Der Bumerang

Bumerang-Training für WM in Kiel
Drei Bumerang liegen am 16.07.2016 in Dargow (Schleswig-Holstein) während eines Trainings auf dem Rasen. Die Bumerang-Weltmeisterschaft findet in Kiel vom 22.07. bis zum 31.07.2016 statt. Foto: Lukas Schulze/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Foto: Lukas Schulze (dpa)

Es war ein Hilfeschrei. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), eine der zwei großen Bildungsgewerkschaften in Deutschland, hat zusammen mit der Hochschule Koblenz und der Agentur Wolters Kluwer eine Umfrage unter mehr als 2 600 Kita-Leitungen durchgeführt und das Ergebnis war der WELT folgende Hauptschlagzeile für die Seite eins wert: „In neun von zehn Kitas herrscht Personalnot“. Auch in anderen Medien, vor allem den öffentlich-rechtlichen, zeigte man sich überrascht, so als ob diese Umfrage ein gut gehütetes Geheimnis offenbart hätte. Dabei wird über den Personalmangel geredet, seit es die Krippen-Offensive gibt, also seit zwölf Jahren.

Die Studie ist wie ein Bumerang, die Wirklichkeit schlägt zurück. Der Befund der Umfrage mit dem Titel „Kita-Leitung in Zeiten des Fachkräftemangels“ ergibt zunächst in Zahlen: 3,6 Millionen Kinder in Deutschland seien betreuungsbedürftig, so viele wie noch nie. Hier zählt man offensichtlich die Kinder zwischen eins und sechs Jahren zusammen. Knapp die Hälfte der Einrichtungen sei aktuell unterbesetzt, rund 90 Prozent der Befragten Kita-Leitungen gaben an, im vergangenen Jahr zumindest zeitweise mit „bedenklich zu wenig Personal“ gearbeitet zu haben. „Statt sich auf ihre pädagogischen Kernaufgaben zu konzentrieren, können Fachkräfte gerade einmal eine Minimalbetreuung sicherstellen“, heißt es in der Studie. Besonders kritisch ist, so die Studie, die Situation bei den Kleinsten: Für unter Dreijährige wird laut VBE eine Fachkraft für drei Kinder benötigt. In rund 97 Prozent der Fälle ist die entsprechende Relation allerdings schlechter. Ein Fünftel weist sogar ein Verhältnis von nur 1 : 8 oder noch schlechter auf. Auch bei den Über-Dreijährigen seien viele Kitas von dem empfohlenen Schlüssel von 1 : 7 weit entfernt. Dabei gilt: Je größer der Träger, desto mehr Stellen sind unbesetzt. Besonders betroffen von den Problemen seien Einrichtungen mit mehr als 100 Kindern. Hier komme es in rund 71 Prozent der Fälle zur Reduzierung von Angeboten und anderen Beeinträchtigungen. Kleinere Einrichtungen mit unter 20 Plätzen seien weniger stark betroffen (51,3 Prozent). „In größeren Einrichtungen ist die Personalfluktuation oftmals höher, weswegen nicht selten mehrere Stellen gleichzeitig besetzt werden müssen.“ Die Nachbesetzung offener Stellen dauere bei 70 Prozent aller Kitas im Durchschnitt mindestens drei Monate.

Im Alltag bedeutet das, dass die Erzieher und Fachkräfte den Anforderungen oft nicht gerecht werden können. 86 Prozent der betroffenen Einrichtungen gaben deshalb an, dass sie ihre Betreuungsangebote zurückfahren oder andere Maßnahmen ergreifen mussten, um den Personalmangel zu überbrücken. „Den Angestellten steht weniger Zeit für das einzelne Kind zur Verfügung, Gruppen müssen vergrößert oder sogar vorübergehend geschlossen werden“, schreibt der VBE. Zudem müssten spezielle Lernangebote und Ausflüge eingestellt werden. Trotz Überstunden seien auch für Selbstorganisation, Fortbildung und Qualitätsentwicklung nicht die nötigen Ressourcen vorhanden. In der Folge arbeite „ein beachtlicher Teil der Fachkräfte nah an der persönlichen Leistungsgrenze“. Es stelle sich die Frage, „wie Einrichtungen, in denen regelmäßig eine Fachkraft für 16, 18 oder 20 Kinder zuständig ist, die Erwartungen an eine hochwertige Bildung, Erziehung und Betreuung erfüllen sollen“.

