Den persönlichen Ruf Christi annehmen

Für Menschen gibt es nur zwei Optionen: Entweder setzen sie auf die Zukunft, die über den Tod hinausreicht oder sie werden zu Dauernörglern. Von Kurt Cardinal Koch

Die heilige Maria von Magdala begegnet dem auferstandenen Christus: Fresko von Giotto in der Arenakapelle, Padua. Foto: IN
Die heilige Maria von Magdala begegnet dem auferstandenen Christus: Fresko von Giotto in der Arenakapelle, Padua. Foto: IN

Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt“ (Kol 3, 1). Mit diesem einen Satz fasst Paulus in seinem Bekenntnis gegenüber der Gemeinde in Kolossä zusammen, was Johannes im Festevangelium mit vielen Worten erzählt und was der innerste Kern des Geheimnisses von Ostern ausmacht: Ostern gibt die befreiende Antwort auf eine entscheidende Grundbefindlichkeit von uns Menschen. Denn wir Menschen sind nun einmal so beschaffen, dass wir ohne Zukunft nicht leben können, und zwar eine Zukunft, die auch uns selbst persönlich einschließt, und deshalb eine Zukunft, die auch über den eigenen Tod hinausreicht.

In aller Deutlichkeit ist diese Wahrheit zutage getreten in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Amerika. Damals wurde ein Hörspiel über das Weltende produziert. Dieses hat auf nicht wenige Menschen offensichtlich so realistisch gewirkt, dass sie dachten, nun stünde wirklich das Ende der Welt bevor. Dieses Hörspiel hat damals eine ganze Reihe von Selbsttötungen ausgelöst. Menschen haben sich das Leben genommen, um nicht sterben zu müssen. Diese Paradoxie verweist auf eine elementare Grundbedingung unseres menschlichen Lebens: Ohne Zukunft kann der Mensch nicht leben. Denn ohne Zukunft wird dem Menschen auch die Gegenwart letztlich unerträglich. Deshalb gibt es im Grunde nur zwei Lebensoptionen: Entweder setzen wir auf Zukunft, in die wir selbst eingeschlossen sind und deshalb über unseren eigenen Tod hinausreicht, oder wir entwickeln uns zu Dauernörglern am real existierenden Leben. Dies ist die harte Wahrheit und die nackte Realität in unserem Leben; und dies ist Grund zum Weinen.

Vielleicht empfinden Sie es für unangebracht, am Osterfest zunächst vom Weinen zu reden. Doch das Weinen ist dem Osterfest weder fern noch fremd. Denn das Weinen kommt immer aus der Tiefe der Seele, und die Tränen sind gleichsam das „Grundwasser der Seele“. Dies ist übrigens nicht nur bei den Trauertränen so, sondern auch bei den Freudentränen. Und wie sehr beide aus demselben seelischen Grundwasser stammen, kann man daran ablesen, dass Menschen, die das Weinen verlernt haben, sich auch nicht mehr richtig freuen können. Zudem und vor allem steht im Mittelpunkt des Osterevangeliums eine Frau, die weint (Joh 20, 1-18). Damit wir es ja nicht übersehen, wird es sogar viermal ausdrücklich erwähnt: Maria von Magdala steht vor dem Grab Jesu und weint.

Diese Frau weint freilich nicht einfach vor sich hin. Ihre Tränen haben vielmehr einen präzisen Grund. Sie weint um Jesus, der ihr Ein und Alles gewesen ist, den sie nun aber im Tod verloren hat und dessen Leichnam zudem noch verschwunden ist. Zusammen mit dem Leichnam Jesu hat sie ihre ganze Hoffnung begraben müssen. Maria weint, weil ihr mit dem Tod Jesu jede Zukunft entzogen worden ist. Solcher Entzug von Zukunft, ohne die wir nicht leben können, macht die eigentliche Melancholie des menschlichen Lebens aus. Die Frau im Osterevangelium schaut auch uns heute an und weckt auch in uns die Frage: Haben auch wir schon einmal darüber geweint, dass wir Jesus verloren haben? Wie tief würde uns sein Verlust berühren?

