Der Künstler und die Ewigkeit

„Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ setzt den Schaffensdrang eines Malers in Bilder um. Von José García

Vincent van Gogh (Willem Dafoe) malt Doktor Paul Gachet (Mathieu Amalric) – eins der letzten und auch der bekanntesten Porträts des niederländischen Künstlers. Foto: dcm
Vincent van Gogh (Willem Dafoe) malt Doktor Paul Gachet (Mathieu Amalric) – eins der letzten und auch der bekanntesten P... Foto: dcm

Der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853–1890) gilt zusammen mit Paul Cézanne (1839–1906) und Paul Gauguin (1848–1903) als Wegbereiter der Moderne. Als er mit 37 Jahren starb, hinterließ van Gogh nach heutigem Wissensstand 864 Bilder und mehr als tausend Zeichnungen sowie eine umfangreiche Korrespondenz. In den letzten 70 Tagen seines Lebens malte der Künstler etwa 90 Gemälde. Zu seiner Lebenszeit verkaufte Vincent van Gogh ein einziges Bild. Die Kunstwelt und erste Sammlung erkannten den Wert seiner Werke erst 15 Jahre nach seiner Selbsttötung.

Über Vincent van Gogh wurden bereits etliche Filme gedreht. Besonders bekannt ist „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ (Regie: Vincente Minnelli und George Cukor) aus dem Jahre 1956 mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Auf die letzten Tage und Wochen seines Lebens konzentrieren sich „Van Gogh“ (1991) von Maurice Pialat und zuletzt „Loving Vincent“ von Dorota Kobiela und Hugh Welchman“ (DT vom 30.12.2017), der als eine Art Thriller die letzten Wochen im Leben des Künstlers zu rekonstruieren versucht und die Handlung aus der überlieferten Korrespondenz des Künstlers entwickelt, die dann in eine Art Animationsfilm umgesetzt wird.

Der 1951 geborene Julian Schnabel, der selbst als Künstler mit eigenen Werken in zahlreichen Museen der ganzen Welt vertreten ist, bietet eine ganz besondere Annäherung an die Inspiration eines Malers – weitaus tiefer als etwa in seinem Spielfilmdebüt „Basquiat“ (1996). Der Film setzt in dem Moment an, als Vincent van Gogh entscheidet, Paris den Rücken zu kehren, und sich in die Dörfer Arles und Auvers-sur-Oise zurückzuziehen. Dort wird er von einigen liebevoll, von anderen aber teils brutal behandelt. Madame Ginoux (Emmanuelle Seigner), die Besitzerin eines Restaurants, hat wegen seiner Armut Mitleid mit dem Künstler, dem sie ein Heft schenkt. Van Gogh füllt das Heft nach und nach mit Zeichnungen. Sein Künstlerkollege und guter Freund Paul Gauguin (Oscar Isaac) besucht ihn zwar, verlässt ihn aber bald wieder, weil er van Goghs düsteren Charakter nicht erträgt. Allein sein geliebter Bruder, der Kunsthändler Theo, unterstützt Vincent auch finanziell.

Das Drehbuch des Schriftstellers Jean-Claude Carriere setzt insbesondere die Briefe des Künstlers an seinen Bruder Theo van Gogh in eine Filmhandlung um. „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ übersetzt denn auch die Ideen über die Kunst des niederländischen Malers in eine Bildsprache, die von der Online-Zeitschrift Indiewire als „impressionistisch“ bezeichnet wurde: „Ich möchte ein neues Licht entdecken für Gemälde, die man noch niemals gesehen hat ... Was ich sehe, kann sonst niemand sehen“, sagt der Künstler aus dem Off.

Dafür setzt Schnabel eine sehr bewegte Kamera ein, die manchmal Nahaufnahmen der Gesichter bietet, wie der Regisseur sie etwa in „Schmetterling und Taucherglocke“ (DT vom 27.3.2008) benutzt hatte, und auch einen springenden Schnitt, der den „impressionistischen“ Eindruck betont. Der Filmtitel „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ erklärt sich aus einer weiteren Aussage des Künstlers: „Ich wollte den andern nahebringen, was ich sehe. Jetzt denke ich nur noch über meine Beziehung zur Ewigkeit nach.“

Der Film vermittelt ebenfalls die Sehnsucht nach der Ewigkeit, nach dem Gott des niederländischen Malers – „Oh Gott, wirst Du Deinen Sohn aufnehmen?“ – dank auch der wunderschönen Klaviermusik von Tatiana Lisovskaia. Julian Schnabel gelingt es, wie in kaum einem anderen Spielfilm vorher den Schaffensdrang eines Künstlers, das Geheimnis des künstlerischen Schaffens zu vermitteln.

Der Film ist bis in winzige Nebenrollen mit hervorragenden Schauspielern besetzt. Sie alle überragt aber ein Willem Dafoe, der vielleicht die beste Rolle seines Lebens spielt. Dafür gewann er die „Coppa Volpi“ für den besten Darsteller bei den Filmfestspielen Venedig, und wurde für den diesjährigen Oscar nominiert.

Julian Schnabels Spielfilm „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ nimmt den 130. Todestag des Künstlers vorweg. Aus dem Anlass werden ab dem Herbst mehrere Ausstellungen des Malers gedenken: Das Frankfurter Städel Museum stellt in der Ausstellung „Making Van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe“ ab dem 23. Oktober die Rolle deutscher Galeristen, Sammler, Kritiker und Museen für die Erfolgsgeschichte der Malerei van Goghs in den Mittelpunkt. Gezeigt werden etwa 140 Gemälde und Arbeiten auf Papier, darunter über 45 zentrale Werke von van Gogh. Das Museum Barberini Potsdam richtet ab dem 26. Oktober die erste Ausstellung zu den Stillleben des niederländischen Malers aus: „Van Gogh. Stillleben. Reflexionen über den Alltag: Schuhe, Blumen und Theos Briefe“.