Der Dienst im Glauben beugt nicht, er stärkt

Den selbstgezogenen Kreidekreis verlassen – Maria öffnet den Alltag des mühseligen Lebens für die Erfahrung mit Gott. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Die Krönung Mariens, Gemälde von Bartholomaeus Bruyn, 1493–1555. Foto: IN
Die Krönung Mariens, Gemälde von Bartholomaeus Bruyn, 1493–1555. Foto: IN

Wie kann der Schatz im Acker des Alltags wieder sichtbar werden, um dessentwillen sich der Ausbruch aus der Sprachlosigkeit und Sinnleere lohnt? Alltag – das ist das Vorläufige, hundert- und tausendmal nutzlos Wiederholte, die reine Vergeblichkeit, deswegen heißt er ja grau. Und doch ist genau darin der Schatz im Acker zu suchen oder er ist eben überhaupt nicht da. Wie verhalten wir uns richtig, weder mit der falschen Demut noch mit der heroischen Trauer, zu der gewohnten Abnutzung? Ist darin doch ein All-Tag verborgen?

Gesucht ist ein Mensch, der den Einsatz, den Anfang mitten im Vorläufigen leistet, dem das Vorläufige aber nichts ausmacht. So wünscht ihn sich die Philosophie, auch und gerade die atheistische, seit dem 19. Jahrhundert. Genau betrachtet wäre es der Mensch, der die Angst des Lebens verloren hat, die Angst nämlich, umsonst zu leben oder sich unberechnet zu verausgaben. Mit anderen Worten: Er hätte die Angst verloren, zu sterben. Bei allem, was er tut, weiß er, dass es wieder aufhört, und trotzdem tut er es; die Vergeblichkeit des Endlichen schreckt ihn nicht, er nimmt diese Schranke ohne „Frust“. Er kann „sterben“, nicht nur am Ende, sondern in jeder seiner Handlungen.

Wo Gott ist, kann ich nicht sein, hieß das atheistische Dogma. Deswegen ertrotzt, erschafft sich der Freie die Freiheit – erzeugt sie für sich selbst, in dauernder Anstrengung gegen Gott. Aber zu denken und zu erleben wagt er nicht, dass Freilassen zu Gottes eigenem Wesen gehört, dass er sich selbst zerstören würde, wenn er Unfreie um sich dulden würde. Dass es eine Vaterschaft gibt, in der jeder im Maße des Empfangens seine Freiheit findet. „Gott ist so frei, dass er nur Freie um sich erträgt“, so Thomas von Aquin. Und auch der Dank dafür ist nicht wieder neues Ducken, sondern erst recht ein Aufrichten. Aus einer solchen Erfahrung heraus wird Alltag, alltägliches Abnutzen und Kraftvergeuden. Arbeit ist Widerstand, ohne Zweifel, und Schleifstein. Aber zugleich ist sie auch Zugang zum Lebendigen, das wie belebendes Grundwasser in den gewohnten Pflichten aufsteigt. Gott ist „des Stromes Ungestüm, der seine Stadt erfreut“ (Ps 46,5). Und zwar dann, wenn der alltäglich gebundene Mensch das Andrängende als Auftrag nimmt. Im Ergriffenwerden durch den alltäglichen Dienst richtet der Mensch sich auf, lebt auf, greift selber aus. Der Anruf wandelt sich in Kraft. Es ist älteste Erfahrung: Solcher Dienst beugt nicht, sondern stärkt. Wen Gott berührt, der ist nicht Sklave, sondern Freier. Gott sehen wir nicht, wir hören ihn nicht. Aber jede sinnvolle Forderung ist sein Wort; überhaupt wo Sinn ist, ist Er. Auch hier ist er im Kleinen, im leisen Wehen, nicht in Donnergetöse und eindrucksvollen Blitzstaffagen. Wie Elias auf dem Berge das Kommen Gottes fast nicht merkte, weil er auf Erdbeben und Gewaltiges eingestellt war. Die Epiphanien Gottes sind alltäglich-keusch, seit jeher. Und doch so wirksam im Alltäglichen, dass jedes Aufgreifen einer Aufgabe, meiner Aufgabe mich aufrichtet, kräftigt. So genau sind auch die Leiden als Aufgaben gemeint, dass selbst sie nicht bloß leidend, sondern Kraft entbindend wirken. Gott modelt – als großer Modellierer – ohne Aufhebens, aber so, dass der Widerstand des Menschen zur Zustimmung wird und Erneuerung und Umwandlung die Mühe begleiten. Wenn ein Fiat nötig wird, dann in der Weise, dass man sich dieses Kostbare wünschen, darum bitten soll. „Je mehr der Gott uns zusetzt, desto mehr/ sind unsre Kräfte unser./ (...) er will sie zwingen,/ sich an den Starken stärker aufzulehnen.“ (Louise Labé, 1555)