Maria von Magdala weint, weil sie Jesus verloren hat. Und dennoch sucht sie ihn: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ Maria sucht Jesus, aber sie sucht ihn bei den Toten. Sie sucht ihre Zukunft, aber sie sucht sie im Grab der Vergangenheit. Sie sucht den Herrn gerade dort, wo sie ihn gemäß der beinahe vorwurfsvollen Frage von zwei Männern in leuchtenden Gewändern im Lukasevangelium nicht suchen sollte: „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24, 6a)

Den Lebenden bei den Toten zu suchen, ist zwar letztlich absurd. Das Osterevangelium aber zeigt, dass es dennoch nicht aussichtslos ist, zumindest nicht bei Maria von Magdala. Während sie Jesus bei den Toten sucht, merkt sie gar nicht, dass der Auferweckte vor ihr steht. Die Augen für die Gegenwart des Auferstandenen gehen ihr freilich erst auf, als Jesus sie anspricht und sie bei ihrem Namen nennt: „Maria!“ Jesus sagt nur dieses eine Wort: „Maria!“ Weder hält er eine dogmatische Belehrung noch gibt er eine moralische Ermahnung. Nein, er nennt Maria nur mit ihrem Namen; und dies genügt: „Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.“ Genau hier und genau so ereignet sich Ostern. Maria sucht den Lebenden bei den Toten und macht die Erfahrung, dass der Lebende sie jenseits der Todesgrenze, nämlich von der Zukunft Gottes her, beim Namen ruft. Im buchstäblichen Sinne „namentlich“ beginnt bei Maria der Osterglaube.

Auch bei uns Menschen heute kann es sich nicht anders verhalten. Persönlich beim Namen gerufen zu werden: Darin besteht das größte Geschenk, das der Osterglaube uns macht und das uns die schönste Zukunft eröffnet. Was dies heißt, einen Namen zu haben, dies wissen vor allem all jene Menschen, die die Konzentrationslager der Nationalsozialisten erlebt haben. Deren abscheulichste Unmenschlichkeit gründete genau darin, dass sie die Namen der Menschen dadurch ausgelöscht haben, dass sie sie zu Nummern gemacht haben, gleichsam zu ersetzbaren Teilchen einer großen Maschinerie. Bereits in den siebziger Jahren hat Papst Benedikt XVI. die besorgte Frage gestellt, ob die Konzentrationslager der Nazis ein „Vorspiel“ dafür gewesen sind, „dass die Welt unter dem universalen Gesetz der Maschine als Ganzes die Struktur des Konzentrationslagers annimmt“. Denn wenn es nur noch Funktionen gibt, wird auch der Mensch zur Funktion und verliert vollends seinen Namen.

Angesichts solcher Entwicklungen ist es eine Wohltat, im Glauben darum wissen zu dürfen, einen unverwechselbaren Namen zu tragen und vom Auferstandenen wie Maria von Magdala beim Namen gerufen zu sein. Auch bei uns Menschen heute beginnt der Osterglaube immer mit einer persönlichen Begegnung mit dem auferweckten Christus, im Wort und in der Antwort der Liebe.

Wie aber können wir Menschen heute zu diesem Osterglauben kommen? Und wo ruft uns der Auferweckte heute beim Namen? Auf unwiderrufliche Weise hat er dies bei unserer Taufe getan. Von jenseits der Todesgrenze hat er uns in der Taufe namentlich gerufen und uns an seinem österlichen Leben der Auferstehung Anteil gegeben, wie Paulus uns dies in der heutigen Lesung zuspricht: „Ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit“ (Kol 3, 1-4).

Paulus deutet damit das liturgisch-sakramentale Untertauchen in das Wasser der Taufe als Untertauchen in die abgründigen Wasser des Todes, und zwar in solidarischer Gemeinschaft mit Jesus, der selbst zuvor in dieses dunkle Wasser getaucht wurde. Und die österliche Erfrischung durch das Bad der Taufe betrachtet Paulus als Auferweckung zu einem neuen und unvergänglichen Leben, und zwar wiederum in solidarischer Gemeinschaft mit Christus, der in der Kraft des Geistes Gottes aus dem Grab des Todes in das ewige Leben Gottes auferweckt wurde.

