„Das ungespielte Konzert“ wird nun doch gespielt

Der Pianist Karlrobert Kreiten wurde 1943 vor einem Konzert verhaftet und später von den Nationalsozialisten ermordet. Von Constantin Graf von Hoensbroech

Der Pianist Karlrobert Kreiten. Foto: IN
Der Pianist Karlrobert Kreiten. Foto: IN

Die Plötzenseer Blutnächte begannen in der Nacht vom 7. auf den 8. September 1943. Bis zum 12. September wurden in der Berliner Haftanstalt rund 250 zum Tode verurteilte Personen hingerichtet. „Um Platz zu schaffen“ hatte das Reichsjustizministerium den sofortigen Vollzug der Urteile angeordnet. In der ersten Nacht wurde auch Karlrobert Kreiten mit sieben weiteren Gefangenen aufgerufen, abgeführt und bei Kerzenlicht – wegen der Bombentreffer gab es kein elektrisches Licht mehr – am Galgen gehängt.

Der junge, aus Bonn stammende Pianist Karlrobert Kreiten, dem eine glänzende Karriere als Klaviervirtuose bevorstand, hatte sich im März 1943, wenige Wochen nach der Kapitulation der Sechsten Armee in Stalingrad, kritisch über den weiteren Kriegsverlauf geäußert. „Der Krieg ist praktisch verloren“, sagte er unter anderem während einer Übungspause im Gespräch mit der Sängerin Ellen Ott-Monecke. Diese hatte ihm übergangsweise das Musikzimmer ihrer Berliner Wohnung zur Verfügung gestellt. Über die kritischen Bemerkungen des jungen Künstlers berichtete Ott-Monecke umgehend ihren im selben Haus wohnenden Bekannten, den überzeugten Nationalsozialistinnen Tiny von Passavant und Annemarie Windmöller. Das Damentrio, Freundinnen beziehungsweise Kolleginnen von Kreitens Mutter, beschloss daraufhin, die Reichsmusikkammer über die Äußerungen des Musikers zu unterrichten. Da nichts Entscheidendes geschah, meldeten sie dies der Geheimen Staatspolizei.

In diesen Wochen bereitete sich der völlig ahnungslose und unpolitische Karlrobert Kreiten auf seinen nächsten großen Klavierabend vor. Das bereits ausverkaufte Konzert sollte am 3. Mai 1943 in der Neuen Aula der Universität Heidelberg stattfinden. Doch dazu kam es nicht. Wenige Stunden zuvor wurde die „pianistische Begabung ganz großen Formats“ (Berliner Zeitung 1938) verhaftet. Trotz mehrfacher Interventionen durch seine Eltern und den Dirigenten Wilhelm Furtwängler wurde er von Roland Freisler, dem berüchtigten Vorsitzenden des Volksgerichtshofs, wegen „Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt. Während der sogenannten Plötzenseer Blutnächte wurde Kreiten in der Nacht vom 7. auf den 8. September 1943 erhängt. An dem begnadeten Musiker sollte ein Exempel statuiert werden. In einer NS-Zeitungsmeldung kurz nach der Hinrichtung hieß es: „Kreiten hat eine Volksgenossin in ihrer treuen und zuversichtlichen Haltung zu beeinflussen gesucht und dabei eine Gesinnung an den Tag gelegt, die ihn aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließt.“

„Man muss an Kreiten erinnern, indem man Musik macht“, sagt Moritz von Bredow, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass Kreitens Schicksal und Begabung „dem Vergessen entrissen werden“. Im Rahmen von Recherchen für sein Buch „Rebellische Pianistin“ über Grete Sultan, eine der großen Pianistinnen des 20. Jahrhunderts, war v. Bredow, nach der Lektüre des „Spiegel“-Artikels viele Jahre zuvor, das Schicksal von Karlrobert Kreiten erneut begegnet. Denn Grete Sultan war die Jugendfreundin von Kreitens Lehrer Claudio Arrau. Der Hamburger Kinderarzt, Musikliebhaber und Autor entwickelte dann 2015 die Idee, „Das ungespielte Konzert“ vom 3. Mai 1943 zum 100. Geburtstag Karlrobert Kreitens aufführen zu lassen. Mit Florian Heinisch, einem 25 Jahre alten hochtalentierten Pianisten aus Eisenach, fand von Bredow, wie er sagt, „den idealen Interpreten“, der von der Idee „sofort fasziniert“ war und über Kreitens Klavierspiel sagt: „Die wenigen Aufnahmen, die es noch von ihm gibt, sprühen von Lebensfreude und Energie, die man so nur selten antrifft.“ Bemerkenswert ist auch die Erinnerung des weltberühmten chilenischen Pianisten Claudio Arrau (1903–1991) an seinen Schüler Kreiten, den er als „das größte Talent, vielleicht dieses Jahrhunderts“ einige Jahre in Berlin unterrichtet hatte.

Zurück zu Heinisch: Er debütierte im November 2015 für die unter anderen von Alfred Brendel und Claudio Abbado gegründete internationale Klavierstiftung The Keyboard Charitable Trust, London, für die Moritz von Bredow ehrenamtlich im Vorstand tätig ist. „Das ungespielte Konzert“ hat Heinisch bereits im Beethovenhaus in Bonn, dem Steinway-Haus in Köln, der Tonhalle Düsseldorf sowie Ende Juni, am 100. Geburtstag von Kreiten, in Heidelberg gegeben. Weitere Stationen waren Bremen, Hamburg, München und Berlin. Das enorm anspruchsvolle Programm umfasst herausragende Werke der Klavierliteratur von Bach (in der Bearbeitung von Busoni), Mozart, Beethoven, Chopin und Liszt.

Als Zuhörer einiger der bisherigen acht „ungespielten Konzerte“ war Karlrobert Kreitens Neffe Gilbert von Studnitz mit seiner Frau und seiner Tochter aus Kalifornien angereist. Der 1950 geborene von Studnitz bezeichnet das Schicksal seines Onkels als „das große Drama unserer Familie“, fügt dann aber mit Nachdruck hinzu: „Durch die vielen Erzählungen meiner Großeltern über ihren Sohn Karlrobert wurde mein Onkel auch für mich eine lebendige Figur: als ob er noch lebte und nur gerade für eine kurze Zeit weg war.“ Dies habe ihn dazu bewogen, die Schirmherrschaft der Konzertreihe zu übernehmen. „Ich hoffe, dass meine Großeltern und meine Mutter ,Das ungespielte Konzert‘ mit Florian Heinisch von irgendwo miterleben – und ich glaube auch, dass Karlrobert irgendwo dafür Beifall spendet.“

Das ungespielte Konzert. Zum 100. Geburtstag des von der NS-Diktatur ermordeten Pianisten Karlrobert Kreiten. Florian Heinisch, Klavier. Lübeck, 21. September 2016, 19 Uhr. Die Gemeinnützige, Königstraße 5; Hamburg, 24. September 2016, 18 Uhr. Ansgar-Kirchengemeinde, Langenhorner Chaussee 266; Karlsruhe, 25. September 2016, Musentempel, Hardtstraße 37a.