Das unverzichtbare Menschenrecht

Eine zum Tode verurteilte Christin im Sudan, eine „Weltkarte des Christenhasses“ in der Boulevard-Presse – das Schicksal verfolgter Christen rückt mehr und mehr in die Medien. Das ist eine gute Entwicklung, denn um die Religionsfreiheit zu schützen, hilft oft nur öffentlicher Druck. Von Stefan Meetschen

„Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht“, sagt Papst Franziskus. Pakistanische Christinnen protestieren mutig für dieses Recht. Foto: dpa
„Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht“, sagt Papst Franziskus. Pakistanische Christinnen protestieren mutig für diese... Foto: dpa

Zwischen Hoffen und Bangen: Am Wochenende berichteten Agenturen unter Berufung auf das sudanesische Außenministerium, dass die 27-jährige Christin Mariam Jahia Ibrahim Ishak – vor zwei Wochen in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum wegen angeblichen Abfalls vom islamischen Glauben zum Tod durch Erhängen verurteilt – freigelassen werden solle. Schließlich nehme der Sudan die Religionsfreiheit ernst und sei deshalb zum Schutz der Frau, die erst vor einer Woche ihr zweites Kind zur Welt brachte, verpflichtet.

Nun rudert das Außenministerium zurück: Über Ishaks Haftentlassung könne angeblich nur ein Berufungsgericht entscheiden. Die sudanesische Christin bleibt vorerst in der Todeszelle. Ein spektakulärer Fall neben vielen anderen, ähnlichen Fällen. Denn Christen sind die weltweit am stärksten verfolgte religiöse Gruppe. Der Organisation „Open Doors“ nach werden zurzeit rund 100 Millionen Christen in mehr als 50 Ländern verfolgt. Am schlimmsten, so „Open Doors“, sei die Situation in Nordkorea, Somalia, Syrien, Irak, Afghanistan und Saudi-Arabien. Umso erfreulicher ist es, dass beim diesjährigen Katholikentag in Regensburg ein prominent besetztes Podium zum Thema Religionsfreiheit und Christenverfolgung stattfand.

Unter dem Titel „Gotteskrieger, Friedensstifter und Religionsfreiheit“ diskutierten der Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats, Heiner Bielefeldt, der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Deutschen Bundestags, Michael Brand, der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick, und Prälat Klaus Krämer, Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerks „missio“, miteinander über das internationale Phänomen der Christenverfolgung. Und kamen dabei zu interessanten Einsichten und Ergebnissen. So machte Heiner Bielefeldt gleich zu Beginn klar: „Die Religionsfreiheit ist ein unverzichtbares Menschenrecht“. Nehme man den Artikel 18, der diese Freiheit regelt, aus der Charta der Menschenrechte heraus, so bleibe im Prinzip nichts mehr übrig.

Allerdings, so Bielefeldt, seien Länder wie Pakistan oder Ägypten äußerst komplex, weshalb der Professor in Anspielung auf einen Artikel der Bild-Zeitung, in welchem erst neulich eine sogenannte „Weltkarte des Christen-Hasses“ gezeigt wurde, vor Etikettierungen wie „Länder des Christenhasses“ warnte. Bielefeldt bevorzugt eine differenzierte Sichtweise auf die Diskriminierung von Minderheiten. Von gesellschaftlichem Mobbing bis zur Verfolgung reiche das Spektrum: „Es gibt die systematische, vom Staat organisierte Attacke auf Christen, doch die meisten Phänomene, die ich erlebe, haben eher etwas zu tun mit administrativer Schikane.“ Auch ständige Finanzprüfungen oder familienrechtliche Einschränkungen könnten für ein Klima der Einschüchterung sorgen.

Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Deutschen Bundestags, Michael Brand (CDU), hob hingegen die Bedeutung des politischen Dialogs und der politischen Präsenz hervor und nannte als aktuelles Beispiel die kritische Rede des Bundespräsidenten in der Türkei, seine Erinnerung an die Rede- und Meinungsfreiheit. Auch den Fall des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Gabriel erwähnte Brand als positives Beispiel. Nach der umstrittenen Entscheidung des obersten Gerichtshofs der Türkei vor drei Jahren, wonach große Teile des Klosterbesitzes enteignet werden sollten, hatte es von deutscher Seite eine verstärkte diplomatische Präsenz bei den Gerichtsprozessen rund um die Enteignung gegeben. Inzwischen erkenne der türkische Staat erstmals Ländereien des 1 600 Jahre alten Klosters an. Die bürokratischen Hürden seien durch die verstärkte Präsenz vor Ort zurückgegangen, was beweise, „dass man es der anderen Seite nicht zu einfach machen darf“. Brand warnte hingegen davor, bei Spannungen sofort die Entwicklungshilfe zu streichen.