Getauft zu werden, bedeutet folglich, zusammen mit Christus zu sterben, um ebenso mit Christus durch das Bad der Taufe als neuer Mensch auferweckt zu werden. Was Maria von Magdala an Ostern am und mit dem Grab Jesu erfahren hat, das vollzieht sich im Bad der Taufe durch Christus an jedem einzelnen Menschen: der endgültige Übergang vom Tod ins Leben. In der Taufe ereignet sich für jeden einzelnen Menschen sein persönliches Ostern. Das große Ja, das Gott an Ostern zur ganzen Schöpfung gesprochen hat, wird in der Taufe als dem gleichsam kleinen Ja für jeden einzelnen Menschen fällig. Die Taufe begleitet uns als österlicher Regenbogen durch unser Leben, indem sie auf das Ganze unseres Lebens vorgreift und sogar über den Tod hinaus Zukunft eröffnet.

Von daher gehören Ostern und Taufe unlösbar zusammen, ja die Taufe hat ihren ursprünglichen und spezifischen Ort in der Osternacht. Wie die Osterfeier den Übergang vom Tod Jesu Christi in das Leben seiner Auferstehung zum zentralen Inhalt hat, so ist die Taufe die sakramentale Teilhabe an diesem Übergang vom Tod zum Leben, weil uns Christus selbst beim Namen gerufen hat. Das Osterfest wird uns deshalb auch zur Einladung, diesen namentlichen Ruf Christi in der Taufe anzunehmen und aus ihm zu leben.

Solche persönliche Ostererfahrungen haben Konsequenzen – wie bei Maria von Magdala. Nach der persönlichen Begegnung mit dem Auferweckten wird sie auf den Weg geschickt: „Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Maria folgt dieser Wegweisung und verkündet: „Ich habe den Herrn gesehen.“ So wird sie zur ersten Osterzeugin. Wiewohl sie nicht zu den zwölf Aposteln gehört, ist sie dennoch die erste, die dem persönlichen und namentlichen Ruf Jesu Christi antwortet und die Osterbotschaft verkündet. Die Kirchenväter nennen sie deshalb mit Recht „apostola apostolorum“.

Vor derselben Konsequenz stehen auch wir heute. Wenn wir persönlich Ostern erfahren und den Ruf Jesu Christi an uns mit unserem Namen verspüren, sind auch wir auf den Weg geschickt, um den Brüdern und Schwestern zu sagen, dass wir den Herrn gesehen haben. Auch für uns kommt nun die Stunde der Verkündigung – wohl wissend darum, dass Ostern letztlich unsagbar ist, weil unsagbar groß. Ostern können wir deshalb nicht mit Worten allein verkünden. Wir sind vielmehr eingeladen, mit unserem Leben Zeugnis zu geben. Dies bedeutet vor allem, dass wir österlich zu leben versuchen.

Wer von Christus in der österlichen Taufe beim Namen gerufen und deshalb mit dem Taufwasser gewaschen ist, kann unmöglich ein Mensch werden, der „mit allen Wassern gewaschen“ ist. Er ist vielmehr berufen, im Lebenswasser der Liebe zu leben. Die Liebe ist folglich das deutlichste Erkennungszeichen von Ostern. Denn die Liebe ruft wie der Auferweckte den Menschen bei seinem Namen. Sie schaut dem Menschen ins Gesicht, sie sieht ihn an und gibt ihm dadurch An-Sehen. Und die Liebe eröffnet Zukunft, weil sie stärker ist als der Tod. Die Liebe ist das schöne Alphabet, mit dem wir die Ostererfahrung buchstabieren können, dass uns der Auferweckte von jenseits der Todesgrenze beim Namen ruft.

Diese Botschaft enthält Hoffnung auf neue Zukunft, auf die die Menschen heute warten. Den Menschen, die – wie Maria von Magdala – immer wieder Grund zum Weinen haben, dürfen wir die tröstliche Botschaft überbringen, dass auch sie vom auferstandenen Christus persönlich beim Namen gerufen sind, dass sie keine Nummern, sondern Personen sind. Richten auch wir heute – wie Maria von Magdala – aus, was der Auferweckte uns heute sagt. Streben wir deshalb „nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt“. Und lassen wir diese frohe Botschaft zunächst unserem eigenen Herzen gefallen, damit wir dem namentlichen Ruf Jesu Christi unsere ebenso persönliche Antwort mit einer Geste des Lobes und des Dankes geben können: „Amen! Halleluja!“