Demokratie braucht mutige Journalisten

Im Journalismus geht es auch immer um die Würde des Menschen sowie des Wortes – Die Medien brauchen Disput und einen angstfreien Dialog. Von Martin Lohmann

Zeitungskrise
Zeitungen sind auch im Online-Zeitalter unverzichtbar. Ihr Stärke liegt gegenüber den Sozialen Medien etwa vor allem im Bereich der Hintergrundberichterstattung und Einordnung von Themen. Foto: dpa
Zeitungskrise
Zeitungen sind auch im Online-Zeitalter unverzichtbar. Ihr Stärke liegt gegenüber den Sozialen Medien etwa vor allem im ... Foto: dpa

Lügenpresse? Lückenpresse? Versachlicher? Informationspflicht? Neutralität? Unabhängigkeit? Subjektivität? Objektivität? Garanten für Wahrhaftigkeit? Diener der Demokratie? Anwälte einer fairen Streitkultur? Oder gar: Mitarbeiter der Wahrheit? Wenn in diesen Zeiten die Rede auf Medien kommt, dann ist die Bewertungsskala groß. Aber die Erwartungsskala ebenso. Und, das muss man realistisch und ehrlich zugeben: Es gibt Enttäuschungen und Irritationen. Und gerade jetzt, wo sich ein eher schläfriger und offensichtlich jede Oberflächlichkeit liebender Wahlk(r)ampf dem Ende zuneigt, fragt sich so mancher: Welche wachrüttelnde und aufklärerische Rolle spielten eigentlich die Medien?

Journalismus fordert Charakter wie Unabhängigkeit

Nun gut, es gab Aufreger. Meistens nach demselben Muster. Da suchte – und fand – man immer wieder etwas bei einer neuen Partei, die von den etablierten Parteien aus verständlichen Gründen mit Klischees überzogen wird, diese aber auch immer wieder bediente. Zum Beispiel, wenn ein Spitzenkandidat in einer freien Rede im Zusammenhang mit einer als überfordert empfundenen SPD-Dame das Wort „entsorgen“ benutzte. Skandal, Skandal, rief die etablierte Parteien-Republik, brav sekundiert von vielen Medien. Warum eigentlich erinnerte sich in den Redaktionsstuben niemand daran, dass vor vier Jahren ein gewisser Sigmar Gabriel von der SPD davon sprach, man wolle Merkel und diese Regierung „rückstandsfrei entsorgen“? Vielleicht, weil es damals, aus dem Munde eines Sozialdemokraten ja kein Problem war, dieses Unwort zu benutzen? Damals keine Aufregung, kein Skandal, heute Vergessen und Totschweigen.

Es bedarf keiner prophetischen Gaben, um zu erkennen, dass sich der bisherige Journalismus in einer Phase des gewollten oder ganz und gar ungewollten Wandels befindet. Was also sollten die Medien und ihre Macher, denen ein besonders großes Stück Freiheit samt der damit verbundenen besonders großen Verantwortung geliehen ist, künftig leisten? Müssen sie mehr sein (können), als simple Vasallen eines sogenannten Mainstreams?

Der Publizist und Professor für Politik an der Universität Trier, Ulrich Teusch, ist nicht alleine mit seiner Beobachtung, dass bei sogenannten Qualitätsmedien häufig Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet, andere „gezielt unterdrückt“ werden. Er stellt auch fest, dass „Nachrichten in tendenziöser Weise bewertet“ werden, „das heißt, es wird mit zweierlei Maß gemessen, es gibt ,double standards‘.“ Und alle drei Aspekte „hängen eng zusammen und verstärken sich wechselseitig. Wenn sie auf bestimmten Themenfeldern lange genug und mit ausreichender Intensität wirken, entstehen dominante Narrative, also große journalistische Erzählungen oder Deutungsmuster, in die dann alle neu einlaufenden Informationen eingeordnet werden können – oder eben auch nicht, so sie denn nicht ins Narrativ passen. Manchmal wächst sich das zu Kampagnen aus oder auch zu regelrechter Propaganda.“

Stellenabbau, Abgehobenheit, Selbstbedeutsamkeitskult und Konformismus sind heute eine nicht wirklich gesunde Mischung eingegangen. Teusch macht heute zudem eine „Vielzahl von Krisen, Konflikten und Kriegen“ und ein Verstärken der „gesellschaftlichen Fliehkräfte“ sowie eine Zunahme der Polarisierung aus: „In einer solchen Situation nimmt der Mainstream seine soziale Integrationsfunktion immer weniger wahr. Er positioniert sich aufseiten der etablierten Ordnung. Er läuft an der kurzen Leine, wird mehr denn je zum Lückenmedium. Aus Mainstream- werden Establishment-Medien.“

