Der Interpret ist zugleich auch Komponist

Die vielen Facetten des John Cage – Zum 25. Todestag eines der bedeutendsten Vertreter der Neuen Musik. Von Barbara Stühlmeyer

Die Musik, die ich komponierte, folgte einer mathematischen Methode, an die ich mich nicht mehr erinnere. Sie kam mir selbst nicht wie Musik vor, also ließ ich sie, als ich Mallorca verließ, zurück, um mein Gepäck nicht zu beschweren.“ Was John Cage, dessen 25. Todestag die Musikwelt in diesem Jahr am 12. August begeht, hier beschreibt, ist in seinem lakonischen Stil typisch für den Komponisten, dem die Musik nicht gerade in die Wiege gelegt worden war und der dennoch zu einem der bedeutendsten und prägendsten Vertreter der Neuen Musik werden sollte.

Am 5. September 1912 in Los Angeles als Sohn des Erfinders und Ingenieurs John Milton Cage und der Los Angeles Times Redakteurin Lucretia Cage geboren, war Cage der erste in seiner Familie, der einen Highschoolabschluss machte. Und nicht nur das, er erzielte das beste Ergebnis, dass jemals an der Los Angeles Highschool erreicht worden war. Obwohl Cage mit acht Jahren den ersten Klavierunterricht erhalten und sich seitdem immer mit Musik beschäftigt hatte – seine erste Liebe galt den Werken von Edvard Grieg – entschied er sich nach dem Schulabschluss im Jahr 1928 für ein Studium der Literatur und ging dafür ans Pomona College in Claremont. Inspiriert von den Werken Gertrude Steins beschloss Cage, Dichter zu werden, und konnte schon bald erste Werke im College Magazin namens Manuscript veröffentlichen. 1930 ging Cage nach Paris und wechselte mit dem Kontinent zugleich auch sein Studienfach. Statt in Literatur schrieb er sich in gotischer und griechischer Architektur ein und begann ein Klavierstudium bei Lazare Lévy, innerhalb dessen er sich intensiv mit den Werken Johann Sebastian Bachs auseinandersetzte.

Das Musizieren ist ein mitschöpferischer Vorgang

Wie viele junge Studenten seiner Zeit reiste er viel und widmete sich neben der Musik weiterhin der Literatur und darüber hinaus der Kunst. Cage schrieb zahlreiche Gedichte, malte und auf Mallorca entstand schließlich jene erste Komposition, die er so achtlos zurückließ, weil ihr Wert ihm als zweifelhaft erschien. Cages Studienverhalten würde heutige Eltern mit großer Besorgnis erfüllen, denn er wechselte seine Studienfächer ebenso oft wie seinen Aufenthaltsort. Doch wenn er in Geldnöte geriet, was der Fall war, als er 1931 in die USA zurückkehrte, arbeitete er als Gärtner oder hielt Vorträge über neue Musik und Kunst vor Hausfrauenvereinigungen. Mit dem Studium der Komposition begann Cage 1933. Wie in der Musik nicht unüblich, studierte er bei so unterschiedlichen Lehrern wie Richard Buhlig, Adolph Weiss, dem ersten amerikanischen Schüler des in die Staaten ausgewanderten österreichischen Komponisten Arnold Schönberg, bei Henry Cowell und schließlich bei Schönberg selbst. Cage war sein Leben lang ein bemerkenswert neugieriger, offener Mensch. Als er 1937 mit seiner Frau Xenia nach Santa Monica zog, wo das Paar im Haus der Buchbinderin Hazel Dreis lebten, erlernten beide das Handwerk. Das praktische Interesse, der gewissermaßen handwerkliche Zugang Cages zur Welt, zeigte sich auch in seinen Kompositionen. So erfand Cage das präparierte Klavier. Um den Klang des traditionellen Pianoforte zu modifizieren, montierte er Radiergummis, Nägel und andere metallene Gegenstände auf Saiten und Hämmer und erzeugte so neue Klangfarben, die er in seiner Komposition Bacchanale präsentierte.

Cages Zugang zur Musik war stark von der Improvisation geprägt. Er war fasziniert vom Moment der Wandlung und versuchte, das Phänomen des dem Menschen zu-fallenden Wandels auch kompositorisch umzusetzen. „Music of Changes“ beispielsweise basiert vollständig auf dem Zufallsprinzip. Als begeisterter Experimentator schuf Cage immer wieder Werke mit Verweischarakter wie etwa „4?33?“, das erstmals am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall in Woodstock aufgeführt wurde. Die von den White Paintings Robert Rauschenbergs inspirierte Komposition umfasst drei Sätze, in denen kein einziger Ton erklingt. Die einzige Aufführungsanweisung für das Werk, dessen Besetzung von Klavier solo bis zu großem Orchester variieren kann, lautet „Tacet“, da keines der Instrumente einen Ton erklingen lässt.

Die Instrumentierungsfreiheit, die Cage in diesem Werk einräumt, entspricht der Freiheit, die der Komponist den Interpreten generell lässt. Als Hauptverantwortlicher für die Klangrealisation sieht Cage den Interpreten nicht allein als Musiker, der musikalische Elemente zum Klingen bringt, sondern auch als Komponist, der nach einem von Cage vorgegebenen Verfahren arbeitet. Interpretation in der Musik ist für Cage ein mitschöpferischer Vorgang, der der Rolle entspricht, die in Hildegard von Bingens Theologie der Mensch in der Schöpfung wahrnimmt.

Von Zahlen blieb Cage ungeachtet der Tatsache, dass er seine ersten, ihn mehr an Mathematik als an Musik erinnernden Werke verworfen hatte, weiterhin fasziniert. Als spirituell sensitiver und interessierter Mensch – Cage studierte über mehrere Jahre Zen, arbeitete er auch im Bereich der sakralen Musik. Seine Klang-Licht-Installation Essay wurde 1987 im Rahmen der Dokumenta 8 in der Kasseler Karlskirche präsentiert und ist heute Teil der Sammlung der Kunsthalle Bremen, und sein Orgelwerk ORGAN2/ASLSP, was für as slowly as possible steht und so langsam wie möglich bedeutet, wird seit dem 5. September 2001 in der Halberstädter St. Burchardi Kirche aufgeführt und soll sich bis zum Jahr 2640, also über 639 Jahre erstrecken. Ein kleines, in Musik gewebtes Stück Ewigkeit.