Der Kampf um den Rückhalt in der Bevölkerung

Zwei Bücher untersuchen das militärische Engagement in Afghanistan Von Carl-H. Pierk

Es war nie schwierig in Afghanistan einzumarschieren, es als Sieger wieder zu verlassen, vermochten jedoch die wenigsten. Die Sowjetunion hatte in dem zermürbenden neunjährigen Guerillakrieg mit den Mudschaheddin zwischen 1979 und 1989 bis zu 120 000 Soldaten im Land. Wie die ISAF-Koalition heute, wollte auch Moskau staatliche Strukturen errichten und schaffte 100 000 neue Arbeitsplätze. Und trotzdem scheiterte die Mission.

Die wohl wichtigste Frage ist, wer den Kampf um den Rückhalt in der Bevölkerung gewinnt. Ein Kampf, der verloren geht, wenn eine Gewaltspirale in Gang gesetzt wird und die Zivilbevölkerung gleichzeitig Opfer militärischer Aktionen der Koalition und der Repression der Aufständischen wird.

Zweifellos gab und gibt es auch viele ernst gemeinte Wiederaufbaubemühungen. Sie alle leiden darunter, dass ein kohärentes Gesamtkonzept fehlt. Unbestritten ist es ein Erfolg, wenn heute wieder mehr Kinder zur Schule gehen können, doch ist völlig unklar, ob sie jemals einen Job finden werden. Nicht das Vertrauen in soziale Perspektiven beherrscht das Land, sondern ein immer undurchsichtiger werdendes Gestrüpp aus Korruption, Vetternwirtschaft und Rechtsfreiheit, mit dem es die neue, von außen eingesetzte Führungsclique des Landes verstanden hat, sich einen Großteil der Hilfsgelder selbst unter den Nagel zu reißen.

Frieden ist nie das Ergebnis militärischer Auseinandersetzungen. Frieden basiert auf Vertrauen, und genau das haben die Menschen in Afghanistan in den letzten Jahren verloren. Kinder, die den Schutztruppen anfangs noch zugewinkt haben, schmeißen heute Steine. Niemand hatte den Taliban bei ihrer Vertreibung nachgeweint, doch sind es die enttäuschten Hoffnungen und die vielen zivilen Kriegsopfer, die den Unterdrückern von damals heute wieder in die Hände spielen. Wie stellt sich nun wirklich die Lage in Afghanistan dar?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, schenkt man am besten denjenigen das Vertrauen, die das Land seit Jahrzehnten aus persönlichen Erfahrungen kennen und aus der Historie kommend aktuelle Entwicklungen am Besten einzuordnen wissen. Dazu zählt ohne Zweifel das 2007 veröffentlichte Buch „Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan“ der beiden Autoren Susanne Koelbl und Olaf Ihlau, das in einer vollständig überarbeiteten und aktualisierten Neuausgabe unter dem Titel „Krieg am Hindukusch – Menschen und Mächte in Afghanistan“ erschienen ist. Die „Spiegel“-Journalistin Susanne Koelbl hat seit dem Ende der Taliban-Herrschaft viele Male Afghanistan bereist, sich ein Bild von der Lage im Land gemacht und dieses gemeinsam mit ihrem Kollegen Olaf Ihlau in diesem Buch niedergeschrieben. In ihren Reportagen und Analysen erklären die Autoren, was die Taliban wirklich wollen, wer sie sind, welche politischen Kräfte und Stämme in diesem landschaftlich schönen Land um Einfluss und Macht ringen und wo die historischen Wurzeln für diesen Konflikt liegen.

Die Vernetzung von Historie mit erlebten Eindrücken, Anekdoten und persönlichen Gesprächen sowie einer jeweils abschnittsweise klaren Bewertung heben das Buch aus anderen Reportagen über Afghanistan hervor. Es profitiert eben vor allem von jahrzehntelangen Erfahrungen und Kontakten vor Ort. Der zumindest halbwegs legitimiert gewählte Präsident Hamid Karsai kommt ebenso zu Wort wie Regionalfürsten und Warlords, wie etwa der berühmt berüchtigte Usbeken-General Abdul Rashid Dostum und Gulbuddin Hekmatjar oder auch der Taliban-Führer und „Befehlshaber der Gläubigen“ Mullah Omar. Dass eine Demokratie westlichen Musters in weiter Ferne liegt, ja sogar eine Illusion ist, darüber wird der Leser kein einziges Mal im Zweifel gelassen. Die Afghanen, so die Autoren, haben schließlich das legitime Recht, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Bei ihrer schonungslosen Beschreibung der afghanischen Realität gibt es somit auch keinerlei Zweifel, dass das Land „von Frieden und Stabilität noch Lichtjahre entfernt“ ist und „weiter dicht am Abgrund“ steht. Was sich dagegen machen lässt, vermisst man, ebenso Vorschläge für einen Friedensplan. Doch das dürfte letztlich auch Aufgabe der Politik sein.