Kein Wunder also, dass es in manchen Redaktionsstuben – auch betrieben durch einen früher nicht zugelassenen wirtschaftlichen Superdruck seitens der Eigentümer – viel Interessengeleitetheit gibt und die Versuchung, den Mächtigen eher zu gefallen und zu dienen, als diese selbstbewusst kritisch zu begleiten. Ausgerechnet die Medien, die sich in den vergangenen Jahren offensichtlich von der vierten – nicht demokratisch „legitimierten“ – Gewalt zur mächtigsten Macht im Staate stilisierten, stehen heute vor einem diesbezüglichen radikalen Absturz verlorener Macht durch existenzgefährdende Glaubwürdigkeitsverluste. Wie ist es heute bestellt um Nachhaltigkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit, Dienstfunktion? Warum ist das so wichtig – für eine stabile und wehrhafte Demokratie?

Medien haben eigentlich die Aufgabe, die Primärwirklichkeit zu transportieren, abzubilden als Sekundärwirklichkeit für die Rezipienten. Und zwar so, dass sich die Empfänger ein möglichst maßstabsgetreues Bild von der abgebildeten Erstwirklichkeit machen können. Was prägt heute mehr – die Primärwirklichkeit die Sekundärwirklichkeit oder längst umgekehrt? Wird zu vieles durch die wertende Brille des Journalisten transportiert? Subjektivismus als Diktat?

Josef Pieper, der große Philosoph und Thomas-Kenner, war davon überzeugt, dass Wort und Sprache das Medium seien, „in welchem die gemeinsame geistige Existenz insgesamt sich abspielt. Im Wort vor allem trägt mitmenschliches Dasein sich zu und demnach kann, wenn das Wort verdirbt“, so Pieper, „das Menschsein selber nicht unberührt und unversehrt bleiben. Im Wort wird Realität deutlich“, man redet, um in der Benennung etwas Wirkliches kenntlich zu machen, kenntlich für jemanden natürlich und darin liegt der Mitteilungscharakter der Sprache. Die Würde des Menschen hat auch etwas mit der Würde des Wortes zu tun. Und schon Platon wusste, dass die Entartung der politischen Herrschaft untergründig zusammenhänge mit dem sophistischen Missbrauch des Wortes. Die „latente Virulenz des totalitären Giftstoffes“ könne geradezu abgelesen werden am Symptom des publizistischen Missbrauchs der Sprache. Erstaunlich, was da aus alten Zeiten an Erkenntnis zu uns heute „ganz aktuell“ herüberschwappt.

Zu den Herausforderungen für profilierte Journalisten gehören heute: Respekt vor der Menschenwürde eines jeden. Handwerkliche Sauberkeit, Sorgfalt, und nonkonformistische Recherchekompetenz. Fairness. Anstand. Charakter. Ethische Sensibilität. Unabhängigkeit. Gewissensbildung.

Journalisten, mit denen man das Wort Qualität verbinden kann, sind solche, die keine Angst haben vor aggressiven Lobbys, der Gender-Ideologie, perfiden Einschüchterungen der Mächtigen und dem Mainstream. Solche Journalisten leisten sich Unabhängigkeit in Kopf und Herz, Differenzierungsvermögen, Kritikfähigkeit und Mut zur Wahrheit.

Die Demokratie braucht dringend mutige und freie Journalisten! Also die Kompetenz der erkennbaren, nachhaltigen Unterscheidung von möglichst subjektiver Meinung und möglichst objektiver Nachricht. Unsere Freiheit braucht eine gelebte Meinungsvielfalt. Ohne Verteuerung, ohne Verleumdungen, ohne Diskriminierung. Unsere Freiheit braucht Menschen, die sich Verantwortung in Freiheit und Freiheit in Verantwortung zutrauen – und diese selbstverständlich leben.

Freiheit und Demokratie brauchen in den Medien die gelebte Begabung zum Nonkonformismus und zu eigener und sauberer Recherche. Wir brauchen den Disput und einen angstfreien Dialog. Ohne Verbote. Ohne mediale Scheiterhaufen. Medienleute müssen wahrhaftige Mitarbeiter der Wahrheit sein (können).