Der Kölner Dom wird nun mit fünf meteorologischen Messstationen geschützt

Neue Erkenntnisse über die Kathedrale geben die eindrucksvollen Beiträge im „Kölner Domblatt“. Von Constantin Graf von Hoensbroech

Ein Hängegerüst am Nordturm des Kölner Doms. Foto: Hoensbroech
Ein Hängegerüst am Nordturm des Kölner Doms. Foto: Hoensbroech

Der Kölner Dom schwankt. Doch wie bewegen sich die Türme der mächtigen Kathedrale? Sind es Schwingungen von gerade einmal drei Millimetern oder messen sie – bei besonders intensiven Stürmen mit Windgeschwindigkeiten von 110 Stundenkilometern – gar bis zu drei Meter? Valide Ergebnisse werden wohl Ende 2012 bei der Vorstellung des nächsten „Kölner Domblatts“ vorliegen, denn der aktuell dieser Tage vorgelegten Jahresgabe des Zentral-Dombau-Vereins ist im Bericht der Dombaumeisterin zu entnehmen: „Neben der Erdbebenmessstation im Nordturm auf 130 Meter Höhe wurde auch eine Wetterstation eingebaut und verkabelt. (...) In Zukunft kann abgelesen werden, bei welcher Windgeschwindigkeit sich der Turm wie stark bewegt.“ Damit gibt es nun fünf meteorologische Messstationen am Dom.

Auch die weithin sichtbaren Gerüste gibt es noch. Spannend nachzulesen ist im Bericht von Professor Barbara Schock-Werner, wie die Gerüstbaukolonne das neue Hängegerüst am Nordturm mit sogenannten technischen Ketten installierte. Der wie immer sehr detaillierte und sorgfältig verfasste Bericht listet darüber hinaus zahlreiche weitere Arbeiten auf, die im Berichtszeitraum neu begonnen oder weitergeführt wurden. So beispielsweise die unterschiedlichen Steinmetzarbeiten, Maßnahmen auf dem Domherrenfriedhof, Reinigung und Restaurierung von Figuren sowie Holz-, Maler- und Metallarbeiten, natürlich Arbeiten an Glasgemälden und Fenstern bis hin zu den Glocken – in dieser 76. Folge des Domblatts ein längeres Kapitel. So geht Schock-Werner selbstverständlich ausführlich auf den abrupten Abbruch des – kürzlich wieder eingesetzten – Klöppels aus der Petersglocke in der Anläutphase zum Hochamt am Dreikönigstag ein (die „Tagespost“ berichtete).

Doch nicht nur der Bericht der Dombaumeisterin in diesem weltweit wohl einzigartigen wissenschaftlichen Periodikum über das Geschehen an einer Kathedralkirche gibt einen Einblick und ein Gespür für die alltägliche Arbeit von Dombauverwaltung und Dombauhütte. So beleuchten einige dem Tätigkeitsbericht vorangestellte Aufsätze einige überraschende Facetten aus der (archäologischen) Geschichte, etwa über Funde aus der rheinfränkischen Zeit im fünften Jahrhundert, die Bedeutung der reich ausgestatteten fränkischen Gräber unter dem Dom oder die Würdigung eines mittelalterlichen Graffiti auf der Trennwand zum gotischen Chor als „Letzte Nachrichten aus dem Alten Dom“. Dass Barbara Schock-Werner erst auf der zweiten Seite des Inhaltsverzeichnisses mit ihrem Bericht aufgeführt wird, ist dem Umstand geschuldet, dass diese Aufsätze eine Festschrift darstellen, die Georg Hauser gewidmet ist. Nach über drei Jahrzehnten am Dom, davon 24 Jahre als Grabungsleiter, wurde der Archäologe in den Ruhestand verabschiedet. Seine Chefin folgt ihm demnächst, ihre Tätigkeit endet im Laufe des Jahres 2012. Ab April arbeitet sie ihren Nachfolger ein, den derzeitigen Passauer Dombaumeister Michael Hauck, der laut „Domblatt“ vom Domkapitel, „das sich von einer eigens einberufenen Arbeitsgruppe aus Kapitelsmitgliedern sowie in- und externen Fachleuten beraten ließ“ ab dem 1. September 2012 die „alleinige Verantwortung als Dombaumeister übernimmt“.

