Würzburg

Der "Kluge Hans" und die Meinungsoligarchie

Im öffentlichen Diskurs herrscht echte Meinungsfreiheit oft nur für den, dessen Gesinnung genehm ist. Viele Bürger schweigen dazu. Ein Indiz lustvoller Selbstentmachtung.

Horse sitting at the table with computer. Allegory hard work. Wo

Das Denken – so empfiehlt der Volksmund – sollte man den Pferden überlassen, denn die haben größere Köpfe. Den Versuch, die kognitiven Fähigkeiten von Pferden zu beweisen, unternahm um 1900 der exzentrische ehemalige Gymnasiallehrer Wilhelm von Osten, der der staunenden Öffentlichkeit ein Pferd vorführte, das er „Kluger Hans“ nannte und das angeblich in der Lage war, arithmetische Aufgaben zu lösen. „Hans“ beantwortete die ihm gestellten Fragen durch Klopfen mit dem Huf, durch Kopfschütteln oder nicken. Der Psychologe Oskar Pfungst kam in seiner Untersuchung des vermeintlichen Wunderpferds allerdings zu dem Ergebnis, dass dessen eigentliche bemerkenswerte Fähigkeit nicht etwa das Rechnen war, sondern ein ausgeprägtes Gespür dafür, welche Reaktion der Fragesteller von ihm erwartet.

Verdächtige Positionen verschwinden

Wie die sozialwissenschaftliche Forschung festgestellt hat, gibt es einen solchen „Kluger-Hans-Effekt“ auch beim Menschen: Das natürliche Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz veranlasst Menschen dazu, sich beim Beantworten von Fragen durch ihre Einschätzung darüber, was der Fragesteller hören möchte, beeinflussen zu lassen. Ein mit diesem „Kluger-Hans-Effekt“ eng verwandtes Phänomen beschrieb die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann im Rahmen ihrer in den 1970er Jahren entwickelten Theorie der öffentlichen Meinung mit dem Begriff „Schweigespirale“: Menschen neigen dazu, Meinungen zu verschweigen, von denen sie (ob zu Recht oder zu Unrecht) annehmen, diese seien unpopulär. Als „Spirale“ wird dieser Effekt deshalb bezeichnet, weil er die Tendenz aufweist, sich fortwährend selbst zu verstärken: Je weniger ein bestimmter Standpunkt im öffentlichen Diskurs präsent ist, desto weniger wagen Menschen es, sich zu ihm zu bekennen. Auf diese Weise werden Positionen, die einmal in den Verdacht geraten sind, gesellschaftlich unerwünscht zu sein, nach und nach nahezu gänzlich aus dem Diskurs ausgeschieden.

"Auch fehlerhafte Ansichten müssen artikuliert
werden können, nicht zuletzt auch, damit die Gegenposition
an ihnen ihre Argumentation schärfen kann."

Die Auswirkungen, die das Internet auf diesen Mechanismus der „Schweigespirale“ und die daraus resultierende Diskursverarmung hat, sind indes zwiespältig. Einerseits ermöglichen Online-Medienformate den in Gesellschaft und Politik vorherrschenden Meinungen eine schnellere und umfassendere Verbreitung und somit potenziell einen nie zuvor dagewesenen Einfluss auf die Meinungsbildung in der Bevölkerung; andererseits eröffnen aber auch gerade die sozialen Netzwerke gesellschaftlich marginalisierten Interessengruppen den Aufbau ihrer eigenen „Gegenöffentlichkeit“. Was vielfach mit abwertenden Begriffen wie „Filterblase“ oder „Echokammer“ bezeichnet wird, könnte man auch als die „gallischen Dörfer“ des Informationszeitalters betrachten: als Reservate oder Oasen für Meinungen, die in der breiten Öffentlichkeit als extrem oder unzeitgemäß abgelehnt und daher der Schweigespirale anheimfallen würden, in Kreisen Gleichgesinnter aber weiterhin artikuliert und sogar bestärkt werden können. Es steht zu vermuten, dass genau dies ein Grund dafür ist, dass Meinungsführer in Politik und Medien der Meinungsvielfalt im Internet misstrauisch gegenüberstehen und nach Wegen zu ihrer Eindämmung beziehungsweise Regulierung suchen.

