kaum erwarten lassen, dass sich der gerade 80 Jahre alt gewordene Regisseur mit grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz beschäftigen würde. Die ersten Spielfilme des am 1. Dezember 1935 in Brooklyn als Allan Stewart Koenigsberg geborenen Woody Allen zeichneten sich vielmehr durch einen dem Slapstick nahen, anarchischen Humor sowie eine bissige, zuweilen zynische Gesellschaftskritik aus.

Auch wenn Schuld verdrängt wird – Gott sieht doch alles

Einen eigenständigen Stil fand Woody Allen erst im Jahre 1977 mit seinem sechsten Film „Der Stadtneurotiker“ („Annie Hall“), der mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Der Film traf – so schrieb damals ein Kritiker – „den Nerv der Zeit“. Mit „Annie Hall“ begann die Reihe der Oscar-Nominierungen in der Kategorie Drehbuch, in der Woody Allen mit 16 Filmen den Rekord hält (Billy Wilder wurde elfmal in dieser Kategorie nominiert). In „Der Stadtneurotiker“ befasste sich der Regisseur darüber hin-aus mit einem Sujet, das sich durch sein gesamtes Filmschaffen wie ein roter Faden zieht: Die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Unterhaltungsindustrie.

Das Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit stellt Woody Allen auf eine völlig neue Ebene in „The Purple Rose of Cairo“ (1985). Der ebenfalls für den Drehbuch-Oscar nominierte Film erzählt von einer von Mia Farrow dargestellten Kellnerin Cecilia, die sich im New Jersey der Depressionszeit aus ihrem unglücklichen Leben in die Phantasiewelt des Kinos flüchtet. Als sie sich zum wiederholten Male den Film „The Purple Rose of Cairo“ ansieht, wird dessen Hauptdarsteller neugierig – und steigt von der Leinwand herunter. Alarmiert von der Produktionsfirma begibt sich dessen Darsteller dorthin, um „seine“ Filmfigur auf die Leinwand zurückzuholen.

„The Purple Rose of Cairo“ reflektiert auf zwei Erzählebenen über das Kino als Ort der Sehnsüchte, des mittelbaren Lebens. Gegen das vermittelte Leben auf der Kinoleinwand oder auf dem Fernsehbildschirm begehrt die Hauptfigur eines Filmes auf, indem sie gegen ihre eigene virtuelle Existenz aufsteht. Sie „klagt ,Unmittelbarkeit‘ ein, fordert die ganze Fülle des nichtgelebten Lebens, den Reichtum der von den Medienklischees gefilterten und verfälschten ,Realität‘“ (Klaus Kreimeier). Das Lächeln Cecilias in der Schlussszene, in der sie im Kino ihrem unglücklichen Leben entflieht, stellt eine besonders schöne Hommage an das Kino dar.

In „The Purple Rose of Cairo“ spielt Mia Farrow zum dritten Mal in einem Woody-Allen-Film die Hauptrolle. Gerade in der Zeit, in der Regisseur und Schauspielerin durch eine Liebesbeziehung miteinander verbunden waren, drehte Woody Allen Spielfilme mit besonderem Tiefgang. Nach dem dramaturgisch komplexen „Hannah und ihre Schwestern“ (1986), der sich mit seinem auffällig hoffnungsvollen Ende von seinen meisten Filmen abhebt, realisierte Woody Allen mit „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ („Crimes and Misdemeanors“, 1989) einen seiner tiefgründigsten Spielfilme, der drei Oscar-Nominierungen erhielt. „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ handelt von einem angesehenen Augenarzt, der eine mit den Jahren langweilig gewordene Ehe führt, und deshalb aus Eitelkeit eine Affäre mit einer jüngeren Stewardess beginnt. Weil sie sich weigert, die dem Augenarzt immer lästiger fallende Beziehung zu beenden, sieht dieser keinen anderen Ausweg, als die Geliebte umbringen zu lassen. Nach der Tat wird er von Gewissensbissen geplagt, aus der Tiefe religiöser Überzeugungen, die er von seinem Vater – einem jüdischen Rabbiner – gelernt hatte, aber schon lange vergessen zu haben glaubte. In einer Parallelhandlung arbeitet ein Dokumentarfilmer an einem Porträt seines oberflächlichen, als Fernsehproduzent aber höchst erfolgreichen Schwagers, womit der Film die Auseinandersetzung zwischen (Film-)Kunst und oberflächlichem (Fernseh-)Konsum thematisiert. Eigentlich besteht „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ aus zwei Parallel-Filmen.

Im Haupterzählstrang bietet „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ eine ausgezeichnete Studie des „Schuld und Sühne“-Sujets, des moralischen Verfalls: „Auf Ehebruch und Unzucht folgen Lüge und Mord“, gesteht sich der Augenarzt selbst. Wenn er zuletzt die Schuld verdrängt, dann „haben sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet“, heißt es dazu. Im Grunde handelt „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ von der Suche nach Gott, der „alles sieht“ – womit dem Beruf des Augenarztes Symbolcharakter zukommt. Nach der Trennung von Mia Farrow im Jahre 1992 erfuhr Allens Filmschaffen eine deutliche Zäsur. Zwar dreht der Regisseur weiterhin Jahr für Jahr einen Spielfilm nach selbstverfasstem Drehbuch, aber die filmische Qualität dieser Filmwerke schwankt seitdem sehr. Meistens geht das Drehbuch von einem einzigen Kerngedanken aus, das zwar manchmal als genial bezeichnet werden kann, aber nicht immer für einen abendfüllenden Spielfilm trägt.

Unbewältigte Gegenwart führt zu Problemen

Unter den Woody-Allen-Filmen der letzten Jahre wurde insbesondere „Midnight in Paris“ (2011) ein großer Publikumserfolg. Obwohl der Film komödiantische Töne anschlägt, die ihn von der melancholischen Stimmung in „The Purple Rose of Cairo“ abheben, loten beide Filme das Verhältnis zwischen Kunst und Leben aus. Den nostalgischen Blick auf ein vermeintliches Goldenes Zeitalter stellt die durchaus moralische Erzählung von „Midnight in Paris“ als Wirklichkeitsflucht bloß: Wer seine Gegenwart nicht bewältigt, findet sich in keiner von ihm auch noch so verklärten Vergangenheit zurecht.

Auffällig in Allens Filmschaffen der letzten Jahre ist die Beschäftigung mit dem Dostojewskis großem Roman „Schuld und Sühne“ (in der Neuübersetzung „Verbrechen und Strafe“) entnommenen Motiv des „moralisch vertretbaren Mords“. Nach „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ inspirierte dieses Motiv sowohl „Match Point“ (2005) und „Cassandras Traum“ (2007) als auch seinen aktuellen, kürzlich angelaufenen Film „Irrational Man“ (DT vom 12. November). Darin spielt der Zufall keine unbedeutende Rolle und sorgt für die Wiederherstellung der moralischen Ordnung. Selbst wenn Woody Allen in den letzten zwei Jahrzehnten eher leichtere Filmsujets bevorzugte, behandelt der New Yorker Regisseur doch hin und wieder die „existenziellen Themen“, die seine besten Filme aus den 1980er Jahren auszeichneten. Ob er sich weiterhin damit befasst, bleibt abzuwarten. Denn auch mit 80 Jahren scheint die Kreativität Woody Allens ungebrochen. Auf seinen jährlichen Spielfilm dürfen sich seine Fans auf der ganzen Welt zukünftig weiterhin freuen.