Der Kapitalismus zeigt sich als zynisch, aber nicht als tödlich

Der „Fliegende Holländer“ in seiner Inszenierung durch Jan Philipp Gloger enttäuscht bei den Bayreuther Festspielen. Von Reinhard Nixdorf

Stürmisch ging es zu, damals, 1839, vor 175 Jahren, auf der Schiffsreise von Pillau nach London, die Richard Wagner seine Bekanntschaft mit dem fliegenden Holländer machen ließ und ihn veranlasste, dieses Thema für seine erste Oper auszuwählen, die er einer Aufführung bei den Festspielen als würdig erachtete, auch wenn er selbst die erste Präsentation bei den Bayreuther Festspielen im Jahr 1901 nicht mehr miterleben konnte. Dabei hatte die Uraufführung des Werkes 1843 in Dresden wenig Erfolg gehabt. Nach nur vier Aufführungen wurde die Oper wieder abgesetzt. Doch Wagner glaubte an seinen „Holländer“, ergänzte 1860 den sogenannten „Erlösungsschluss“, den er auch in der Ouvertüre aufnahm, verlegte die Handlung der Urfassung von Schottland nach Norwegen und schuf ein Werk, das zwar noch ariose Strukturen aufweist, aber schon den Weg zum durchkomponierten Musikdrama erkennen lässt.

Meer und Wind drücken Ausweglosigkeit, Stillstand und Veränderung aus, gegen die der Mensch nichts ausrichten kann. Aber abfinden kann sich der Mensch damit auch nicht. Er will ankommen, landen, zum Ziel kommen, erlöst werden. 1851 sprach Richard Wagner in seiner „Mitteilung an meine Freunde“ von einer geradezu antiken griechischen Sehnsucht in seinem „Holländer“, von einer „Sehnsucht nach der Heimat, Haus, Herd und Weib“. Aber wie setzt Jan Philipp Gloger diesen Kampf um Erlösung in seiner Inszenierung des Fliegenden Holländers am Grünen Hügel, die mittlerweile ins dritte Jahr geht, um? Aus dem Fliegenden Holländer, bei Richard Wagner ein Verdammter, der so lange auf seinem Gespensterschiff über die Meere segeln muss, bis ihn eine liebende, treue Frau von seinem Fluch erlöst, wird in Glogers Inszenierung ein Manager und das Meer zum Datenmeer, zu einem Labyrinth aus riesigen Röhren-Gestellen, die mit ihrem Flackern an Computer-Platinen erinnern. Glogers Holländer ist eine Art „König Midas“, dazu verurteilt, alles, was er berührt, zu Gold zu machen, oder, um im Bild unserer Zeit zu bleiben, Profit zu maximieren um jeden Preis. Das hat ihn gezeichnet, wie ein schwarzes, lepröses Mal zeigt, das ekelt ihn an: Geld, Luxus, Sex, Geschäftsreisen rund um den Globus, der ewige Tanz ums Goldene Kalb.

Als der Holländer auf Daland trifft – bei Wagner Kaufmann, in Glogers Inszenierung Produzent von Ventilatoren –, wittert er seine Chance, auszusteigen und schließt mit Daland sein letztes Geschäft ab: Dalands Tochter Senta soll ihm Heimat und Treue liefern. Dann kann er aussteigen, dann ist er erlöst. Doch Glück lässt sich nicht kaufen – und Erlösung noch viel weniger. Aber Gloger entwickelt seine Idee nicht weiter. Warum will der Holländer unbedingt aus der Profit-Welt aussteigen, wenn es doch allen gut geht: Strahlend halten Dalands Männer Einzug – bei Wagner sind es Seeleute, Gloger hat sie in Büroangestellte verwandelt. Im stampfenden Matrosenchor-Takt lassen sie sich vom Steuermann, in Glogers Inszenierung Prokurist, verkaufsgierig machen. Stolz führen ihre Frauen die Kleider vor, die ihnen die Männer mitgebracht haben. Selbst der Einbruch der verstörenden Geister ist rasch fortgewischt: Es sind ja ebenfalls Büroangestellte, bloß mit anderer Unternehmensidentität: also wird fusioniert.