Wo gibt es real, nicht theoretisch, die Freiheit, schöpferisch zu arbeiten mitten im Geringen und nicht scheu den Kopf vor der Freude wegzuwenden, weil „ich ja nicht gemeint sein kann“? Diese Erfahrung hat das Christentum an Maria erfasst, oder anders: Es ist in ihrer Gestalt etwas gänzlich Unerwartetes entstanden. Nämlich dass im irdischsten aller Alltage, im Weben, Wasserholen, Brotbacken, Feuermachen, im Empfangen und zur Weltbringen, ja auch im Verlieren und Bestattenmüssen um die Welt Gottes gesorgt wird. Dass das Arbeiten sich hier auf das unbedingte Leben richtet, das im durchaus Bedingten durchscheint. Der große Irrtum besteht darin, dass dieses Eingegrenzt-Kleine nichts mit Gott zu tun habe, dass das Sich-Verschwenden oder vielmehr Sich-Abhandenkommen letztlich gesichtslos mache. Dagegen steht die klassische Erfahrung Israels, die sich gänzlich in Maria, der Erbin solcher Erfahrung, verdichtet. Denn Gott ist hier gerade im Genauen, an bestimmten Orten, zu einer bestimmten Zeit, nicht überall und überhaupt und gleichzeitig nirgendwo. Und gerade so macht er den Alltag damit zum All-Tag.

Gott durch eine Frau – darin liegt der springende Punkt. Das heißt nämlich: Gott nicht in seiner verzehrenden Gestalt, sondern als Kind und Sohn und einer Sippe zugehörig, eben alltäglich. Von Windeln ist biblisch die Rede, auch vom kindlichen Untertansein, von väterlicher Zimmermannsarbeit. Und man könnte wohl auch sagen, dass diese Frau sogar die Gassen durch Gottes Flut und Feuermeere bahnt, dass sie erträglich machte, wo sonst der Erschreckende stünde. Dass sie aber Gott in sein Eigentum aufnahm, nämlich in den Alltag, ist dasjenige, was wir aus falscher Demut und aus eingewachsener Kleinlichkeit nicht tun. Denn hier sitzt der alte Verdacht, dass Gott sich mit uns nicht „so klein“ in dieser Weise einlassen kann und will.

Und hier sitzt genau, was mit dem alten Wort Sünde gemeint ist oder umgekehrt mit der Sündelosigkeit Marias. Denn die Liebe springt über die eigenen Grenzen, rennt hinaus in die Gassen, bahnt sich Wege durch Flut und Feuermeere, holt den Geliebten herein, auch in das Unfertige und Arme. Aber die Nichtliebe=Sünde wagt nicht und gewinnt nicht; sie hält klein und den Löser ferne. Nehmen wir die herbere Gestalt einer anderen Frau, die uns ähnlich ist und deswegen tief im Zwiespalt steckt. „Die Liebe vereint, die Sünde trennt. Aber die büßende Liebe hat etwas von beiden. Magdalena stürzt zu Jesu hin: das ist die Liebe. Magdalena wagt nicht, Jesu zu nahen: das ist die Sünde; sie tritt mutig ein: das ist die Liebe; sie nähert sich in Angst und außer sich: das ist die Sünde; sie macht die Füße Jesu duften: das ist die Liebe; sie begießt sie mit ihren Tränen: das ist die Sünde; sie löst und vergeudet ihr Haar: das ist die Liebe; um die Füße Jesu zu trocknen: das ist die Sünde; sie ist gierig und unersättlich: das ist die Liebe; sie wagt nichts zu begehren: das ist die Sünde. Aber sie weint, aber sie seufzt, aber sie schaut auf, aber sie schweigt: Das ist die Liebe und die Sünde in einem.“ (Joseph Bonnet)

Doch die eine große Tochter Israels in Nazareth wagt, verlässt sich (im schönen Doppelsinn des Wortes), vergisst sich und die eigene Einschätzung, sich und die eigene Kleinheit. Etwas anderes, nein, jemand anderer hat die Mitte des Denkens und Tuns besetzt, und die kleine Seele hat dort abgeladen und sich wie nie zuvor aufgerichtet, ist jetzt größer als zuvor.

Die biblischen Berichte haben in ihren Aufzeichnungen den nüchternen Ton, der weiß, was er sagt, der weiß, warum er es sagt. Und der deswegen sich nicht scheut, altbekannten Trost als heute wirklich, als wahrhaft wirksam, am eigenen Leben überprüfbar anzuführen. Es ist keineswegs leicht, im Religiösen zu lügen; das Sensorium dafür ist sehr fein und wird unfehlbar reagieren. Auch wer Durst hat, kann nicht versalzenes Wasser trinken. Die Sicherheit, mit der Maria im Magnificat das Getragenwerden von Gott ausspricht, stammt vom frischen Wasser. Solche Sätze haben das Siegel der Wahrheit an sich: Es gibt die Kraft von der anderen Seite. Es gibt die Liebe, von sich wegzulaufen. So liegt auch eine unbeweisbare, aber große Gewissheit in dem Wort, dass Maria die Gassen ins Frohe öffnet, dass sie der Trost der Betrübten ist, der Trost aller wehen Herzen. Und wenn ihre großen Betrübnisse aufgehellt worden sind, die aus der Liebe stammten, dann werden es auch unsere kleinen Betrübnisse, die aus der Nichtliebe stammen – und zwar immer in derselben Bewegung: indem wir den selbstgezogenen Kreidekreis verlassen und dem Souverän zulaufen.

Solches Überlassen ist leicht, heiter, anmutig. Religion lehrt nicht das Dulden, sie lehrt das unpathetische Durchstehen und Loskommen. Ludwig Maria Grignion von Montfort – immer für eine Überraschung gut, weil er seine Freundin und Herrin gut kannte – sagte: „Maria ist Heiterkeit.“