Demographische Theodizeefragen

Aufgrund der demographischen Entwicklung erleben immer mehr die Leiden des Alters in der eigenen Familie. Was tun? Von Johannes Seibel

Wie damit umgehen, wenn im Bekanntenkreis und in der Familie immer mehr Menschen gebrechlich werden? Foto: Symboldpa
Wie damit umgehen, wenn im Bekanntenkreis und in der Familie immer mehr Menschen gebrechlich werden? Foto: Symboldpa

Eine Szene am Neujahrstag in einem deutschen Seniorenheim: Die älteren Menschen im Alter rund um die 80 Jahre begegnen sich im Eingangsbereich, einige kommen mit ihren Rollatoren gefahren. Sie begrüßen sich alle freudig. „Alles Gute zum Neuen Jahr.“ Und im gleichen Atemzug sofort: „Vor allem Gesundheit.“ „Ja, ja, genau Gesundheit“, antwortet es. Und manche Gespräche kommen dann auf Bekannte zu sprechen, die im Krankenhaus liegen, an Krebs erkrankt sind, nicht mehr laufen können, gefallen sind, dement werden. „Hauptsache, gesund“, hört der Beobachter es ab und an.

Eine andere Szene in der Silvesternacht zuvor. Die Kinder dieser Generation, die heute um die 50-Jährigen, sitzen bei einer privaten Feier zusammen. Das Gespräch kommt auf die Eltern. Und zuweilen die Hilflosigkeit der Kinder, dem Altwerden und Gebrechlichwerden des eigenen Vaters und der eigenen Mutter zuzuschauen und damit zurechtzukommen – oder bei Bekannten und Freunden zu erleben, wie diese hinfällig werden, sich aus dem Leben zurückziehen und zu sehen, wie dabei Familien zu zerbrechen drohen oder überhaupt nicht funktionieren und man als Bekannter selbst, etwa aus rechtlichen Gründen, nicht helfend eingreifen kann.

Bei diesen Gesprächen kommt auch Gott ins Spiel. Die uralte Frage der Theodizee, warum Gott dieses Leid zulässt, wird gestellt, und gefragt wird, warum die Anstrengungen, diesem Leid im Alter einen Sinn zu geben, so wenig Tröstliches für das konkrete Umgehen mit dem Leid bieten. Auch der Hinweis, dass das Hinfälligwerden nun einmal der Lauf der Dinge ist und dies zum Leben gehört, löst eher Unsicherheit aus: „Was hilft mir das jetzt, wenn ich mich um meine Eltern oder Bekannte kümmern soll und ich damit Probleme habe?“ Selbst ein Hinweis, auf die christliche Art und Weise, dem Leid im Alter zu begegnen, könne helfen, damit gelassener umzugehen, wird kaum verstanden. Mancher im Kreis weiß von älteren Menschen zu berichten, die an Gott glauben und ihren Glauben ein Leben lang praktiziert haben, aber jetzt im wahrsten Sinne des Wortes einfach nur lebensmüde sind.

Sicher, es lässt sich die moderne Fixierung auf die Gesundheit und das ängstliche Klammern an einem vermeintlichen Ideal der Leidfreiheit, ja geradezu die Sucht nach einem sicheren und guten Leben bis zuletzt mit guten philosophischen Gründen kritisieren und gar karikieren. Die Menschen merken oft gar nicht mehr, wie unter dem Mantel der modernen Autonomie- und Emanzipationsversprechen sich ein unmenschlicher Anspruch an die Qualität des Lebens entwickelt hat, der gar nicht eingelöst werden kann und so die Menschen unter Druck setzt. Sicher, die Gesellschaft beschäftigt sich längst mit solchen Fragen und Bestseller wie die des Schriftstellers Arno Geiger über die Demenz seines Vaters oder die öffentliche Auseinandersetzung um die Demenz von Professor Walter Jens zeigen, dass nicht alles in Richtung Sinnlosigkeit treiben muss. Aber wenn es dem Einzelnen konkret im eigenen Leben passiert, dass er mit dem Altersleid konfrontiert wird, dann kann er diese Einsichten nicht als eine Art Handlungsanleitung ins eigene Leben übersetzen. Er fragt dann nicht selten: „Warum zeigt sich Gott gerade jetzt nicht? Nicht meinen Eltern? Nicht meinen Bekannten? Nicht mir?“

Es ist eine demographische Theodizeefrage, die sich gerade in einer rapide alternden Gesellschaft neu erhebt und umgeht. Die Kirche sollte das nicht unterschätzen.