Hätte Gloger durchblicken lassen, dass der moderne Kapitalismus ein Wirtschaftssystem ist, das tötet, wie es Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ angeklagt hat, es wäre klar geworden, weshalb der Holländer aussteigen will. Die Spinnstube im zweiten Akt hätte sich dazu bestens angeboten: Gloger hat sie in den Verpackungssaal der Ventilatorenfabrik Daland & Cie verwandelt. Emsig verpacken Frauen in adretten Einheitskitteln Ventilatoren in Kartons – nur Senta schert aus. Warum diese Spinnstube nicht in den Arbeitssaal einer Textilfabrik in Bangladesch verwandeln, in dem Arbeiterinnen zu Hungerlöhnen und unerträglichen Bedingungen schuften und Fabrikbesitzer den Tod der Arbeitenden in Kauf nehmen, wenn das Gebäude zusammenstürzt? So würde der Bühnen-Kapitalismus seine reale tödliche Fratze zeigen.

In Glogers „Holländer“ bleibt allenfalls ein zynischer Schluss: Als der Jäger Erik von der Treue singt, die ihm Senta geschworen haben soll, will der Holländer zurück auf sein Schiff. Senta will ihm nach. Erik könnte Senta retten, aber Daland und der Prokurist, die um ihr Geschäft bangen, hindern ihn daran. So stößt sich Senta einen Holzpfahl in den Leib, umarmt den Holländer, der ebenfalls stirbt – und der Prokurist hat nichts Besseres zu tun, als das Ganze mit dem Handy zu knipsen. Der Vorhang schließt und öffnet sich wieder: Mit Engelsmiene verpacken die Frauen aus der Spinnstube kitschige Leuchten, die das im Liebestod vereinte Paar zeigen.

Flache Inszenierung, starke musikalische Interpretation

Ein interessanter Aspekt, ein Bild, das im Kopf bleibt: Menschliches Scheitern als kapitalistisches Geschäftsmodell – zynisch, aber mehr auch nicht. Glogers Inszenierung hat gute Ansätze, aber letztlich geht sie nicht auf. Sie ist zu flach für Wagners dramatisches, hochleidenschaftliches Werk. Zum Glück wiegen dies die überdurchschnittlichen musikalischen Leistungen der Darsteller, des Festspielchors und des Orchesters unter Leitung von Christian Thielemann auf. Neu besetzt ist in diesem Jahr Kwangchul Youn als Sentas Vater Daland, der mit seinem markanten Bass und seiner Textverständlichkeit das Publikum begeistert. Darstellerisch legt er seine Rolle recht unsympathisch an, lässt er sich doch vom Reichtum des Holländers leiten und verschachert seine Tochter regelrecht. Benjamin Bruns steht ihm darstellerisch als profitgieriger Steuermann beziehungsweise Prokurist in nichts nach und treibt sein Gehabe bisweilen auf die Spitze, wenn er sich als Strahlemann für ein Werbeplakat aufnehmen lässt. Mit wunderbar klarem Tenor präsentiert Bruns die Auftrittsarie des Steuermanns. Ricarda Merbeth begeistert im zweiten Jahr als Senta mit leuchtendem Sopran. Samuel Youn, der 2012 bei der Premiere relativ kurzfristig die Titelpartie übernommen hatte, hat sich mittlerweile als Holländer in Bayreuth etabliert und stattet die Partie mit profundem Bariton aus. Tomislav Mužek und Christa Meyer runden als Erik und Mary das Solisten-Ensemble gut ab. Mit Christian Thielemann als Dirigenten, dem wieder sensationellen Festspielchor und den auf hohem Niveau singenden Solisten ist der diesjährige „Fliegende Holländer“ zwar musikalisch überdurchschnittlich präsent, doch für einen echten Erfolg auf dem Grünen Hügel ist das zu wenig, wäre eine profiliertere Kapitalismuskritik durch die Inszenierung nötig gewesen.