Dass Hauser und Schock-Werner sowie die Mitarbeiter der Dombauhütte wieder ein arbeitsreiches Jahr hinter sich bringen konnten, liegt auch am Zentral-Dombau-Verein. Mit über 4,3 Millionen Euro hat er im vergangenen Jahr wieder einmal rund 60 Prozent der Erhaltungskosten finanziert. „Das soll auch so bleiben“, verspricht ZDV-Präsident Michael Hoffmann. Wie der im „Domblatt“ veröffentlichten Vereinsrechnung zu entnehmen ist, bilden die Lotterieerträge in Höhe von fast 1,5 Millionen Euro aus dem „Spiel 77“ die wesentliche Einnahmequelle des Vereins zur Verwirklichung seines satzungsgemäßen Auftrags, allein für die bauliche Erhaltung des Domes aufzukommen. Bemerkenswert ist auch, dass sich die Mitgliederzahl des 1842 gegründeten Vereins in den vergangenen zwei Jahren von etwa 10 800 auf 13 000 positiv entwickelt habe.

Ohne die finanziellen Leistungen des Zentral-Dombau-Vereins wäre das Kölner Wahrzeichen und Gotteshaus nach 1945 wohl nicht so rasch von vielen der zahlreichen Kriegsverwundungen genesen. Wie es dazu gekommen ist, darüber gibt ein seit einigen Monaten vorliegendes Buch aus dem Verlag Kölner Dom Auskunft: „Der Kölner Dom im Zweiten Weltkrieg“ heißt die Arbeit des Historikers Niklas Möring. Der mit zahlreichen teilweise bislang noch nicht veröffentlichten Bildern versehene Band schildert die umfangreichen Anstrengungen zum Schutz des Domes und seiner Kunstschätze, aber eben auch die zahlreichen Schäden durch den Krieg. Spannend ist zu erfahren, warum es eigentlich nicht schlimmer gekommen ist, als das eigentlich angesichts der zahllosen Angriffe auf Köln zu erwarten gewesen wäre. Vielleicht noch spannender zu erfahren ist es, warum die Kathedrale – wie vielfach bis heute behauptet – von den alliierten Bomberpiloten eben nicht bewusst verschont geblieben ist. Dabei berichtet Möring auch von bekannten und unbekannten Menschen, die sich persönlich und teilweise unter Einsatz ihres Lebens für den Dom in den Tagen des Krieges eingesetzt haben. Etwa beim Einsatz der Domplombe – über 27 000 Ziegelsteine, die in das große Loch in einen Stützpfeiler nach einem Treffer durch eine Fliegerbombe eingesetzt wurde. In der kölnischen Stadtgesellschaft hatte die Frage nach ihrem Ersatz oder ihrem Beibehalten als einer Art Mahnmal bis zur definitiven Entscheidung für die Restaurierung zu teilweise turbulenten Debatten geführt.

Neue Bewegung kommt in eine andere turbulente Debatte: die Frage nach der würdigen Domumgebung. Nun hat der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters angekündigt, im Jahr 2012 an der Nordseite des Domes mit der Umsetzung eines Gesamtkonzepts für eine dem Gebäude angemessene Umgebung zu beginnen. Dazu sollen zunächst die als „Betonpilze“ bekannten Überdachungen einer Bushaltestelle für eine elegantere Lösung Platz machen und so einen unverstellten Blick auf diese Seite der Kathedrale ermöglichen. Später wird dann die Aufwertung der Ostseite, einer der wohl unappetitlichsten innerstädtischen Areale Kölns, in mehreren Phasen realisiert.

Ganz unaufgeregt geht es hingegen aktuell in den Gewölben der Domschatzkammer zu. Dort sind zurzeit in der sogenannten Heiltumskammer 16 Objekte aus dem Hildesheimer Domschatz ausgestellt. „Himmlischer Glanz“ heißt die Schau, die ein beeindruckendes Bild von der Goldschmiedekunst des Mittelalters zeigt. Weil der Hildesheimer Domschatz von schweren Verlusten während der Säkularisation verschont blieb, gibt es deutschlandweit nur sehr wenige Kirchen, die über eine solche Fülle hochrangiger Schatzstücke verfügen. Da der Hildesheimer Dom sowie das dortige Museum derzeit umgebaut werden, zeigen andere in- und ausländische Schatzkammern herausragende Stücke. Aus dem frühen 15. Jahrhundert etwa das turmartige Reliquiar der Dompatrone, ein Büstenreliquiar mit einer Schädelreliquie des heiligen Papstes Silvester oder etwa den Bischofsstab des heiligen Bernward, in dessen Krümmung eine goldglänzende Muttergottes thront.