Der Dichter als Prophet

Am Dienstag wird der Schriftsteller, Essayist und Dramatiker Botho Strauß 70 Jahre alt. Eine kleine katholische Würdigung Von Stefan Meetschen

Transzendenzsucher und Bewahrer einer literarischen Tradition: Das Werk von Botho Strauß ist vielschichtig. Foto: dpa
Transzendenzsucher und Bewahrer einer literarischen Tradition: Das Werk von Botho Strauß ist vielschichtig. Foto: dpa

Es gibt nicht nur die Gemeinschaft der Heiligen, es gibt auch die Gemeinschaft der literarischen Einzelgänger: Von Friedrich Hölderlin bis Stefan George, von Hugo von Hofmannsthal bis Hanns Henny Jahnn. Nicht zu reden von Johann Wolfgang Goethe, Rudolf Borchardt oder Ernst Jünger, die sich der jeweiligen Masse so gut entzogen haben wie sie es konnten und für ihr Schreiben nötig war.

Auch Botho Strauß, der am 2. Dezember 1944 in Naumburg an der Saale zur Welt kam und ergo am kommenden Dienstag auf 70 verwehte, aber schriftstellerisch gut genutzte Lebensjahre zurückblicken darf, zählt zu diesem auserwählten, elitären Kreis der Literatur- und Kulturgeschichte, woran Strauß, der seit vielen Jahren zurückgezogen von der Öffentlichkeit in der Uckermark lebt, auch nie einen Zweifel gelassen hat. Der hohe Ton, welcher den Agenten des Zeitgeistes stets verdächtig ist, weil er ihre geistige Hohlheit entlarvt – Strauß hat ihn seit seinen frühen Theaterstücken („Groß und Klein“, 1978), Erzählungen („Der junge Mann“, 1984) und Prosaskizzen („Paare, Passanten“, 1981) stets gepflegt und in der richtigen Dosierung einzusetzen gewusst. Wissend, dass wahre Kunst, wahre Kunstwerke, sei es in Literatur, Musik und Malerei, sich nur einem auserwählten Kreis erschließen. Denen nämlich, deren Lebensanspruch und Sehnsucht zum Verwechseln dem ähneln, was der Außenseiter-Künstler selbst zu erkennen sucht: Die Wahrheit hinter den plakativen Wahrheiten, die eigentliche Welt hinter dem, was man landläufig als Realität bezeichnet.

Denn, wie die Literaturwissenschaftlerin Helga Arend in einer Botho Strauß gewidmeten, aktuellen Studie richtig über ihn schreibt: Sein Anliegen geht dahin, „Erkenntnisse aus Bereichen zu gewinnen, die in der Tradition häufig in der Religion oder den Mythen verankert waren und nicht durch einen rationalen Zugang begreifbar sind. Strauß zitiert bewusst Mythen, religiöses Vokabular und hermetische Schriftsteller, weil dort Sinnstiftungspotenziale zu finden sind, die er in einer rational funktionierenden Welt verloren gegangen sieht. Die Kunst übernimmt die Rolle, einen Leerraum zu füllen, der durch die alleinige Geltung der Vernunft entstanden ist.“ (Botho Strauß in: Literatur Kompakt, hrsg. von Gunter E. Grimm, Tectum Verlag, 2014)

Eine Poetik des „mythologischen Realismus“ also, der literarischen Übermalung und Neuzeichnung des Überlieferten, welche bereits Michael Wiesberg in seiner bis heute wichtigen Strauß-Exegese, „Botho Strauß – Dichter der Gegen-Aufklärung“ (Edition Antaios, 2002), überzeugend nachgewiesen hat. Wobei Strauß, wie Wiesberg anhand ausgewählter Textpassagen erläutert, soweit geht, der Kunst sogar eine erlösende Rolle zuzusprechen. „Wo kann man heiter sein und wohlverständig? Nur jenseits der Ideome, der kranken Ideen, nur draußen in der absichtslosen Menschlichkeit der Kunst, in der befreundeten Fremde der Musik, wo in angemessener Entfernung das Gute und Böse einen Ausgleich finden?“ (Niemand anderes, 1987)

