Dekadenz überwinden

Die Ruhrfestspiele starten mit zwei Hollywood-Schauspielern

Bobby Gould und sein alter Bekannter Charlie, zwei Hollywood-Filmproduzenten, wollen ihre Erfolge mit einem echten „Blockbuster“ krönen, der die Kassen klingeln lassen soll. Den Stoff dazu kann Charlie liefern; Bobby, Produktionschef eines großen Studios, hat das Geld und Kontakte. Die Koproduktion droht zu scheitern, als Bobby von seiner Sekretärin (und heimlichen „Herzdame“) Karen ein künstlerisch wertvolles Drehbuch angeboten wird. Kunst oder Kommerz? Über diese Frage liefern sich Bobby und Charlie im weiteren Verlauf erbitterte Wortgefechte...

Kunst oder Kommerz? – das ist die Kernfrage im Stück „Speed the plow“ („Die Gunst der Stunde“) des amerikanischen Autors David Mamet. Die bissige Satire auf das amerikanische Filmgeschäft, im weiteren auch auf die Profit-fixierte, desillusionierte Gesellschaft (nicht nur die amerikanische) erlebte am vergangenen Wochenende bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ihre kontinentaleuropäische Premiere. Das Traditionsfestival brachte Mamets Stück in einer Gemeinschaftsproduktion mit dem Old Vic Theatre London auf die Bühne.

Erfahrungen mit Filmen

Die Besetzung war hochkarätig – in den Hauptrollen: zwei Film- und Bühnenstars, die Hollywood von innen kennen: der zweifache Oscar-Preisträger Kevin Spacey, seit 2004 künstlerischer Leiter des 1818 gegründeten Old Vic, und der Schauspieler und Regisseur Jeff Goldblum, der unter anderem mit Filmen wie „Der Stadtneurotiker“ an der Seite von Woody Allen und „Independence Day“ internationalen Ruhm erlangte.

Auf die Frage im Vorfeld der Premiere, ob Mamets Satire auch mit ihnen zu tun habe, antworteten beide eindeutig mit „Ja“. Wer die oberflächliche Welt der Hollywood-Studios kenne, habe es leichter, die Rollen der beiden Produzenten, die sich letztendlich für den Kommerz entscheiden, überzeugend auszufüllen.

David Mamet, Jahrgang 1947, zählt zu den führenden Autoren des amerikanischen Theaters, ist auch Verfasser zahlreicher Drehbücher, unter anderem für den Film „Verdict“ („Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“). Für diese Arbeit wurde er 1982 für den Oscar nominiert. Seine Erfahrungen mit der amerikanischen Filmindustrie sind in die Figuren von Bobby und Charly mit eingeflossen. Mamet steht exemplarisch für die enge Verbindung von Theater und Film, ein besonderes Merkmal der amerikanischen Kulturlandschaft.

Das amerikanische Theater

Unter dem Leitwort „A world stage“ steht das amerikanische Theater im Mittelpunkt der diesjährigen Ruhrfestspiele. Dabei kommen nicht nur „Klassiker“ wie Eugene O'Neill, Arthur Miller und Tennessee Williams auf die Bühne. Auf dem Programm stehen auch Gegenwartsautoren wie David Mamet und Sam Shepard. Die Befindlichkeit der amerikanischen Gesellschaft, die zunehmende Kritik der Amerikaner am selbst geschaffenen „Mythos Amerika“ findet in vielen Stücken ihren Niederschlag, etwa in Shepards „Goldener Westen“– die Geschichte eines Bruderzwistes. Am 27. Mai erlebt das Stück– unter der Regie von Festspielleiter Frank Hoffmann – seine Premiere bei den Ruhrfestspielen.