Jedoch müsse Deutschland, dies habe der Kosovo-Konflikt gezeigt, auch bereit zu einer Intervention sein, wenn es zu Völkermorden komme. Der Einsatz für Menschenrechte erfolge zwar meist still und diplomatisch, doch manchmal helfe nur der Druck durch Öffentlichkeit weiter. „Menschenrechtsarbeit ist sehr konkret und darf sich nicht nur auf Sonntagsreden begrenzen“, so Brand, der eine besondere Sympathie für den hl. Bonifatius, den Apostel der Deutschen, durchblicken ließ. Hinsichtlich der Tatsache, dass Christen gerade in Ländern verfolgt würden, wo der Islam Staatsreligion sei, betonte er: „Deutschland muss intensiv den Dialog mit gemäßigten Vertretern des Islam suchen.“

Deutliche Worte fand auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Er rief in Regensburg die Christen dazu auf, sich für die weltweite Achtung der Religionsfreiheit einzusetzen. „Zum Evangelisierungsauftrag gehört die Verkündigung des Menschenrechts Religionsfreiheit“, sagte Schick und wies auf die hohe Zahl verfolgter Christen in der Welt hin. Dabei wies der Erzbischof darauf hin, dass Christenverfolgung nicht nur von Regierungen und Machthabern ausgehe, sondern oft auch durch die Angehörigen dominierender Religionen der jeweiligen Länder. Mangel an Bildung und Vorurteile, so Schick, seien ein weiterer wichtiger Grund für Diskriminierung. Die deutsche Kirche unterstütze die Arbeit interreligiös orientierter Gruppen vor Ort und setze sich „exemplarisch, aber niemals exklusiv“, so sein Slogan, für Christen ein.

Die Ökumene sei ein wichtiger Faktor zur Gewaltminimierung, ebenso wie der unermüdliche Einsatz für Gerechtigkeit, den Schick neben dem „act-to-protect“ (Handeln, um zu beschützen) als wichtigen Punkt seines persönlichen Dialog-orientierten „Credos“ zum Schutz von religiösen Minderheiten vorstellte. Der Präsident des Hilfswerks „missio“, Klaus Krämer, betonte die schwierige Lage für bedrängte Christen. Es seien, so der Prälat, „wichtige Bewährungszeiten für die Kirche“. Deshalb gelte: „Wir Christen müssen unsere Stimme auch dort erheben, wo die Rechte anderer Religionen verletzt werden.“ Zudem müssten die Christen in Krisenregionen klug gestärkt werden, ohne sie in die Situation zu bringen, von ihren Gesellschaften als „Agenten des Westens“ wahrgenommen zu werden, was durchaus passiere.

„Da dürfen wir durch unsere Solidarität und Eifer nichts kaputtmachen“, warnte Krämer, der im Rahmen der Podiumsdiskussion auch auf das Engagement von „missio“ für bedrängte Christen hinwies. So setzt sich das Missionswerk in enger Kooperation mit internationalen Menschenrechtlern und Geistlichen etwa für die Abschaffung der Blasphemiegesetze in Pakistan ein. Auch in Deutschland tue „missio“ viel, um das Bewusstsein für die Verletzung des Rechts auf Religionsfreiheit zu schärfen.

Ein Plakat mit dem Zitat von Papst Franziskus, „Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht“, das zum Jahrestag seiner Amtseinführung verbreitet wurde, sei, so Prälat Krämer, ein großer Kommunikationserfolg gewesen.

Es war jedoch Heiner Bielefeldt, der ein kontroverses Faktum ansprach, das sicherlich dazu beiträgt, dass das Thema Christenverfolgung gerade in Deutschland und Europa lange Zeit totgeschwiegen wurde, obwohl es dringend der öffentlichen Wahrnehmung und des öffentlichen Drucks bedarf. In Deutschland, so Bielefeldt, drohe nämlich die Gefahr, dass „der Respekt vor Religion in einer pluralistischen, freiheitlichen Gesellschaft verloren“ gehe. Dies habe sich aus seiner Sicht bei dem „unerträglichen, verächtlichen Grundton“ der Beschneidungsdebatte gezeigt. Eine Gesellschaft brauche aber Respekt vor den identitätsstiftenden Grundüberzeugungen von Menschen.

Man könnte noch hinzufügen, dass gerade diejenigen, die ihren christlichen Glauben in Europa ernst nehmen und ernst leben, so wie ihre physisch verfolgten Geschwister und Brüder in anderen Kontinenten, mithin einen gewissen Rechtfertigungsdruck erleben und psychologischen Formen der Verfolgung ausgesetzt sind. Manchmal ausgerechnet durch diejenigen, die beim Schicksal verfolgter internationaler Christen auffällig ruhig sind, als würden sie in diesen mutigen Zeugen des Glaubens das wittern, was sie tatsächlich sind: Ein Stachel ins Gewissen europäischer Gläubiger, deren Spiritualität allzu oft von Kompromissen und Konformität geprägt wird.

Oder, wie es Prälat Krämer auf den Punkt brachte: „Christen waren von Anfang an einer Verfolgung ausgesetzt. Wenn wir keinen Widerspruch erhalten, dann stimmt etwas nicht mit unserem Zeugnis.“