Das Amt des Dichters und Dramatikers ist dabei trotz aller künstlerisch notwendigen Ambivalenz für Strauß das eines Propheten, eines Zuhörers und Fragers gegenüber dem Mysterium: „Er, der langsam Andersredende, Fürsprecher weder des Chaos noch der denkbaren Ordnung, bewohnt entgegen der allgemeinen Annahme nicht das Reservat einer erlöschenden Spezies, sondern hält den verborgenen Vorposten, die Erwartungsstille, den masseschweren Gegenpol, da weder Wissen noch Wissenschaft sich bewegen ohne die Gravitation des Unerforschbaren. Jeder ihrer Fortschritte vertieft das Geheimnis des Ganzen.“ („Fragmente der Undeutlichkeit“, 1989)

Bei jemand, der als Schriftsteller so sehr auf das Eigene, Verborgene und Anderssein angesichts der oberflächlichen Masse pocht, überrascht es denn auch nicht, dass er sich in seinem Werk neben hinreißend zerrissenen Frauenfiguren und verstörten Paaren immer wieder mit Hingabe der literarischen Figur des Außenseiters, des Narren gewidmet hat, dessen Denk- und Zeitgefühl – analog zu dem des Dichters – vollkommen originär und frei von jeder Verzweckung ist, was ihn denn auch für tiefere Erkenntnis besonders prädestiniert, empfänglich macht. „Seine Sprache wurde ihm schließlich zum Genist aus gebogenen Anlehnungen und Bezüglichkeiten, eine knüpfende, hortende und hegende, eine Sprache, die sich in ihren Filiationen, ihrem Gezweig zusehends verdichtete, ihn nach außen abschirmte, so dass kaum ein anderer ihn noch verstand. Ganz und gar keine Sprache der Mitteilung. Deshalb fand auch nur er selbst, der blaue Hase, darin seine Stallwärme. Incommunicabilitas. (Incommunicabilitas der Person in ihrer thomistischen Version als geschlossene Einheit. Nur in ein abgeschlossenes Fach wird Gott eine Nachricht hinterlegen.)“ (Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit, 2013)

Nun ist die Zahl derjenigen unter Strauß' katholischen Lesern nicht gering, die bei dem Schriftsteller, der in diesem Jahr mit „Herkunft“ eine Art Autobiographie seiner Kindheit und Jugend vorgelegt hat (vgl. Rezension auf S.12), ein gewisses katholisches Sensorium wittern, wovon diese die gut gemeinte Hoffnung ableiten, Strauß könne eines späten Lebenstages (wie Jünger) noch den Weg in den Schoß der heiligen Mutter Kirche finden. Tatsächlich hat sich Strauß trotz seiner protestantischen Sozialisierung immer wieder mit katholischen Schriftstellern (Bloy, Bernanos) und theologischen Fragen, wenigstens fragmentarisch, auseinandergesetzt. Unvergessen ist auch sein öffentlicher Brief „Kardinal Ratzinger ist der Nietzsche unserer Zeit“ aus dem Jahr 1994, in welchem Strauß den späteren Papst als unbequemen, aber letztlich prophetischen Denker würdigt. Ebenso deutlich und zahlreich sind die Anspielungen auf religiöse Figuren und theologische Begriffe (Metanoia, Proskynese) in seinem Werk; andererseits sollte man sehr vorsichtig sein, derartige Verweise einseitig zu verabsolutieren. Denn allzu leicht findet man in den Essays, Romanen und Stücken des mit zahlreichen Literaturpreisen geschmückten Autors (Georg-Büchner-Preis 1989, Schiller-Gedächtnis-Preis 2007) auch Stellen und Akzente, die den Verdacht eröffnen, dass Strauß im Bedarfsfall (woran aufgrund seiner solitären Selbstdefinition allerdings sehr zu zweifeln ist) auch Mitglied einer antiken Ästhetik-Schule oder eines gnostischen Vereins werden könnte. Wiesberg weist in diesem Zusammenhang auf den Text „Niemand anderes“ (1990) hin, in dem Strauß beklage, dass die „Verheißung“ des umstrittenen Kirchenlehrers Origines (185–254) von der katholischen Kirche verworfen worden sei und somit nie „in unser weltliches Bewusstsein“ hinabsteigen konnte, „wie Ekpyrosis, das Flammen-Ende, welches nun allein die Szenerie beleuchtet und Stimmung macht.“ Die Glaubenslehre des Origenes ähnelt, darin hat Wiesberg recht, in vielem der gnostischen Kosmogonie.

