„Der Film findet auf Jacks Gesicht statt“: Über den Film

Interview mit Drehbuchautorin Nele Mueller-Stöfen sowie Regisseur und Drehbuchautor Edward Berger. Von José García

Der zehnjährige Jack (Ivo Pietzcker) macht sich mit seinem sechsjährigen Bruder Manuel (Georg Arms) auf die Suche nach seiner Mutter durch Berlin. Foto: Camino
Der zehnjährige Jack (Ivo Pietzcker) macht sich mit seinem sechsjährigen Bruder Manuel (Georg Arms) auf die Suche nach s... Foto: Camino
Über Kinder, die vernachlässigt oder gar misshandelt werden, sind in letzter Zeit etliche Fernsehfilme gedreht worden. Stand es für Sie von Anfang fest, dass Sie einen Kino- und keinen Fernsehfilm drehen wollen?

Edward Berger: Es war für uns von Anfang an ein Kinofilm. Der Ursprungsgedanke kam mir, als ich vor drei oder vier Jahren an einem Sonntag im Sommer mit meinem Sohn im Garten Fußball spielte. Ein Junge kam vorbei und grüßte. Weil er am Sonntag einen Ranzen trug, fragte ich meinen Sohn nach ihm. „Jack geht freitags immer zu seiner Mutter. Sonntagsabends kehrt er zurück ins Heim“, sagte er. Ein Kind, das von seiner Mutter weg zum Heim geht, müsste eigentlich traurig sein, dachte ich. Aber Jack marschierte voller Kraft und strahlend. Dies wurde zur Initialzündung. Unser Film sollte nicht von vernachlässigten Kindern handeln, sondern von der Kraft, die einem der Glaube an das Leben und die Zukunft gibt. Fernsehfilme sind Themenfilme. Sie wollen etwas vermitteln. Das wollten wir nicht. Wir wollten nicht die Mechanik aufzeigen, die zur Vernachlässigung von Kindern führt.

Wie haben Sie die Figur des Jack für den Film gezeichnet?

Nele Mueller-Stöfen: Wir haben uns überlegt, in welchen Umständen er aufwächst, in einer Familie mit Mutter und zwei Kindern. Wir wollten nie eine drogen- oder alkoholabhängige Mutter zeigen, die ihre Kinder schlägt und eigentlich nicht mag. Denn unsere Mutter liebt ihre Kinder. Allerdings trägt Jack die Verantwortung für die Familie, weil die Mutter selbst noch nicht erwachsen genug ist. Entscheidend für den Film ist die Frage: Was ist das Ziel für Jack? Sein Ziel ist es, die Mutter zu finden. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film. Daher die Dringlichkeit, die Energie: „Wo ist Mama?“

Frau Mueller-Stöfen: Sie spielen auch die Rolle der Heimleiterin. Haben Sie darüber recherchiert, wie das Leben in einem solchen Heim aussieht?

Nele Mueller-Stöfen: Das war nicht nur wichtig für meine Figur, sondern auch für das ganze Buch. Wir haben gemeinsam recherchiert, waren in vielen Heimen und haben viel mit den Kindern gesprochen, die erstaunlicherweise sehr offen waren. Natürlich haben wir auch mit Heimleitern und Erziehern geredet, und konnten sehen, wie sie mit den Kindern umgehen.

Wie sind Sie auf Ivo Pietzcker für die Rolle des Jack gekommen?

Nele Mueller-Stöfen: Wir wussten, der Film steht und fällt mit dem Hauptdarsteller. Nach unendlich vielen Castings wollten wir schon fast aufgeben, weil wir ihn nicht fanden. Dann wurden wir auf Ivo aufmerksam gemacht. Allerdings mussten wir mehrmals bei den Eltern anrufen. Offenbar hatten sie gar kein so großes Interesse – was uns ganz sympathisch war. Irgendwann einmal erschien er doch. Dann haben er und ich eine gemeinsame Szene gespielt. Dabei hatte er eine so unfassbar große Kraft, dass wir gewusst haben: Das ist er.

Bei Georg Arms, der den jüngeren Bruder Manuel spielt, stellt sich allerdings die Frage: Wie viel hat er vom Ganzen verstanden?

Nele Mueller-Stöfen: Georg scheint noch nicht richtig angekommen zu sein in dieser Welt. Aber genau das hatten wir gesucht: Einen Jungen, der völlig unbedarft durch die Welt marschiert. Das passte zu seiner Rolle: Manuel ist das passive Element. Jack ist der Aktive, Manuel muss nur reagieren.

Edward Berger: Der Zuschauer muss das Gefühl haben, dass Manuel ohne seinen großen Bruder Jack völlig verloren wäre. Dafür brauchten wir ein relativ junges Kind, das wie Georg noch nicht genau weiß, wie die Welt so funktioniert.

Im Film geht es um Jack. Die Mutter ist die Hälfte des Filmes verschwunden. Dennoch sagt „Jack“ auch Einiges über die Generation der Endzwanziger, Anfang Dreißiger aus, die vielleicht selbst noch unreif sind, und nicht recht wissen, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen ...

