Den funkelnden Kern von Hildegards Erleben mitvollziehen

Tönende Visionen: Die CD „Lebendiges Licht“ mit Gesängen der Hildegard von Bingen thematisiert ihre Erfahrungen mit Gott. Von Barbara Stühlmeyer

Lebendiges Licht haben die Sängerin Margarida Barbal und Catherine Weidemann, Geigerin und Ergotherapeutin, die seit 1997 auch auf dem Psalterium konzertiert, ihr CD genannt, auf der sie die Antiphonen „O choruscans lux stellarium“, „O Quam pretiosa“, „O nobilissima viriditas“, „O frondens virga“ und „Quia ergo femina“ eingespielt haben. Mit dem Titel geben die beiden Künstlerinnen den Interpretationsrahmen vor. Denn Hildegard von Bingen hat Gott, dem sie als Hörende und Schauende in ihren Auditionen und Visionen begegnete, stets als das Lebendige Licht beschrieben. Die untrennbar enge Verwobenheit der Gesänge mit dem spirituellen Erfahrungsraum, in dem sie wurzeln, wird auf dieser Einspielung unmittelbar hör- und spürbar.

Barbal und Weidemann musizieren nicht nur hochprofessionell, sondern, was weit mehr ist, den funkelnden Kern von Hildegards Erleben mitvollziehend, sensibel die Tiefenschichten der komplexen einstimmigen Melodien erfassend, die sich in der klingenden Realisation als tönenden Abbild eines kommunikativen Prozesses erweisen. Den Einsatz des Psalteriums als solistisches und als behutsam eingesetztes Begleitinstrument begründen die Musikerinnen mit Rückgriff auf Hildegards Schriften. Immer wieder thematisiert die Visionärin in ihren theologischen Schriften und ihrem Briefwechsel die wegweisende und öffnende Funktion des Instrumentalspiels, das sowohl der Spielerin als auch dem Hörer Pfade bahnt, auf denen man im das Eigentliche übertönenden Gewirr des Alltags zu innerer Ruhe, der heilsamen Begegnung mit sich selbst und mit Gott, und der Erfahrung des benediktinischen habitare secum, des Wohnens bei sich selbst, gelangen kann.

Die Töne des Psalteriums resonieren in den äußeren und inneren Schichten des Körpers und schließen den Geist für die Worte auf, die ihm im klingenden Gotteslob begegnen.

Barbal und Weidemann legen ihrer Interpretation zudem die der Neumen- schrift innewohnende, den Wortakzent hervorhebende und der Markierung der Deutungsschwerpunkte des Satzes dienende rhythmische Bedeutung dieser auch für die Aufzeichnung des Gregorianischen Chorals verwendeten Notenschrift zugrunde. Sie machen so hörbar, dass die geistlichen Gesänge des 12. Jahrhunderts, in dem die Benediktinerin Hildegard von Bingen lebte, schrieb und komponierte, Zweige sind, die den Wurzeln des Chorals entspringen. Zwar sind ihre Antiphonen, Responsorien, Sequenzen, Hymnen und weitere Gesänge nicht in campo aperto, also linienlos über dem Text, sondern auf einem unserer heutigen Notenschrift bereits ähnlichen vierfachen Liniensystem notiert. Ihre sorgfältige Untersuchung zeigt jedoch, dass die komplexen und von Hildegard bewusst eingesetzten Zeichen zwar nicht exakt dieselbe rhythmische Bedeutung haben, ihnen aber dennoch eine klar erkennbare Aussagekraft innewohnt, die von den beiden Musikern ausgezeichnet erfasst und umgesetzt wird.

In der Präsentation der Melodiefassung geht Barbal an der einen oder anderen Stelle eigene Wege. Das ist legitim, denn im 12. Jahrhundert waren Kompositionen nicht in Stein gehauene Konstrukte, an denen man kein Jota ändern durfte, sondern vielmehr lebendige tönende Netzwerke, deren konkrete klangliche Realisierung dem jeweiligen Augenblick geschuldet war. Das bedeutet nicht, dass sie sich je nach dem Kontext, in den sie gesungen wurden, vollkommen veränderten, wohl aber, dass Varianten ein normaler Teil der mittelalterlichen Aufführungspraxis war.

Den Glauben zu singen ist vielen Wissenschaftlern fremd

Dass Weidemann nicht nur professionelle Musikerin ist, sondern als Ergotherapeutin auch in einem Heilberuf arbeitet, wird auf dieser CD zweifelsfrei hörbar. Sie hat eine heilende Ausstrahlung, trägt im Hören dazu bei, dass Disparates wieder zusammengefügt werden kann und das in sich verkrümmte Herz sich aufrichten und der suchende Mensch wieder einen freien Blick gewinnen kann. Lebendiges Licht ist eine CD, die in einer Zeit veröffentlicht wird, in der Hildegards Kompositionen in der Wissenschaft wieder neu auf den Prüfstand gestellt werden. Wie schon gegen Ende der 1998er Jahre wird infrage gestellt, dass Antiphonen als Antiphonen gesungen wurden und Sequenzen als Sequenzen erklangen. Den Glauben zu singen ist manch heutigem Wissenschaftler so fremd, dass er den Gedanken, dass so etwas nicht nur möglich ist, sondern im 12. Jahrhundert ganz selbstverständlich vielerorts praktiziert wurde, nicht begreifen kann und deshalb alles tut, um die ihm unerträgliche Wirklichkeit wegzuerklären. Dass dies logisch falsch und zudem schlechte wissenschaftliche Arbeit ist, scheint kein Hinderungsgrund für die realitätsfernen Thesen zu sein. Unprätentiös und auf höchstem geistlichen und künstlerischen Niveau Hildegards Gesänge zu präsentieren ist ein geeignetes und in der gegenwärtigen Situation umso willkommeneres Mittel des Umgangs mit derartigen Versuchen. Und natürlich gibt es noch einen weiteren, gewichtigeren Grund, diese CD zu hören: Sie stärkt den Glauben, öffnet die geistlichen Sinne und holt etwas sehr Altes aus dem Schatz der Kirchenmusik hervor, das auf geheimnisvolle Weise ganz neu erscheint.

Lebendiges Licht. Hildegard von Bingen. Margarida Barbal, Catherine Weidemann. Psalmos Medienverlag, Freiburg, 2016, EUR 10,–