Das von Natur aus das Rechte tun…

Gefragt: gesunder Menschenverstand, Hören aufs Gewissen, freie Zustimmung. Von Hans Thomas

Landesausstellung Sachsen-Anhalt
Die Heidelberger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels wird am Donnerstag (27.08.2009) während einer Vorbesichtigung der neuen Landesausstellung "Aufbruch in die Gotik" im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg gezeigt. Das Stück mit kolorierten Federzeichnungen auf Pergament wur... Foto: Jens Wolf (dpa-Zentralbild)

Sklaverei verstößt, davon sind wir überzeugt, gegen elementare Menschenrechte und verletzt die Menschenwürde. Schon im Sachsenspiegel, dem ältesten Rechtsbuch des deutschen Mittelalters, ist vom Unrecht der Leibeigenschaft die Rede, wie der Hamburger Professor Tilman Repgen zeigt. Um das Jahr 1230 schreibt darin dessen Verfasser, Eike von Repgow, Unfreiheit verstoße per se gegen das gottgewollte natürliche Recht. Recht, so Eike von Repgow, müsse man nicht erfinden, sondern finden. Das von Natur aus Rechte sei schon da – wie die Fallgesetze schon da waren, ehe Newton das Gravitationsgesetz entdeckte.

Bevor von Menschenwürde und Menschenrechten die Rede war, sprach man von „Naturrecht“. Gemeint ist ein Verhalten, wie es dem Menschen von Natur aus aufgegeben ist. Danach zu handeln und so das leib-geistige Wesen des Menschseins zum Ausdruck zu bringen, dazu ist jedermann persönlich verpflichtet und selbstverständlich berechtigt. Das Recht darf niemanden abgesprochen werden. Von niemandem, zumal nicht vom Staat, der dieses Recht vielmehr zu respektieren und zu schützen hat.

Die internationale Gemeinschaft sucht Rechte, die dem Menschen von Natur aus zustehen, näher zu erfassen als unverletzliche Menschenrechte, die staatlich wiederum – so im Grundgesetz des Bundesrepublik Deutschland – als Grundrechte formuliert sind. Im Unterschied zu anderen Gesetzen gebieten sie Politikern: Hände weg! Jede Zuständigkeit, selbst daran herumzudeuteln, bleibt versagt.

Gleichwohl wird heute heftig darüber gestritten, ob es so etwas wie das von Natur aus Rechte überhaupt gibt und warum. Und wenn ja, was im Einzelnen darunter zu verstehen ist. Zum Warum lautet die breite Übereinkunft zur Begründung der Menschenrechte: Anerkennung der unantastbaren Würde des Menschen. Auf dieser Grundlage bekennt sich das Grundgesetz zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten in Gestalt der Grundrechte.

Mit der Frage, was moralisch richtig und was rechtens ist, hatten und haben gläubige Christen es eigentlich einfacher als Nicht- oder Andersgläubige. Sie halten sich an die Zehn Gebote und die Botschaft Jesu Christi. Dabei konnten sich die Christen bereits von Anfang an auf beachtliche Einsichten der vorchristlichen Antike stützen, die eine erstaunliche Übereinstimmung dieser natürlichen Vernunfteinsichten mit den Zehn Geboten aufwiesen – dem Vierten bis Zehnten jedenfalls, die das Miteinander der Menschen lenken (die ersten drei behandeln den Umgang mit Gott). Die naheliegende Vorstellung, Gott habe bei der Erschaffung des Menschen diesem auch gleich seiner „Natur“ gemäße Verhaltensweisen empfehlend eingestiftet, weckte früh das kirchliche Interesse am Naturrecht-Denken.

Schon immer lebten zudem gläubige Christen mit Nicht- oder Andersgläubigen zusammen. Deshalb hat die Kirche schon früh zum Nachdenken darüber angeregt, welche moralischen und rechtlichen Prinzipien für alle Menschen gelten – unabhängig von Glaube oder Nichtglauben. Einfach deshalb, weil sie jeder menschlichen Vernunft – sozusagen dem „gesunden Menschenverstand“ mit Blick ins natürliche Gewissen – einleuchten. Und für dieses Zusammenleben suchte man nach Regeln, die für alle gelten. So wurde das Naturrecht-Denken zu einer kirchlichen Tradition. So sehr, dass manche Kirchen-Skeptiker es geradezu für eine katholische Erfindung halten.