Edward Berger: Die Mutter ist sehr jung. Sie hat Jack wohl mit 15 oder 16 bekommen. Der Film soll jedoch keine Verurteilung von jungen Eltern sein. Ganz im Gegenteil. Ich habe mein erstes Kind mit 30 bekommen. Wenn ich gewusst hätte, was sie mir zurückgeben, hätte ich viel früher angefangen. Das bekommt man bei uns in Deutschland leider nicht so vermittelt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute es verstehen. Bei uns ist der Egoismus sehr groß. Man denkt, wie viel ein Kind kostet, dass es anstrengend ist. Das Geschenk, das wir zurückbekommen, ist aber mit keiner Freizeit oder Geld aufzuwiegen.

Vor allem am Anfang gibt es Zeitsprünge durch scharfe Schnitte: Die Kinder sind unterwegs, es folgt ein Schnitt, und dann liegen sie schon im Bett. Ist dieses elliptische Erzählen ein besonderes Stilmittel?

Edward Berger: Ich mag es, wenn ein Film in die Situation direkt hineinspringt. Dabei spielen die verschiedenen Geräuschkulissen im Zusammenhang mit den Schnitten eine wichtige Rolle. Ohne dass viel passiert, geben sie ein Gefühl für das Leben, für einen Weg. Der Film findet auf Jacks Gesicht statt. Die Erwachsenen sind dabei unwichtig, sie kommen nur ins Bild, wenn Jack zu ihnen schaut. Jacks Blick führt die Kamera. Die Schnitte ergeben sich durch das, was er sieht und hört. Der Zuschauer soll keine andere Möglichkeit haben, als sich mit Jacks Geschichte auseinanderzusetzen. Deswegen verwenden wir auch wenig Musik, um die Kraft der Geschichte und die Kraft der Kamera alleine wirken zu lassen. Die Musik wird nur an bestimmten Kapitelenden eingesetzt, wenn etwas Neues beginnt.

Was für Maßstäbe bekommt Jack fürs Leben? An einer Stelle schlägt er den älteren Heim-Mitbewohner, und er bekommt Gewissensbisse. Wie findet ein Junge, der durch seine Situation einen Selbstbehauptungswillen entwickelt, heraus, was gut und was böse ist?

Edward Berger: Ich glaube, er hat eine tolle Mutter, die ihm viel mitgegeben hat. Sie gibt ihm gute Tipps, so am Anfang im Umgang mit Streichhölzern. Im Grunde vermittelt ihm seine Mutter die richtigen Werte. Weil er aber der Papa im Haus ist, muss er diese Kraft aus sich selbst heraus entwickeln.

Wie haben Sie die Drehorte ausgesucht? Im Film kann man einige Ecken Berlins erkennen...

Nele Mueller-Stöfen: Es sollte kein Berlin-spezifischer Film werden. Deshalb haben wir nach Motiven gesucht, die klarmachen, diese Geschichte könnte in jeder anderen Großstadt stattfinden. Das war uns wichtig.

Edward Berger: Wir suchten Drehorte, die sich nicht in den Vordergrund spielen, die generisch sind – vielleicht typisch Deutsch, etwa eine Fußgängerzone, oder Autovermietungen und Autobahn-Parkplätze, die überall gleich aussehen. Die Orte sollten eine Alltagsstimmung vermitteln. Die Handlung sollte nicht an sozialen Brennpunkten stattfinden, sondern sozusagen mitten unter uns.

Der zehnjährige Jack (Ivo Pietzcker) kümmert sich um den Haushalt. Er sorgt auch rührend für seinen sechsjährigen Bruder Manuel (Georg Arms). Denn seine 26-jährige, alleinerziehende Mutter Sanna (Luise Heyer) ist überfordert und mit sich selbst zu sehr beschäftigt. Jack und Manuel kommen in getrennte Heime. Als die Sommerferien beginnen, freut sich Jack auf seine Mutter, die ihn endlich aus dem Heim abholen wird. Sanna kommt jedoch nicht. Jack muss im Heim mit einem Freund und den Erziehern allein zurück bleiben. Nachdem es zwischen Jack und einem älteren Jungen zum Streit kommt, flüchtet Jack aus dem Heim. Jack holt seinen Bruder Manuel von einer Bekannten ab. Die zwei Kinder begeben sich auf eine Odyssee durch Berlin auf der Suche nach der Mutter.

Konsequent aus der Sicht des Zehnjährigen erzählt, stellt „Jack“ mit einer interessanten Mischung aus langen Plansequenzen und elliptischen, schnellgeschnittenen Szenen eigentlich nicht die Vernachlässigung der Kinder durch eine eigentlich liebevolle Mutter in den Mittelpunkt. Der Film zeigt vielmehr vor allem die Kraft des Kindes und die Liebe zu seiner Mutter. „Jack“ liefert aber darüber hinaus ein Porträt einer ziel- und orientierungslosen Generation, die mit dem Chaos in ihrem eigenen Leben mehr als genug zu tun hat, um sich auch noch um ihre Kinder zu kümmern. „Jack“ gehörte zu den Höhepunkten des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs. J.G.