All das ist nicht neu. Schon 2007 gab es Stimmen, nicht zuletzt in dieser Zeitung, die darauf hinwiesen, doch erstmal den Bedarf an Kita- und hier insbesondere an Krippenplätzen festzustellen und dann auch dafür zu sorgen, dass es genügend gut ausgebildete und entsprechend bezahlte Erzieher und Erzieherinnen gebe. Es wurde vorgerechnet: „Wenn ein Jahrgang das Elterngeld in Anspruch nimmt, was wahrscheinlich ist, kommen theoretisch 1,3 Millionen Kinder für Krippen infrage, das wäre dann bei 750 000 Krippenplätzen schon eine organisierte Betreuungsquote von rund 65 Prozent. Aber soviel Frauen wollen die Kinder gar nicht in die Fremdbetreuung geben, im Gegenteil, wenn sie könnten, würden sogar mehr als zwei Drittel ihre Kinder selber erziehen. Könnten die Mütter frei entscheiden, bräuchte man nur 450 000 Krippenplätze. Es wird also eine Struktur geschaffen, die auch Realitäten und Bedürfnisse schaffen soll. Dieses Bedürfnis kann man zusätzlich erzwingen, indem man die Option des Zuhause, mithin die Wahlfreiheit ökonomisch weiter einschränkt“.

Wirtschaftlicher Spielraum von Familien eingeengt

Genau das ist geschehen. Die Große Koalition hat den wirtschaftlichen Spielraum von Familien so eingeengt, dass vielfach beide Eltern arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Ausgerechnet der damalige CDU-Generalsekretär, Ronald Pofalla, sprach in einem Rundfunk-Interview von einer Steigerung um 750 000 Plätze, statt auf 750 000 und bei diesen ungefähren Angaben ist es geblieben. Heute ist er im Vorstand der Deutschen Bundesbahn mit für die ungefähren Zeiten der Bahn zuständig. An die zusätzliche Zahl von Erziehern und Erzieherinnen dachte in der Regierung damals niemand. Aber auch darauf wurde hingewiesen. Allein bei einem mangelhaften Schlüssel von 1 : 5 hätte man für wenigstens 100 000 Erzieherinnen Vorsorge treffen müssen. In keinem Budget von Bund, Ländern oder Kommunen waren Posten für die Ausbildung des neuen Erziehungspersonals vorgesehen. Der wirkliche Bedarf und die Qualität der Betreuung – das war nicht auf dem Schirm. Es ging einzig und allein um „Parkplätze“ für Kinder, um mehr junge Frauen in den Erwerbsberuf zu bringen. Dabei berief man sich ständig auf die EU. Die schlug in ihrer unverbindlichen Barcelona-Resolution einen Schätzwert von 33 Prozent vor, was sich außerdem nach den Bedürfnissen in jedem Land richten sollte. Wörtlich heißt es in den Schlussfolgerungen des Vorsitzes des Europäischen Rats vom 15.3.2002 für eine „verstärkte Beschäftigungsstrategie“ unter Punkt 32: „Die Mitgliedstaaten sollten Hemmnisse beseitigen, die Frauen von einer Beteiligung am Erwerbsleben abhalten, und bestrebt sein, nach Maßgabe der Nachfrage nach Kinderbetreuungseinrichtungen und im Einklang mit den einzelstaatlichen Vorgaben für das Versorgungsangebot bis 2010 für mindestens 90 Prozent der Kinder zwischen drei Jahren und dem Schulpflichtalter und für mindestens 33 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen.“

