Den verstoßenen Sinn retten

Hat die poetische Sprache der deutschen Literatur bereichert: Ilse Aichinger zum 90. Geburtstag. Von Ilka Scheidgen

„Ich schreibe, weil ich keine bessere Form zu schweigen finde.“ So hat die am 1. November 1921 in Wien geborene Ilse Aichinger einmal über ihr Schreiben formuliert. Als Tochter einer jüdischen Ärztin, von der sich ihr nicht jüdischer Vater trennte, um während des Nationalsozialismus keine Repressalien befürchten zu müssen, erlebte Ilse Aichinger schon in jungen Jahren die Schrecken von Verfolgung, Verfemung und Ausgrenzung, den Verlust von Sicherheit und Vertrauen. Diese frühen Erfahrungen haben ihr gesamtes schriftstellerisches Werk grundlegend beeinflusst. Ihre Mutter überlebte in Österreich, ihre Zwillingsschwester Helga konnte 1939 nach England emigrieren, aber ein Großteil ihrer Verwandten, so auch ihre Großmutter, wurde in Konzentrationslagern ermordet.

Die unglaublichen, eigentlich unbeschreibbaren Geschehnisse der Judenverfolgung machte Ilse Aichinger in ihrem Roman „Die größere Hoffnung“ – ihrem ersten veröffentlichten Werk und dem einzigen Roman überhaupt – zum Thema. Er erschien 1948 und damit in einer Zeit der beginnenden Restauration und stieß beim Lesepublikum nicht auf großes Interesse. Vordergründig wurde das Aichingers Schreibstil, der als hermetisch und unverständlich galt, angelastet. Das Romangeschehen wird aus der Kinderperspektive erzählt und handelt von Hoffnungen und Träumen eines jungen Mädchens, das als Halbjüdin nirgends dazugehört und doch dazugehören möchte. „Träume sind wachsamer als Taten und Ereignisse, Träume bewachen die Welt vor dem Untergang. Träume, nichts als Träume!“ Und so wird in diesem ersten literarischen Werk Ilse Aichingers nicht geradlinig erzählt. Realitäts- und Traumebenen verschwimmen, und die Sprache selbst wird zur verändernden Kraft: „In der Mitte der Gasse lag auf dem grauen Pflaster ein offenes Schulheft, ein Vokabelheft für Englisch. Ein Kind musste es verloren haben. Sturm blätterte es auf. Als der erste Tropfen fiel, fiel er auf den roten Strich. Und der rote Strich in der Mitte des Blattes trat über die Ufer. Entsetzt floh der Sinn aus den Worten zu seinen beiden Seiten und rief nach einem Fährmann: Übersetz mich, übersetz mich! Doch der rote Strich schwoll und schwoll, und es wurde klar, dass er die Farbe des Blutes hatte.

Sie identifizierte sich mit den Schwachen und Behinderten

Der Sinn war immer schon in Gefahr gewesen, nun aber drohte er zu ertrinken, und die Worte blieben wie kleine verlassene Häuser steil und steif und sinnlos zu beiden Seiten des roten Flusses. Es regnete in Strömen, und noch immer irrte der Sinn rufend an den Ufern. Schon stieg die Flut bis zu seiner Mitte. Übersetzt mich, übersetzt mich! Übersetzen, über einen wilden, tiefen Fluss setzen, und in diesem Augenblick sieht man die Ufer nicht. Übersetzt trotzdem, euch selbst, euch selbst, die andern, übersetzt die Welt. An allen Ufern irrt der verstoßene Sinn: Übersetz mich, übersetz mich! Helft ihm, bringt ihn hinüber!“

Was in ihren folgenden Werken für Ilse Aichinger kennzeichnend werden sollte, ist hier bereits angelegt: die aufs Äußerste verknappte Sprache und eine gegen das konventionelle Erzählen mit Anfang und Ende und einem Ziel gerichtete Schreibweise, die sie in ihren Kurzgeschichten weiterentwickelt. Ilse Aichinger hatte nach dem Krieg mit dem Medizinstudium begonnen, dieses aber nach fünf Semestern abgebrochen, um ihren Roman zu vollenden. Ab 1951 wurde sie als eine der wenigen Frauen in dem von Männern dominierten „Club“ der „Gruppe 47“ eingeladen. Dort begegnete sie dem vierzehn Jahre älteren Schriftsteller Günter Eich, der 1950 den ersten „Preis der Gruppe 47“ für seine Gedichte erhalten hatte. 1953 heirateten sie, bekamen zwei Kinder Clemens (1954–1998) und die 1957 geborene Mirjam und führten ein normales Familienleben, aber darüber hinaus ein für ihrer beider Kunst sehr befruchtendes Dasein. In Interviews hat Ilse Aichinger ihre Ehe als eine sehr beglückende Zeit, frei von Konkurrenzgefühlen beschrieben und hat ebenfalls betont, dass für sie ein Familienleben neben dem Schreiben wichtig war. „Ich würde heute niemandem mehr zureden, nur zu schreiben. Ich habe es auch nie nur getan“, sagte sie einmal in einem Interview.

