„Der Konflikt muss spirituell gelöst werden“

Was französische Zeitungen nach der Ermordung des Priesters Jacques Hamel schreiben – Diskussion über journalistischen Umgang mit Attentätern. Von Alexander Riebel

Pariser Zeitungsverkäufer
Wie wird es weitergehen mit dem Islam in Frankreich? Zeitungskiosk nahe der Oper in Paris. Foto: dpa
Pariser Zeitungsverkäufer
Wie wird es weitergehen mit dem Islam in Frankreich? Zeitungskiosk nahe der Oper in Paris. Foto: dpa

„Wenn Abbé Hamel kein Märtyrer ist, was ist er dann?“, sagte Jean-François Colosimo im Interview mit der französischen Tageszeitung „Le Figaro“. Der Essayist, Herausgeber und Autor von „La malédiction des chrétiens d'Orient“ (Der Fluch auf den Christen im Orient, Fayard Verlag), erklärte, das Attentat in der Kirche sei unvermeidbar gewesen. Denn der islamische Staat führe einen Krieg der Religionen, und in der Vorstellung der Terrororganisation sei es nicht mehr die Frage, ob Europa, Amerika oder das „Königreich des Kreuzes“ das Ziel ist. Dennoch, das Gespräch mit dem Islam müsse fortgesetzt werden. „Mittelalterlich“ seien die Djihadisten allerdings nicht. ganz im Gegenteil sind sie für Colosimo die Vollstrecker der Moderne, die in ihrer Welt blutige Opfer und Technik mischen: der Gipfel des Nihilismus. Die Lösung des Problems könne nur eine spirituelle sein, denn die Djihadisten vergöttlichen den Tod, meinte Colosimo.

Die französischen Zeitungen führen eine sehr engagierte Auseinandersetzung über die Bedrohung durch den Islamismus. Auch über den journalistischen Umgang mit dem Thema. So hat jetzt die Zeitung „le Monde“ erklärt, sie wollen kein Foto mehr von Attentätern zeigen, um eine Verherrlichung nach deren Tod zu vermeiden. man wolle so der „Strategie des Hasses“ widerstehen. Der Chefredakteur des „Figaro“, Alexis Brézet, hat in seiner Zeitung ein Interview veröffentlicht unter dem Titel „Es ist wichtig, die zu benennen und zu identifizieren, die uns bekämpfen“. Brézet vertritt diese Auffassung entschieden gegen diejenigen, die in den Medien die Herkunft von Terroristen anonym halten wollen, wie etwa die katholische Zeitung „La Croix“ oder „Radio Europe 1“. Für Brézet ist die Nennung der Namen der Terroristen ein Element objektiver Information. Auch Brézet sieht bei Fotos die Gefahr der Glorifizierung der Täter, aber ein sachliches und diskretes Foto sei dennoch notwendig.

„Terrorismus: Der Gewalt widerstehen – ein täglicher Kampf“, ist ein Artikel in „La Croix“ überschrieben. Nach dem barbarischen Mord in Saint-Étienne-du-Rouvray widerstehen viele Christen mit Worten wie „Ruhe“, „Würde“ oder „Anstand“, ist hier zu lesen. Andere sagten, das sei ein Zeichen von Naivität. „Die Wut ist verständlich, aber sicher, sie ist legitim“, sagte Pater Christian Delorme, Delegierter beim interreligiösen Dialog in Lyon. Manche spreche manchmal von „heiliger Wut“, vergleichbar Christi bei den Tempelhändlern. Diese Wut sei heute nicht gegen bestimmte Personen gerichtet, sondern gegen eine Situation der Ungerechtigkeit. Den Attentätern verzeihen ist kein Zeichen von Ohnmacht, hob Adrien Candiard, Dominikaner vom Convent von Le Caire, hervor.

Für den atheistischen Philosophen Michel Onfray, der der „Famille Chrétienne“ ein Interview gegeben hat, ist der Ausdruck „barbarisch“ im Zusammenhang mit dem Mord bei Rouen „verboten“. Onfray sieht keinen Unterschied zwischen der Tötung von Menschen durch Islamisten oder durch einen Krieg und fordert eine Politik, die auf Gewaltlosigkeit abzielt – Beten und Verzeihen genügen in der Politik nicht, erklärte der Atheist.

Und wie reagiert die Politik auf das Attentat? Gestern erklärte Premierminister Manuel Valls, wie „Le Monde“ berichtete, es gebe eine „unüberwindliche Linie: den Rechtsstaat“. „Meine Regierung wird in Frankreich kein Guantanamo errichten“, sagte Valls. „Dieser Krieg, der sich nicht auf Frankreich bezieht, wird lange dauern und wir werden von noch mehr Attentaten erfahren.“ Valls gibt sich siegessicher, denn Frankreich habe eine Strategie, den Krieg zu gewinnen: nämlich außerhalb der eigenen Grenzen werde man den Feind „zerdrücken“. Die Beziehungen zum Islam müssten neu überdacht werden. „Die Linke ist gelähmt“, hatte bereits am Mittwoch Nicolas Sarkozy von der Opposition gesagt, wie „Le Monde“ im selben Beitrag schreibt.

Auch die Tageszeitung „Le Parisien“ nimmt den Gedanken von Valls auf, die Beziehungen zum Islam neu zu ordnen. Salafisten hätten künftig keinen Platz mehr in Frankreich. Auch die Finanzierung von Moscheen müsse neu überdacht werden.