Nach Maßgabe der Nachfrage – die angeblich vorgeschriebenen 33 Prozent EU-Durchschnitt waren ein Täuschungsmanöver, um den Bedarf amtlich festzulegen, nach Gutsherrenart. Eine seriöse Rechnung nach Maßgabe der Nachfrage sieht anders aus. Sie muss die Geburtenzahlen in Rechnung stellen und die Wünsche der Mütter. Das hätte sich errechnen lassen, siehe oben. Heute stellt die WELT fest: „Vom Vorbild zur Verwahranstalt“. Auch das ist schöngeredet. Denn das Vorbild Kita gab es nur in den medialen Verkündigungen der Politiker, übrigens auch in den Springer-Publikationen. Immerhin zeigt der Begriff „Verwahranstalt“ mehr Sinn für die Realität.

Das zweite, nachhaltigere Problem ist die Qualität. Das wird auch in der neuen Studie nur unter dem Gesichtspunkt des Betreuungspersonals betrachtet. Als Lösung schlägt man eine bessere Bezahlung vor. Das ist richtig, greift aber zu kurz. Wichtiger noch wäre eine gründliche Ausbildung mit Berücksichtigung der wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten zwanzig Jahre in der Hirn-und Bindungsforschung sowie in der Entwicklungspsychologie. All das kostet Geld und hier stoßen Gewerkschaften, Verbände und Wissenschaft auf die Mauer des politisch-ökonomischen Establishments. Die Lobby der Wirtschaft ist stärker als die Anwälte des Kindeswohls. Hinzu kommt, dass das mediale Trommelfeuer der letzten Jahrzehnte das öffentliche Bild der Hausfrau und Mutter zerschossen und viele junge Frauen verunsichert hat. Niemand steht gern unter permanenter Anklage, schon gar nicht, wenn die Anerkennung für die eigene Leistung der Erziehung fehlt, auch wenn diese gesellschaftlich absolut notwendig ist. Jetzt wird die Rechnung präsentiert. Es fehlt landesweit an gutem Fachpersonal und an Qualität in den Kitas. Viele Eltern haben das geahnt und erziehen, wenn es irgendwie geht, ihre Kinder selbst. Eine Bewegung greift diesbezüglich um sich. Auch in der Wirtschaft dämmert es. Es fehlen nicht nur Fachkräfte, es fehlt vielen Arbeitnehmern und übrigens auch Arbeitgebern an Humanvermögen, sprich an menschlichen Fähigkeiten wie soziale Kompetenz, Empathie, emotionale Intelligenz, Ausdauer, Integrität. Die Studie des VBE ist der erste Hilfeschrei und man braucht keine prophetischen Fähigkeiten um vorauszusagen, dass weitere folgen werden. Die Politik stellt sich taub. Es gab keine Reaktionen auf die Studie. So wie sie auch keine Studien in Auftrag gibt, die die Folgen der Krippenoffensive untersuchen. Solche Studien sind vorhanden, diese Zeitung hat darüber berichtet, etwa über den von Serge Sulz herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Schadet die Kinderkrippe meinem Kind? – Worauf Eltern und ErzieherInnen achten und was sie tun können“, der die Erfahrungen und wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten Jahre zusammenfasst und in praktische Ratschläge umsetzt. Es ist eigentlich wie immer seit mittlerweile mehreren Jahrzehnten in Deutschland:

Die Familien fahren am besten, wenn sie sich nicht auf die Politik, sondern auf sich selbst verlassen und in ihrem Alltag Lösungen suchen, angefangen bei der Erziehung und Betreuung der Kleinsten bis hin zur Bildung für die größeren Kinder. Die Kirchen könnten dabei helfen und tun es in manchen Diözesen auch – aber in der Öffentlichkeit herrscht bei diesem Thema auch hier das große Schweigen.