Der Dicke Hund: Maria 08/15

DER DICKE HUND

Maria 2.0 ist zunächst ein gutes Beispiel dafür, wie ein Medien-Hype im 21. Jahrhundert funktioniert. Man braucht ein Schlagwort und ein paar klare Forderungen. Medien berichten dann darüber. Und andere Medien auch. Denn Medien berichten über Dinge, über die andere Medien berichten. Eine Kettenreaktion wird in Gang gesetzt. Schließlich will sich niemand nachsagen lassen, eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung als solche zu spät erkannt zu haben. Pflichtschuldig wird zumindest die Pressemitteilung aufgenommen, zusammen mit einem schönen Foto. Dabei ist der Nachrichtenwert gleich Null. Die Forderungen sind sattsam bekannt: Frauen an die Macht, Zölibat weg, Sexualmoral „überdenken“, „anpassen“, „ändern“. Oder den Bereich der Sexualität am besten gleich ganz aus der Morallehre streichen. Was geht's die alten Männer in Rom an! Was dagegen zu sagen ist, ist ebenfalls bekannt: Es geht in der Kirche nicht um Macht, sondern um Dienst. Der Zölibat ist bewährt, hat theologische Gründe und pastorale Vorzüge. Die Sexualität gehört zur Personalität des Menschen und ist daher immer Teilaspekt jeder Ethik – gerade einer solchen, die sagt: „Tu, was du willst!“

Also: Im Norden, Süden, Osten und Westen nichts Neues. Doch halt, die Tagesschau spricht von „Erklärungsnot“, in welche „die männlichen Würdenträger“ durch Maria 2.0 geraten seien. So als gäbe es das Kirchenrecht nicht oder den Katechismus. Und auch keine Bibel. So, als wäre „Ordinatio sacerdotalis“ von Papst Johannes Paul II. nie verfasst worden (veröffentlicht übrigens am 22. Mai 1994 – also vor genau 25 Jahren). Allein der Titel des Beitrags verstört: „Katholische Kirche. Die Wut der frommen Frauen“. Sind es wirklich diese? Ist es tatsächlich ein Ausdruck besonderer Frömmigkeit, Grundfesten der Kirche anzugreifen und dabei das Schlagwort der „Macht“ zur obersten Begründungsfigur zu erheben? Und ist bei der unmittelbaren Kombination von „Wut“ mit „fromm“ nicht aufgefallen, dass das eine dem anderen quer liegt? Weiter im Text: Die Proteste seien „ein schrilles Alarmsignal für die Führungsebene der katholischen Kirche“. Wie gesagt: Seit mindestens einer Generation gibt es auf höchster theologischer Ebene die Forderung nach Abschaffung des Zölibats, der Einführung des Diakonats der Frau, des Priesteramt der Frau dann auch, der „Anpassung der Sexualmoral“ an das „Lebensgefühl der Menschen“. Und. So. weiter.

Ohnehin scheint es vor allem ums Gefühl zu gehen – diffuser Dunst, der heute ekklesiologische Fakten vernebelt. Nur so lassen sich Bewertungen folgender Tagesschau-Art erklären: „Wenn Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und oberster deutscher Katholik, zu Gesprächen mit der Regierung nach Berlin fliegt, steuert womöglich eine Pilotin das Flugzeug. Im Bundeskanzleramt trifft er auf eine Frau. Und sollte ihm beim Besuch in Berlin unwohl werden, könnte es sein, dass er von einer Ärztin behandelt wird. Nur seinen eigenen Job, den traut Kardinal Marx einer Frau offenbar nicht zu.“

„Job“? „Zutrauen“? Geht's noch? Nein, gerade darum geht es nicht! Es geht um Weiheämter und um Regeln, die kein „Würdenträger“ aufstellt, gleich welchen Geschlechts. Nicht mal Kardinal Marx kann die Evangelien und die Apostelgeschichte ändern (in der sich übrigens Frauen vielfach und in großer Bedeutung zeigen und mit ihrem Dienst – nicht Amt – die Wertschätzung des angeblich so misogynen Paulus erfahren). Dass die Medien, allen voran die großen, einflussreichen wie die ARD mit ihrem Nachrichten-Flaggschiff Tagesschau das Thema nicht nur aufgreifen, sondern aufbauschen, und sich dabei streckenweise mit der Initiative gemein machen, ist wirklich ein dicker Hund.