Auch der heute so geläufige Begriff „Menschenwürde“ passt, obwohl schon in der heidnischen Antike bedacht, so überzeugend mit der biblischen Offenbarung zusammen, dass man ihn zwar auch anders erklären kann, dann aber kaum so zwingend wie die Bibel: Der Mensch ist Geschöpf Gottes, geschaffen nach seinem Bild. Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst. Noch verfügt er uneingeschränkt über sich selbst. Das weckt moderne Ressentiments gegen die kirchlich lebendige Naturrecht-Tradition. Wir modernen selbstbestimmten Menschen wollen doch lieber selbst festsetzen, was moralisch richtig ist und rechtens sein soll. Tatsächlich wurde die Erwartung an das Naturrecht im Einzelnen und daran, wie weit es reicht, oft reichlich übertrieben. Naturrechtliche Ansprüche zu präzisieren und ihnen widersprechende Gesetze zu vermeiden, lässt den Rechtsgelehrten genügend Arbeit. Wissend, dass ein Ungeborenes Mensch ist, dürfte dem gesunden Menschenverstand kaum entgehen, dass ein allgemeines Recht auf Abtreibung oder Werbung dafür dem Menschenrecht auf Leben widerspricht.

Der heutige Streit entzündet sich dort, wo es darum geht, Regeln der Moral oder des Rechts, die über alle Kulturgrenzen hinweg gelten sollen, neu zu bestimmen und zu begründen. Manches Freiheitsstreben lässt sich dabei auch von augenfällig sperrigen Wirklichkeiten nicht behindern, wie die jüngste Erfindung eines gesetzlich „dritten Geschlechts“ veranschaulicht.

Gemeint ist der im Personenstandsrecht seit kurzem alternativ zu männlich und weiblich vorgesehene Eintrag „divers“. Begrenzt auf nicht eindeutig – genetisch bedingt –ausgebildete Geschlechtsmerkmale, bliebe, obwohl emotional nachvollziehbar, der Eintrag gleichwohl fragwürdig. Die seltene offenkundig krankhafte Erscheinung gehört in ärztliche Zuständigkeit – einschließlich geschlechtlicher Vorzugs-Zuordnung des Neugeborenen. Sie schafft zudem nicht etwas Drittes. Plausibler erscheint der Eintrag „divers“ als gender-gerechtes Stimulans, auch „gefühlten“ Geschlechtsidentitäten Rechtsstatus einzuräumen. Immerhin äußerte umgehend Bundesjustizministerin Katarina Barley – lt. FAZ v. 15.08.2018 („Männlich, weiblich, divers“): „,Es ist überfällig, dass wir das Personenstandsgesetz jetzt endlich modernisieren.‘ Mit dem zusätzlichen Eintrag „divers“ werde Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zugehörig fühlen, ein Stück Würde und positive Identität gegeben. In einem nächsten Schritt gehe es jetzt darum, rasch weitere unzeitgemäße Regelungen für Transsexuelle zu beseitigen.“

Trotz umfassenden Einvernehmens in Sachen Tötungsverbot haben wir uns – wohl wissend, dass Ungeborene Menschen sind – an vorgeburtliche Kindstötung schon gewöhnt und liebäugeln mit aktiver Sterbehilfe und Suizidassistenz. Und im Zeitalter von Gender, selbstbestimmter Geschlechtsidentität und Ehe für alle werden selbst jahrtausendealte Menschheitserfahrungen – stammtischgerecht – unter Meinungsvielfalt abgetan.

So schrieb zu „Ehe für alle“ schon um das Jahr 250 vor Christus der römische Jurist Herennius Modestinus einen Kommentar: „Ehe ist die Vereinigung von Mann und Frau und Teilung des ganzen Lebens, gemäß sowohl göttlichem wie menschlichem Recht.“ (Justinian, Digestae, XXIII, 2.1).

Zu den Streitpunkten gehört ferner, was wir denn unter Natur verstehen wollen. Abgesehen von den nicht wenigen, für die Natur das ist, was an ihrer Umwelt noch grün ist, gilt dem modernen Menschen durchweg als Natur zunächst der vernunftlose, nach Zufall und Notwendigkeit funktionierende Kosmos insgesamt – als das Gegenüber des Menschen, das er beherrschen will. Naturrecht bekommt da geradezu einen Klang nach Recht des Stärkeren. Und was erst soll mit „Natur des Menschen“ gemeint sein? Seine bloß biologische Existenz, sozusagen als Zufallsprodukt der Evolution? Oder vielmehr das, was das Kulturwesen Mensch ausmacht, ausgestattet mit den Seelenkräften Vernunft, Gefühl, freier Wille? Eine Verständnisbrücke schlug Papst Benedikt 2011 im Deutschen Bundestag, als er – insoweit geradezu pfiffig – eine „Ökologie des Menschen“ anmahnte.

