Der Barock im Dialog mit der Moderne

Die Ausstellung „Guido Reni trifft Andy Warhol“ in Bayreuth präsentiert erstmals eine spannungsreiche italienische Kunstsammlung in Deutschland. Von Till Kinzel

Guido Reni: Die heilige Magdalena, um 1631. Foto: Fotos: Museum
Guido Reni: Die heilige Magdalena, um 1631. Foto: Fotos: Museum

Nach der spektakulären Ausstellung über die Malerfamilie der Brueghels in Paderborn lag dort die Frage nahe: Was nun, wenn wieder Normalbetrieb ohne großen Besucherandrang herrscht? Die Antwort kann sich sehen lassen: Wichtige Stücke der Sammlung des 1931 geborenen italienischen Arztes, Malers und Kunstsammlers Francesco Martani aus der Ca' la Ghironda bei Bologna werden nun erstmals in Deutschland gezeigt. Die Schau war bereits im Sommer in Paderborn zu sehen und wird nun bis Ende Januar im Kunstmuseum Bayreuth gezeigt. Die spannungsreichen Bezüge der italienischen Sammlung bringt diese Ausstellung sehr schön zur Geltung. Im ersten Teil der Ausstellung findet der Besucher eindrucksvolle Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts, in denen sich das ganze Spektrum barocker Kunst spiegelt. Neben Landschaftsbildern, Stillleben, mythologischen und allegorischen Darstellungen ist es vor allem die religiöse Malerei, die einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet. Im zweiten Teil erwarten die Besucher dann als Kontrast Werke der Avantgarden des 20. Jahrhunderts vom Futurismus bis zur Popkunst eines Andy Warhol.

Die Kunst des Barock ist durch die Fülle ihrer biblischen Themen unschwer als Paradebeispiel religiöser Kunst zu erkennen. Der Italiener Guido Reni, dem schon 1988/89 eine große Frankfurter Ausstellung („Guido Reni und Europa“) gewidmet worden war, machte jene Bilder populär, die Menschen mit einem intensiv nach oben gerichteten Blick zeigen, wie etwa Renis Heilige Magdalena von 1631 oder auch Bernardo Strozzis Allegorie der Musik von 1630. Die Präsenz Gottes beziehungsweise einer göttlichen Harmonie jenseits des Bildes selbst, die durch jene Blicke angezeigt wird, spricht auch den Betrachter an, dem eine ebensolche Blickrichtung zur Nachahmung empfohlen wird. Darin kommt ein starkes didaktisches Moment dieser Malerei zum Ausdruck, denn sie soll den Menschen selbst andächtig machen. Wenn hier das Wesentliche, nämlich Gott, als nicht darstellbar erscheint, ist dies völlig anders, wenn Jesus selbst zu sehen ist. Dann zieht dieser wie in Jean Jouvenets „Christus im Haus der Maria und Martha“ (1690) den Blick auf sich, was den nach oben gerichteten Blick malerisch verzichtbar macht. Die spirituelle Dimension vieler Gemälde spiegelt sich aber nicht nur in mehreren Madonnenbildern oder in Porträts der heiligen Magdalena, sondern auch in den prächtigen Stillleben, die Gegenwart und Vergänglichkeit der Schönheit verbinden. Vergleicht man in der Malerei häufige mythologische Motive wie etwa das Bildnis der Lukretia von Francesco Raibolini, das eine Stilisierung außerordentlicher Tugend vor Augen führt, mit Guido Renis „Magdalena“, so fällt bei dieser die Lebenswärme ebenso auf wie das dichte Haar. Die noch der Renaissance zugehörige „Lukretia“ dagegen erscheint kühl und letztlich nicht so sehr als lebendige Person, sondern als dem Betrachter eher fernes Sinnbild.

Der Philosoph Gadamer sah in der Kunst des Barock und Rokoko den letzten christlich-abendländischen Stil auf der Bühne der Menschheitsgeschichte. Auch wenn dies etwas einseitig sein mag, so steht doch außer Frage: In jener Zeit gelangte eine bildende Kunst zur Blüte, die sich intensiv dem Transzendenzbezug des Menschen und der Schöpfung überhaupt widmet. Zugleich kann jene Kunst aus ihrer Zeit heraus als sinnliches Bekenntnis zur Gegenreformation verstanden werden, indem gegen die bildfeindlichen Tendenzen der Reformation mitreißende Anschaulichkeit gesetzt wird.

Das bedeutet jedoch nicht, dass in der Kunst der Moderne spirituelle Dimensionen und religiöse Themen verschwinden. Schon der Titel Mario Tozzis Gemälde „Das Fenster zum Himmel“, in dem erst auf den zweiten Blick der spitze Turm einer Kirche zu erkennen ist, deutet dies an. Ein Gemälde Ottone Rosais („Blick aus dem Fenster“) zeigt die Kuppel eines Domes, dessen Fenster wie Augen über eine Mauer hinwegblicken und den Betrachter direkt anzuschauen scheinen. Nicht der Blick auf den Dom ist hier das Entscheidende, sondern trotz einer ironischen Note das Angeblicktwerden durch die architektonische Repräsentation des Himmels.

Die Ausstellung erlaubt einen vielfältigen Einblick in die Stilvielfalt der Moderne, die gerade im direkten Vergleich zur Barockmalerei augenfällig wird: Neben figürlichen Darstellungen stehen auch geometrische, abstrakte und stilisierte Bilder, einfarbige Skizzen stehen neben ausgesprochen bunten Gemälden. Auch hier beeindruckt die Spannweite, die von Marc Chagalls „Christus mit Kerzen“ (1960) zu Iyes Kleins „Monochromes Blau“ (1958) reicht. Ist in Chagalls Bild die religiöse Bildsprache für jedermann leicht erkennbar, im Katalog noch unterstrichen durch die direkte Gegenüberstellung mit Il Baciccios „Christus als Erlöser“, bleibt die spirituelle Dimension bei Klein erläuterungsbedürftig und eher unspezifisch, auch wenn sie unzweifelhaft vorhanden ist. Das Blau des Bildes signalisiert, dass Kunst immer mehr ist als die bloße Botschaft, die auch in ihr stecken mag; es handelt sich um ein „Mehr“ des Unsagbaren, in dem das Rätsel des Sinns von Sein aufscheint.

Eine neue Gegenständlichkeit zeigt sich dagegen in den scheinbar schlichten Stillleben von Giorgio Morandi; in der Paderborner und Bayreuther Schau ist eines davon zu sehen, auf dem eine Teekanne und zwei Tassen von jenem Menschen zeugen, der auf Morandis Bildern selbst gerade nicht vorkommt. Denn die abgenutzten Dinge verweisen noch durch ihre bloße Existenz auf eine Lebendigkeit, die dem Betrachter regelrecht „handgreiflich“ wird, da es ohne Menschen eben kein Teeservice geben kann. Der Bruch zwischen Tradition und Moderne ist zweifellos eklatant. Doch die Kuratorin Anna Wandschneider erinnert im gelungenen Katalog auch daran, dass die Moderne nicht nur Opposition gegen die Tradition ist, sondern auch deren Impulse aufgenommen hat, „Guido Reni trifft Andy Warhol“ regt dazu an, dieses Spannungsverhältnis an den geschickt ausgewählten 87 Bildern zu überprüfen.

Die sehenswerte Ausstellung ist bis 31. Januar 2016 im Kunstmuseum Bayreuth zu besichtigen, Altes Barockrathaus

Maximilianstraße 33, 95444 Bayreuth. Der Katalog kostet an der Museumskasse 25,– Euro.