Hoffmann hat die Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft und damit auch der amerikanischen Theaterlandschaft in den vergangenen Jahren mit Interesse beobachtet: „Der 11. September war ohne Zweifel eine Zäsur im amerikanischen Bewusstsein“, so der Festspielleiter. „Deshalb ist er auch ein wichtiges, aktuelles Thema des amerikanischen Dramas. Viele Autoren setzen sich mit den Umwälzungen durch dieses Ereignis auseinander, richten ihren Blick dabei auch über Amerika hinaus.“ Hoffmann nennt als Beispiel Tuvia Tenenbom, einen Autor israelisch-amerikanischer Herkunft. In seiner schwarzen Komödie „The last virgin“ macht Tenenbom den „Kampf der Kulturen“ zum Thema.

Vieles von der Entwicklung, wie sie heute in der amerikanischen Theaterliteratur aufgegriffen werde, habe sich jedoch schon vor dem 11. September abgezeichnet, betont der Leiter der Ruhrfestspiele. „Wer die amerikanische Literatur der 80er und 90er Jahre liest, stellt fest, dass diese tiefgehende Verunsicherung, die Angst, der Selbstzweifel, sich schon vor dem 11. September in die amerikanische Gesellschaft eingeschlichen hatten. Der Schock durch den Angriff auf das World Trade Center hat dieses allgemeine Klima in den Vereinigten Staaten verstärkt. Es gibt in der amerikanischen Bevölkerung ein zunehmendes In-Frage-Stellen der eigenen Geschichte, eine kritischer werdende Auseinandersetzung mit amerikanischer Politik. Das zeigt sich vor allem in der wachsenden Ablehnung des Irak-Kriegs.“

Neben der politischen Auseinandersetzung gibt es auch einen deutlichen religiösen Akzent in der amerikanischen Theaterliteratur – das war schon immer so, wie Frank Hoffmann sagt: „Im Unterschied zu einem Teil der europäischen Nachkriegsliteratur hatte und hat die amerikanische Literatur, auch die Theaterliteratur, immer eine transzendente Dimension. Nehmen Sie einen Autor wie Arthur Miller. Das letzte Stück, das er vor seinem Tod im Februar 2005 geschrieben hat, wird jetzt bei uns Recklinghausen aufgeführt. Sein Titel ist Programm: ,Auferstehungsblues‘“

Arthur Millers Stück wurde erst posthum, im Jahr 2006, am Old Vic Theatre in London – unter der Regie von Robert Altman und mit Maximilian Schell in der Hauptrolle – uraufgeführt. Bei den Ruhrfestspielen ist Millers „Auferstehungsblues“ als deutschsprachige Erstaufführung, in Koproduktion mit dem Staatstheater Stuttgart, zu sehen. Das Stück ist eine kritische, zum Teil parodistische Auseinandersetzung mit religiösen Fragen. Kritisiert wird der manchmal fragwürdige Umgang mit Religion, ihr Missbrauch – dies alles am Beispiel eines diktatorischen Systems in Lateinamerika. Niemals aber wird in Millers Stück der Respekt vor religiösen Gefühlen verletzt. Seine Auseinandersetzung bleibt, auch wo sie bewusst überzeichnet ist, ernsthaft.

Mit „Speed the Plow“ haben die Ruhrfestspiele begonnen. Bis zum 15. Juni vermitteln sie einen differenzierten Blick auf das amerikanische Theater und die amerikanische Gesellschaft – und eröffnen dabei auch neue Perspektiven. Gerade dies mache, betont Festspielleiter Hoffmann, das Besondere amerikanischer Theaterliteratur aus. „Bei aller Kritik lassen die Autoren Raum für Hoffnung gebende Ausblicke. Es geht um die Dekadenz der Gesellschaft; es geht aber auch darum, Möglichkeiten zu zeigen, wie man Kritik positiv umzusetzen, das heißt, Wege aus der Krise finden kann. Zwar werden keine konkreten Schritte gezeigt. Das ist auch nicht die Aufgabe eines Autors. Das muss die Gesellschaft, muss die Politik schon selbst leisten. Aber Raum für Hoffnung bleibt – und das ist wichtig.“

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