Immerhin wünschen alle Menschen, gerecht, schlicht „menschlich“ behandelt zu werden. So sollen sie selber auch andere behandeln. Und alle wünschen sich Gesetze eben dieser Art. Nur: Was heißt jeweils „menschlich“? Verlangt die Antwort nicht, genau zu sagen, was oder wer der Mensch ist, was ihn auszeichnet, was sein Menschsein ausmacht? Eben darüber streiten heute die Gelehrten – auf der Suche nach einer Antwort, die nicht nur für Christen gilt.

Die Idee des Naturrechts ist, wie gesagt, viel älter als die Kirche. Die Tradition des Nachdenkens darüber, welche moralisch-rechtlichen Bestimmungen der Vernunft aller Menschen einsichtig und ihrem spontanen Gewissen eingeprägt sind, reicht weit zurück. Richtiges Recht, so die bleibende Vorstellung in dieser Vernunfttradition, sei dem Wesen des Menschseins gemäß, werde der „Natur des Menschen“ gerecht. Daher der Name „Naturrecht“.

Trotz allen Streits darum spürt jeder doch: da ist etwas dran. Und wie man das nun nennt, darauf kommt es nicht an. Wie weit man damit kommt, wenn man Gesetze machen muss, ist nochmal eine andere Frage. Das hängt auch von den geschichtlichen und kulturellen Gewohnheiten derer ab, für die diese Gesetze gelten sollen. Noch bis vor kurzem gab es in Deutschland kaum Anlass, über Gesetze nachzudenken, die auch für einen Muslim – und je nachdem, ob Flüchtling, eine wirtschaftliche Chance suchend oder Abenteurer – „richtig“ sind und folglich auch gerecht. Jetzt gibt es Bedarf.

Gerechtigkeit: Kaum ein Wort wird häufiger politisch ausgesprochen und als Forderung erhoben. Auch über Gerechtigkeit lässt sich trefflich streiten. Was jeder jeweils meint, ist recht verschieden. Meistens will man persönliche Interessen oder Meinungen bestätigt sehen. Davon leben bei uns Demonstrationen, Streik und sonstige Protestkultur. Zugleich gibt es meist auch eine Vernunft über den Parteien und Gespür für Ausgleich unter ihnen. Was im Einzelnen rechtens ist in solchem Streit, gibt kaum je das Naturrecht vor. Segensreich, was ihm nicht widerspricht.

Anders liegen die Dinge, wenn irgendwo die Rechtsordnung als solche krankt. Stichwort Unrechtsstaat, zum Beispiel DDR. Noch deutlicher: Deutschland 1945. In den Nürnberger Prozessen urteilten die Alliierten entgegen bislang in Deutschland geltenden Gesetzen nach allgemeinen Rechtsprinzipien, zu denen sie sich bekannten – allem Gesetzesrecht übergeordnet, aber nirgendwo kodifiziert. Bis drei Jahre später, am 10. Dezember 1948, die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte erließen. Ein Jahr später, 1949, tritt das Grundgesetz der Bundesrepublik in Kraft: Grundgebot: Bekenntnis zur Menschenwürde – mit Niederschlag in den Grundrechten, die wiederum den Maßstab für Gesetze liefern. Ist das nicht fortgesetzte Naturrechtstradition, wenn auch unter anderen Begriffen?

So darf man es wohl sehen. Aber doch nicht ganz. Die Würde des Menschen wurde von den Müttern und Vätern unserer Verfassung als oberstes Gebot des deutschen Rechts „gesetzt“. Sie zu begründen, ist den Bürgern überlassen. Die Menschenrechte wurden erklärt, ausgerufen, proklamiert. Dazu reichte in der UNO der Konsens. Begründet wurden sie nicht. Eike von Repgow aber nannte einen Grund, warum Sklaverei immer Unrecht ist: weil Unfreiheit per se gegen das gottgewollte natürliche Recht verstößt.

Hat Eike von Repgow recht, wird sich das niemals ändern. Ob das Menschenrecht auf Leben oder unser Verfassungs-Grundrecht auf Schutz von Ehe und Familie immer ohne Einschränkung gelten werden, bleibt hingegen offen. Zweifel daran sind – ganz aktuell – erlaubt.

Einstweilen, gewiss nicht auf Dauer. Natürliche Wahrheiten, denen man die Tür weist, kommen durchs Fenster wieder rein. Wenn nicht dank friedlicher Einsicht, infolge provozierter Not.