Das schlaue Haus denkt für seine Bewohner

Die Funkausstellung Berlin zeigt, wie unsere Lebenswelt zum intelligenten System wird. Von Max-Peter Heyne und Gabriele Leidloff

Auf der Funkausstellung Berlin auch die neuesten Rasierapparate testen. Foto: dpa
Auf der Funkausstellung Berlin auch die neuesten Rasierapparate testen. Foto: dpa

Selten hat die internationale Funkausstellung Berlin den Konsumenten so viele Versprechungen gemacht wie 2014: Bald ist Schluss mit schlappem Gemüse und verbranntem Sonntagsbraten, denn Backöfen und Herdplatten brauchen keine Aufheizphasen mehr und erkennen selbstständig, welche Zutaten wie lange gekocht werden müssen. Frisch gewaschene, aber zerknitterte Wäsche gehört dank verfeinerter Schleudermechanik ebenfalls der Vergangenheit an, stattdessen strahlt exakt gespültes Geschirr wie lackiert. Es gibt nun Wasserhähne, die Hände auch trocknen, Dampfgarer mit 150 Funktionen und Kaffeemaschinen, die 24 Varianten aufschäumen können. Sensoren und Softwarespeichern sei Dank, ist die Küche kein Ort stressiger Arbeit mehr, sondern ein Raum mit Lifestyle-Produkten, die – einmal einprogrammiert – selbstständig erkennen, welche Vorlieben der Benutzer hat und sich entsprechend steuern.

Auch der derzeit erfolgreichste Elektronikkonzern, Samsung aus Südkorea, setzt zusätzlich zu seiner etablierten Mobilgerätesparte auf exquisite Haushaltsgeräte, arbeitet mit einer Riege internationaler Sterneköche („Club des Chefs“) zusammen und präsentiert in der neu gebauten, ausladenden IFA-Halle „CityCube“ das „Show Me-Home“. Ein stilisiertes Haus, das auf die Gewohnheiten seiner Bewohner reagiert, auf den Bedienanzeigen Verbesserungsvorschläge für Energieverbrauch und Einkäufe unterbreitet und unter anderem zur Aufstehzeit Licht- und Kaffeemaschine anschaltet. Eine schöne Ergänzung für das schlaue Haus kommt vom Konkurrenten Panasonic, wo ein virtueller Spiegel angeboten wird, der dem Spiegelbild Vorschläge für die Hautpflege macht.

Denn auch die Gesundheitsvorsorge gehört zur Konzeption eines „smarten“ Wohnens, das auf noch mehr Komfort und Effizienz, aber auch umfassendes Energiesparen ausgerichtet ist. „Diese Zukunft ist nicht etwas, das in weiter Ferne liegt“, sondern bereits für 45 Millionen Haushalte in Vorbereitung ist, die Samsung bis 2018 weltweit mit SmartHome-Systemen ausstatten will, sagte der Präsident des Konzerns Boo-Keun Yoon bei seinem IFA-Vortrag: „Sie sind es, die das SmartHome gestalten“, betonte Yoon gegenüber den Zuhörern. Die entsprechende Steuerungstechnologie soll mit den Produkten anderer Anbieter kompatibel und offen für Partnerschaften sein, heißt es. Dann stünde einem mitdenkenden Haus, dessen Geräte von unterschiedlichen Herstellern stammen, aber komplett miteinander vernetzt sind und sich durch eine einzige App steuern lassen, die online heruntergeladen werden kann, nichts mehr im Wege. Deshalb hat Samsung kürzlich die offene Internetplattform für das intelligente und vernetzte Zuhause, „SmartThings“, übernommen. Ein Signal, dass man es mit der Gerätevernetzung innerhalb, aber auch außerhalb der vier Wände ernst meint.

„Wer Insellösungen anbietet, wird es künftig schwer haben“, meint der Vorsitzende des Fachverbandes Haushalt-Großgeräte im Zentralverband der Elektro- und Elektronikindustrie (ZVEI), Reinhard Zinkann, zum Vernetzungstrend. Zinkann, der Chef des Geräteherstellers Miele ist, gab selbstkritisch zu bedenken, dass die meisten Hersteller derzeit jeweils noch eigene Patente und Apps für ihre Geräte entwickeln und der Markt entsprechend zersplittert ist: „Bei der Interoperabilität haben die Hersteller noch viel zu tun“, bekannte Zinkann. Miele bietet eigenen Angaben zufolge mehr als 400 vernetzungsfähige Modelle an und die Geräte von Siemens und Bosch können bereits mit derselben App überwacht werden. Wenn nun ein Elektronikkonzern mit seiner Produktlinie nicht in der Lage ist, ein SmartHome vom Kühlschrank über die Waschmaschine bis hin zum Smartphone zu produzieren und auf dem Markt anzubieten, wie es bei den meisten europäischen Herstellern der Fall ist, so bleibt nur die Kooperation oder Fusion mit kleineren, spezialisierten Firmen. Deshalb fusioniert etwa Panasonic mit dem Küchenhersteller Gorenje und hat den 2008 als Label verschwundenen HiFi-Hersteller Technics unter dem Motto „Rediscover Music“ wiederbelebt, um die gesamte Produktpalette zu integrieren. Allerdings war auf der IFA auch zu beobachten, dass nicht alle Hersteller diesen Weg gehen: SONY will als einer der wenigen asiatischen Konzerne Samsung bei der Mobilgeräteentwicklung Paroli bieten und setzt auf „anziehbare“ Mobilgeräte wie den Computer als Armbanduhr („Smart Watch 3“) und verzichtet auf den Bereich des Hauses; Panasonic und die Euro-Firmen Philips und Siemens investieren hingegen massiv gerade dort.

Kein Kabelgewirr stört beim Durchschreiten der stilisierten Räume, das in den Untergrund verlagert wird. Denn Kabel sind beim SmartHome sogar in größerer Zahl nötig, um die Geräte zu vernetzen. Die Bedienung per Smartphone geschieht indirekt, nämlich zunächst online oder per App zur in der Wand eingebauten Dockingstation, die wiederum die „smart appliances“ klassisch per Infrarot ansteuert. Im E-Haus wird auch das abstrakte Thema Datenaggregation nachvollziehbar, da der Wirtschaftsraum, in dem die Strom- und Wasserversorgung überwacht wird, künftig gegenüber einem Datenspeicherung- und Kontrollsystem an Bedeutung verliert. Dies erst recht, wenn der Hauseigentümer durch auf dem Dach installierte Windkraft- und Sonnenenergiespeicher seine Energie weitgehend autark herstellt. Aber auch wenn dies nicht der Fall ist, so wird das Kontrollsystem im SmartHome künftig in der Lage sein, Strom nur dann zu bestellen, wenn er besonders günstig ist – was eine direkte Vernetzung des Haussystems mit demjenigen der Energiebörse in Leipzig möglich macht.

Vernetzung auf lokaler Ebene, aber dezentrale Versorgung im Großen – das ist die Perspektive auch bei der Unterhaltungselektronik: Gigantische Flachbildschirme – bei Grundig etwa mit über 160 Zentimeter Bildschirmdiagonale – liefern immer noch feinere und klarere Bilder. Das ultra-hochauflösende UHD-TV und die 4K-Technologie setzen sich als Standard durch.