Dem Konzept der Meinungsfreiheit fremd

Die in diesem Zusammenhang nicht selten mehr oder weniger explizit geäußerte These, man müsse die Meinungsfreiheit gewissermaßen davor schützen, auch für „extreme“ Meinungen in Anspruch genommen zu werden, stellt allerdings eine Begriffskorruption von geradezu Orwellscher Qualität dar. Die Vorstellung, man könne oder müsse a priori zwischen akzeptablen und inakzeptablen Meinungen unterscheiden, ist dem Konzept der Meinungsfreiheit, wie es die Geschichte der bürgerlichen Demokratien geprägt hat, vollkommen fremd. Das bürgerliche Ideal der Meinungsfreiheit ist in gewissem Sinne als das aus dem ökonomischen Bereich auf die Welt der Ideen übertragene Prinzip des freien Marktes zu verstehen: Vom freien Konkurrenzkampf der Anbieter erhofft man sich die höchste Qualität des Produkts. Genau daraus erklärt sich der hohe Wert, den demokratische Staats- und Gesellschaftsentwürfe traditionell auf die Meinungsfreiheit legen: Im Wettbewerb der Ideen soll sich herauskristallisieren, welches der beste Weg für das Gemeinwesen ist. Eine so verstandene Meinungsfreiheit schließt auch ein Recht auf Irrtum notwendig mit ein: Auch fehlerhafte Ansichten müssen artikuliert werden können, nicht zuletzt auch, damit die Gegenposition an ihnen ihre Argumentation schärfen und so ihre Plausibilität erweisen kann – und damit auch der Irrende die Chance erhält, korrigiert zu werden. Bestimmte Meinungen von vornherein als illegitim aus dem Diskurs auszuscheiden, stellt nach dieser Sichtweise eine Wettbewerbsverzerrung dar, die sich letztlich nur zum Schaden des ganzen Gemeinwesens auswirken kann.

Dieses klassisch liberale Konzept von Meinungsfreiheit ist selbstverständlich ein Kind der Aufklärung, es geht vom mündigen Staatsbürger aus und davon, dass die Staatsgeschäfte eine „res publica“, eine öffentliche Angelegenheit seien – etwas, das jeden Staatsbürger angeht und worüber deshalb auch jeder Staatsbürger mitzuentscheiden habe. Dem steht in jüngster Zeit zunehmend die mehr oder weniger explizit artikulierte Idee einer Abdrängung der Meinungsfreiheit ins Private gegenüber: Privat dürfe ja jeder Mensch glauben und denken was er wolle, aber im öffentlichen Diskurs hätten bestimmte Meinungen schlichtweg nichts zu suchen. Implizit spricht daraus die Überzeugung, über Fragen von öffentlichem Belang hätten eben nicht alle mitzureden, sondern nur jene, die die richtige Gesinnung haben. Wer aber legt fest, welche Gesinnung die richtige ist?

Lustvolle Selbstentmachtung des Bürgers

Dass die Auffassung, zu einer Vielzahl von politischen und sozialen Fragen dürfe es legitimerweise keine widerstreitenden Meinungen geben, in der Bevölkerung an Akzeptanz zu gewinnen scheint, könnte man als Indiz einer lustvollen Selbstentmachtung des Bürgers betrachten. Neben dem bereits angesprochenen Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz, das sich nicht selten in einem Hang zum Konformismus äußert, mag allerdings auch ein Gefühl der Überforderung mit der Komplexität globaler Zusammenhänge, seien sie sicherheitspolitischer, ökonomischer oder nicht zuletzt ökologischer Natur, ursächlich für solche Tendenzen sein: Lieber hat man nichts zu entscheiden, als dass man eine falsche Entscheidung riskierte. Entscheidungen, deren Tragweite der Normalbürger gar nicht absehen kann, möchte man lieber „Experten“ überlassen. Aus diesem Grund erfreuen sich Behauptungen wie die, 97 Prozent der Fachwissenschaftler seien sich einig über die Ursachen des Klimawandels, so großer Beliebtheit: Das schwindende Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit korrespondiert mit einer naiven, ja geradezu abergläubischen Wissenschaftsgläubigkeit. Zweifel an der „Fiktion des Expertentums“ (Alasdair MacIntyre) werden dementsprechend als Häresie wahrgenommen, die bestraft werden muss – mindestens mit dem Ausschluss aus dem Diskurs.

Die beispielsweise im Umfeld der „Fridays for Future“-Bewegung kursierende Idee einer „Experten“-Regierung, die Sachentscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse trifft, mag man in ihrer Radikalität für unrealistisch halten; indes steht bereits das Konzept einer von angeblich objektiven Sachzwängen bestimmten und darum „Alternativlosigkeit“ beanspruchenden Realpolitik in einem kaum verkennbaren Spannungsverhältnis zum Grundgedanken der liberalen Demokratie: Eine solche Politik tendiert dazu, demokratische Prozesse zu einer reinen Formalität zu degradieren und dem Bürger nur die Wahl zu lassen, zu nicken, den Kopf zu schütteln oder mit dem Fuß aufzustampfen. Ganz wie der „Kluge Hans“ eben.