Mit dem militärischen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan befasst sich Georg Löfflmann in seiner 2008 als Paperback erschienenen Untersuchung „Verteidigung am Hindukusch? – Die Zivilmacht Deutschland und der Krieg in Afghanistan“. Der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck hatte mit seiner Auffassung, wonach die „Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt“ werde, seinerzeit beträchtlichen publizistischen Staub aufgewirbelt. Das Zitat, das in der Folge zu einem der meist gebrauchten geflügelten Politikerworte wurde, stand am Ende einer langen Entwicklung, bei der der Sicherheitsbegriff wie auch der Verteidigungsbegriff erweitert wurde und die Bundeswehr einen völlig veränderten Auftrag erhielt.

Am 11. September 2001 begann der Krieg gegen den Terror, unter anderem gegen die Taliban in Afghanistan. Ein Krieg, an dem auch die Bundeswehr beteiligt ist. Nach dem Luftangriff vom 4. September 2009, bei dem vermutlich auch viele Zivilisten ums Leben kamen, sind Bundeswehr und Bundesregierung in Erklärungsnot geraten. Was für eine Rolle kann die Bundeswehr in Afghanistan überhaupt spielen? Nach dem 11. September 2001 hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder „uneingeschränkte Solidarität“ versprochen. Heute sind etwa 3 500 deutsche Soldaten in Afghanistan. Wie weit reicht die Verpflichtung des NATO-Mitglieds Deutschland? Ist aus der Hilfe ein Kampfeinsatz geworden? Der Auftrag lautet: Die Bundeswehr soll beim Wiederaufbau helfen. Afghanistan soll Brunnen bekommen und ausgebildete Polizisten. Inzwischen geht es um andere Fragen. Kann die Bundeswehr wirklich noch Aufbauhilfe leisten? Ist aus der Hilfsaktion von einst nicht längst ein Kampfeinsatz geworden? Mehr als dreißig Soldaten der Bundeswehr haben bereits in Afghanistan ihr Leben gelassen. Hat sich Deutschland so seine „uneingeschränkte Solidarität“ vorgestellt? Afghanistan ist fern. Die deutsche Öffentlichkeit war bisher an ein ziviles Bild der Bundeswehr gewöhnt, deren Soldaten als freundliche Helfer der lokalen Bevölkerung auftreten, Schulen und Krankenhäuser errichten und sich wohltuend vom martialischen Auftreten anderer Nationen abheben. Tatsächlich trug der überwiegend humanitäre und zivile Charakter der bisherigen Auslandseinsätze wesentlich zur Akzeptanz der neuen Rolle der Bundeswehr in Politik und Gesellschaft bei, stellt Löfflmann fest. Und auch die ISAF-Mission in Afghanistan wurde unter der Prämisse einer Peacekeeping-Rolle der deutschen Streitkräfte begonnen. Doch je mehr die militärischen Operationen der NATO in Afghanistan, Züge einer offensiven Kriegsführung annehmen und je stärker eine deutsche Beteiligung an diesen Einsätzen diskutiert wird, desto größer scheinen die Zweifel am Engagement der Bundeswehr zu werden.

– Susanne Koelbl, Olaf Ihlau: „Krieg am Hindukusch. Menschen und Mächte in Afghanistan“, Pantheon Verlag, München 2010, 336 Seiten mit Abbildungen, ISBN: 978-3-570-55075-5, EUR 12,95

– Georg Löfflmann: „Verteidigung am Hindukusch? Die Zivilmacht Deutschland und der Krieg in Afghanistan“. Diplomica Verlag, Hamburg 2010, 92 Seiten, ISBN: 978-3-8366-5772-3,

EUR 38,00