1972 ist Günter Eich gestorben. Aber für Ilse Aichinger gibt es das nicht, dass der Tod sie beide voneinander scheidet. Sie waren sich zeitlebens einig, gegen Macht, Ignoranz, Intoleranz und alles, was Menschen zu Opfern werden ließ, anzugehen. Sie taten es nicht mit Agitation. Beide waren eher stille Menschen. Aber dafür umso wortmächtiger. Günter Eich hatte bei der Verleihung des Büchner-Preises 1959 gesagt: „Um die Kritik der Macht geht es, darum, ihrem Anspruch das Ja zu verweigern.“ Und Ilse Aichinger hat im FAZ-Fragebogen 1993 ihre Lieblingstugend folgendermaßen beschrieben: „Identifikation mit den Schwachen, Behinderten, Geschädigten und die Bereitschaft, die sich daraus ergebenden Konsequenzen auf sich zu nehmen.“

Was verwirklicht wird, wird dem Wesen nach verändert

Ihre Jahre unter dem Nationalsozialismus, in denen sie und ihre Familie „auf Abruf“ lebten, machten sie übersensibel für alle Formen der Macht, bis sie ihre Erkenntnis, ihr Erleben in Sprache umsetzte. Zuerst in den Roman „Die größere Hoffnung“, von Walter Jens als „die einzige Antwort von Rang, die unsere Literatur der jüngsten Vergangenheit gegeben hat“, bewertet. Danach ebenso konsequent in ihren Prosastücken und Gedichten. Die Sprache war und ist ihr wichtig, „wir müssen sie aus der Manipulationsgefahr herausnehmen“, sagt sie, „sonst sind wir alle verloren“. Insofern kann und muss ein Dichter immer unbequem sein, so wie Günter Eich in einem programmatischen Gedicht formuliert hatte: „Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.“ Ilse Aichinger hat ihre Worte stets prägnant, aber sehr sparsam verwendet, in knappen Notaten bis hin zum Aphorismus, zum Beispiel in der Textsammlung „Kleist, Moos, Fasane“ von 1987: „Alles woran man glaubt, beginnt zu existieren.“ – „Was verwirklicht wird, wird dem Wesen nach verändert. So schafft Gott Gleichgewicht zwischen den Wünschen.“ Solche Sätze erinnern an Ludwig Wittgenstein mit seinem „Tractatus logico-philosophicus“, bei dem es bekanntlich heißt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Aichingers Schreiben könnte man als Anwendung dieser Maxime verstehen. In dieser Tradition stehen auch ihre Gedichte. „verschenkter Rat“ heißt ein Band mit knapp einhundert meist sehr kurzen Gedichten von 1978. Als „Wörter noch Geschenke waren“, wie sie einmal sagte, als sie und Günter Eich sich Briefe schrieben und sie auch im Zusammenleben ihre Worte sorgsam wählten, damit sie nicht ihren Wert verloren. „So viele Fragen und alle gesprochen, so viele Häuser und alle gebaut? Die Vögel angelockt und den Himmel immer wieder gemalt, bis er verschwand.“ Und deshalb will sie sich den Blick der Kinder bewahren, den sie in ihrem Roman beschwört: „Holt das Geheimnis ein! Lauft blindlings, lauft mit ausgestreckten Armen, lauft wie Kinder“. „Und hätt ich keine Träume,/ so wär ich doch kein anderer/ ich wär derselbe ohne Träume,/ wer rief mich heim?“ „In einem“ heißt eins ihrer Gedichte und ein anderes endet so: „die Fensterblumen wollt ich beschreiben,/ wie sie zur Sonne wuchsen./ Was tat ich?“

Ilse Aichinger hat mit ihrer unsentimentalen, genauen, aber dennoch so poetischen Sprache die deutschsprachige Literatur bereichert. Sie ist dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.