Auch wenn man Strauß, der in den 1970er Jahren, während der er an der legendären Schaubühne Peter Steins in Berlin wirkte, als einer der ersten deutschen Intellektuellen die französischen Strukturalisten rezipierte, nicht absprechen darf, dass er sehr wohl zwischen banalen und sakralen Texten zu unterscheiden vermag, letztendlich dient ihm das Heilige, das im Evangelium aufleuchtet, genauso zur Spielvorlage und Erkenntnishilfe wie das Transzendente und Übernatürliche, das er bei den Romantikern („Der junge Mann“, 1987), bei Shakespeare („Der Park“, 1983) oder der griechischen Mythologie erspürt („Die Fremdenführerin“, 1986; „Ithaka“, 1998). Alles dient als Spielmaterial, um den einerseits leeren, andererseits überaufgeklärten Raum der einseitigen Vernunft und des Zeitgeistes mit Geist zu füllen, zu erhöhen.

Was nicht heißt, dass Strauß bei der Zubereitung dieser textlichen Mixturen für die Bühne die Bedürfnisse des Publikums übersieht. Mit einem geradezu genialen dramatisch-absurden Instinkt und einer im wahrsten Sinn des Wortes hochentwickelten Dialogfähigkeit gelingt es ihm immer wieder, tiefste Reflexionen zur Zeit und zum Menschsein in eine ästhetisch ansprechende Form zu bringen. Sei es in der Auseinandersetzung mit der deutschen Wiedervereinigung („Schlußchor“, 1991), sei es in der Auseinandersetzung mit der Spaß- und Eventkultur („Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia“, 2001) oder bei der Beschäftigung mit den digitalen Welten („Das blinde Geschehen“, 2011) – nie fehlt es bei Strauß' Stücken an humorvollen Episoden, höchst geistreichen Dialogen, doppelbödigen Situationen. Das Banale und das Heilige, das Komische und Tragische berühren sich bei ihm in der größtmöglichen Offenheit. „Wie bei Kafka-Texten bleibt es immer in der Schwebe, was Traum, Einbildung oder Realitätsebene sein soll.“ (Helga Arend)

Liegt dies daran, dass Strauß beim Schreiben kein konfessionell gebundenes Publikum vor Augen hat, keine Mainstream-Bewegung, sondern einen „kleine[n] Bergstamm, Strahler und Kristallsucher über die Zeiten und Länder hin“ (Rede zur Verleihung des Büchner-Preises, 1989)? Eine Art esoterische Geheimgesellschaft also, die keine Ressentiments pflegt. Strauß, der während des abgebrochenen Germanistik- und Soziologie-Studiums in den 1960er Jahren als Statist beim Theater arbeitete, hat sich selbst nie als jemand gesehen, dem das gesprochene Wort leicht und herrisch über die Lippen geht. Den wenigen Journalisten, denen er Interviews und Besuche in seinem Haus gestattet, tritt er, wie diese zeigen, zwar durchaus selbstgewiss gegenüber, jedoch ohne exzentrische Allüren. Dass Botho Strauß nicht in Gesellschaft von mehreren Menschen reden und auftreten kann, ist keine Marketing-Strategie, sondern „eine Behinderung“, wie der Journalist Volker Hage im „Spiegel“ geschrieben hat.

Nun wird Botho Strauß, der auf den Fotos, die es von ihm gibt, kaum gealtert erscheint, also 70 Jahre alt. Ein Alter, in dem auch weniger in der Mythologie bewanderte Zeitgenossen die Dimension des Todes und der Vergänglichkeit in einer neuen Tiefe erkennen. In den „Fabeln der Begegnung“, die 2013 erschienen, taucht denn auch ein in dieser Hinsicht interessantes Bild auf: ein verblichenes Fenster, das in einem Sarg liegt. Dazu der Satz: „Aber jeder Mensch ist ein Fenster!“

Man darf gespannt sein, wie Botho Strauß zukünftig diese Schwelle, diesen Übergang künstlerisch skizzieren und gestalten wird. Sozusagen zwischen Origines und Kardinal Ratzinger, Novalis und Goethe, dem alten Symbol-Zauberer, den Strauß sehr schätzt. Mythologische Texte und dramatische Spielvorlagen gibt es genug; Strauß' Neugier und sein Staunen scheinen mit Blick auf die hohe Produktivität der zurückliegenden Jahre ungebrochen zu sein. Oder, wie es in „Lichter des Toren“ heißt: „Das Staunen kehrt wieder – der alte Mann betritt insofern ein Wunderland, als ihm das meiste verwunderlich erscheint (…). Ein Ausrufer war er, Behauptungshäuptling, bevor er ein leiser Frager wurde; ein frei und ungebunden flüsternder Mann.“ Auf die Gemeinschaft des Einzelgängers ist Verlass. Natürlich auch für Katholiken.